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Wer meint, mit der Rückkehr sei die Sache gelaufen …

Portrait Nina Wiedemann

Ankommen und wiedereingliedern

Ein weltwärts-Freiwilligendienst prägt und verändert. Die Freiwilligen bringen von ihrem Jahr im Ausland einen großen Koffer voller individueller Eindrücke und Erfahrungen mit zurück und müssen sich nach ihrer Rückkehr neu orientieren. Wo geht die Reise hin? Was tun mit all dem Gelernten und Erfahrungen. Vincent Gstettenbauer und Nina Wiedemann waren über die Entsendeorganisation Deutsch-Indischen Zusammenarbeit e.V. in Indien und engagieren sich seither in unterschiedlichen Bereichen.

Ein grauer, wolkenverhangener Himmel, düstere Betonbauten am Flughafen und menschenleere Straßen bei nasskalten 5 Grad Celsius. Ist es das, was mich in den ersten Stunden nach der Rückkehr in Deutschland erwarten sollte – nach den so gastfreundlichen, engen und familiären Bekanntschaften, welche ich in meinen acht Monaten in Indien machen durfte? Oder sind es meine Freunde, die mich mit strahlenden Gesichtern am Terminal abholten? Oder meine Familie, die mich zu Hause erwartungsvoll mit einem gedeckten Frühstückstisch überraschte?

Erwartungen. Von mir. Und an mich.

Mehrere Personen sitzen im Kreis und unterhalten sich
Über das Erfahrene reflektieren, Schönes teilen und Probleme besprechen – Eine Gruppe von weltwärts-Freiwilligen beim Zwischenseminar im indischen Nagpur.

Die ersten Tage und Wochen waren entscheidend für das, was ich aus meinem Freiwilligendienst mitnehmen und behalten würde! Wie ich ihn im Kontext zu meinem weiteren Leben in Deutschland sehen und wie intensiv ich mich mit entwicklungspolitischen Themen auseinandersetzen würde. Wie die meisten habe ich direkt nach der Schule meinen Freiwilligendienst angetreten. Da sich nach der Rückreise nicht immer sofort eine Ausbildung oder ein Studium anschließt, stellt sich erstmal die Frage: Was jetzt?

Was jetzt?

Infomaterial der politischen Freiwilligenvertretung internationaler Freiwilligendienste
Als PFIF – Politische Freiwilligenvertretung internationaler Freiwilligendienste bei der Jubiläumsfeier von „1o Jahre weltwärts“ in Berlin 2018. Foto: © Vincent Gstettenbauer

Im ersten Moment nach der Rückkehr erlebte ich das eigene Land als befremdlich. Gleichzeitig stand ich meinem früheren Leben etwas orientierungslos gegenüber. Bei dem Versuch der Wiedereingliederung waren Freunde und Familie für mich die wichtigsten Stützen. Sie gaben mir das Gefühl, gebraucht zu werden, und haben mich bei schwierigen Entscheidungen oft unterstützt. Trotzdem können Familie und Freunde kaum beurteilen, wie schwierig es sein kann, in Deutschland seinen angestammten Platz wiederzufinden.

Damals, im Freiwilligendienst, konnte ich mich nach einer gewissen Zeit mit der meist klar definierten Aufgabenstruktur identifizieren. Nun stehe ich plötzlich alleine vor Herausforderungen und Entscheidungen, die den künftigen Lebensweg bestimmen werden. Genau an dieser Stelle bewährt sich das Netzwerk mit anderen Freiwilligen und der Austauschorganisation: Sich mit Rückkehrerinnen und Rückkehrern über Probleme, Erfahrungen, Perspektiven und Chancen auseinanderzusetzen, hilft oft weiter, bringt neue Ideen und wirkt enorm ausgleichend und inspirierend.

Erfahrungen weitertragen − entwicklungspolitisch engagieren.

Inwiefern das eigene Vor-weltwärts-Leben und seine Gepflogenheiten später dann mit den Erfahrungen des Freiwilligendienstes im Einklang stehen und welche Schlüsse man für sich selbst daraus zieht, bleibt aber letztlich immer eine rein individuelle Entscheidung. Klar, Widersprüche sind vorprogrammiert. Wer aber meint, mit der Rückkehr und dem Ende des eigentlichen Dienstes sei die Sache gelaufen, irrt sich gewaltig. Das weltwärts-Programm versteht sich als globales Lern- und Austauschprogramm und hat darüber hinaus den Anspruch an die Freiwilligen, Geist und Erfahrungen aus der aktiven Zeit in ein entwicklungspolitisches Engagement in Deutschland einzubringen. Wir, also die ehemaligen Freiwilligen, sollten unseren kritischen Blick und unseren Willen zum Gestalten dazu nutzen, unsere Mitmenschen entwicklungspolitisch zu sensibilisieren und unseren Beitrag dazu leisten, die Welt ein Stück besser zu machen.

Von Vincent Gstettenbauer und Nina Wiedemann

Vincent Gstettenbauer studiert seit 2017 „Internationale Beziehungen“ in Dresden. Vincent war 2016/17 mit der Deutsch-Indischen Zusammenarbeit e.V. in Indien und hat seine Erfahrungen als Anstoß genommen, sich verstärkt entwicklungspolitisch zu engagieren. Dabei beschäftigt er sich vor allem mit Fragen wie der entwicklungspolitischen Ausrichtung von „weltwärts“, seiner freien Zugänglichkeit durch alle Bevölkerungsgruppen und Schichten sowie die Stellung von „weltwärts“ innerhalb des Spektrums ehrenamtlichen Engagements. Vincent hat in der Konsultationsgruppe „Verfahren“ bezüglich verpflichtenden Vor- und Nachuntersuchungen sowie in der Arbeitsgruppe „Wirkungsfüge“ des Gemeinschaftswerks für die PFIF gearbeitet und befindet sich derzeit in Singapur für ein Auslandsemester.

Nina Wiedemann studiert seit 2017 Kulturwissenschaften. Durch ihre Erfahrungen in Indien bei der NGO Chaithanya Mahila Mandali beschäftigt sie sich weiterhin mit dem Thema "Zwangsprostitution in Indien" und organisierte u. a. einen Vortrag dazu bei der interkulturellen Woche in Leipzig. Sie arbeitet mit dem bundesweiten universitären Bildungsverein Weitblick e. V. zusammenzuarbeiten und engagiert sich für deren Ziele.

Weitere Informationen

Zur Website der Politischen Freiwilligenvertretung internationaler Freiwilligendienste

www.freiwilligenvertretung.de