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Auch im Jahr 2025 begegnen Menschen mit Behinderung immer noch viele Hürden im alltäglichen Leben. Ob in der Schule, im öffentlichen Nahverkehr oder Berufsleben: Menschen mit Behinderung werden in der Planung des Zusammenlebens häufig vergessen – gar ausgeschlossen. Zum Tag der Menschen mit Behinderung erzählt Samuel von seinen Erfahrungen im Freiwilligendienst. Der 23-Jährige Gnaé Guelanimagon Samuel kommt aus Grand-Bassam, einer kleinen Stadt am Meer in der Elfenbeinküste und sitzt im Rollstuhl. Im Jahr 2024 hat er einen weltwärts-Freiwilligendienst in Reutlingen gemacht. Im Interview erzählt er von seinem ersten Eindruck von Deutschland, den Hürden im Alltag und, warum er Menschen mit Behinderung einen Freiwilligendienst empfiehlt.
Samuel: Nach meinem Abitur habe ich überlegt, was ich machen könnte. Einen Freiwilligendienst in Deutschland zu absolvieren, war ein Vorschlag von einer deutschen Bekannten.
Samuel: Auf jeden Fall war ich aufgeregt. Viele Ideen schossen mir durch den Kopf. Ich hatte große Lust auf das Abenteuer, aber auch ein bisschen Angst – zum Beispiel vor dem langen Flug.
Samuel: Alles war total ungewohnt. Ich hatte das Gefühl, auf einer anderen Welt zu sein – mal neugierig, mal verloren. Konkret war ich zum Beispiel von der guten Infrastruktur und den vielen Institutionen überrascht. Beim Arzt einfach einen Termin machen zu können oder die Post nach Hause geliefert zu bekommen war faszinierend für mich. Die Sauberkeit der Städte, die Apps für die öffentlichen Verkehrsmittel und viele andere Sachen waren neu für mich.
Samuel: Vor Ort gab es immer viel zu tun, da den Klient*innen viele alltägliche Angebote zur Verfügung stehen. Ich habe Kaffee oder Tee gekocht, die Esstische gedeckt und abgeräumt, gewischt oder den Klient*innen mit schweren Behinderungen das Essen serviert – ein bisschen wie ein Kellner im Restaurant. Zusätzlich half ich im Haushalt und Alltag der Menschen oder habe mit den Senior*innen und Kolleg*innen Brettspiele am Tisch gespielt.
Samuel: Also die Sprache war zweifellos die größte Hürde. Ich hatte bei Beginn meines Freiwilligendienstes gerade erst die Schule abgeschlossen und deshalb noch nicht viele Möglichkeiten Deutsch zu lernen.
Zu der Sprachbarriere kam dann der ungewohnte Berufsalltag hinzu, der gelegentlich eine große Herausforderung war. Ich hatte wirklich keine Ahnung von den Ansprüchen, die die Arbeitswelt so mit sich bringt. Dabei war es erforderlich, recht selbständig zu arbeiten. Ich sagte immer zu meinen Bekannten: „Hier in Deutschland ist in einem neuen Ort alles neu“. Deswegen hatte ich immer große Angst davor, etwas kaputt- oder falschzumachen, die Schlüssel zu verlieren oder ähnliches. Zwar ist Deutschland schön, aber auch ein teures, bürokratisches und juristisch kompliziertes Land. Gott sei Dank ist nie etwas passiert. Außerdem hatte ich nette Kolleg*innen, die mir jedes Mal zur Seite standen, wenn ich Fragen hatte.
Was die Barrierefreiheit angeht, habe ich viele Hindernisse erlebt. Es gibt noch viele Züge, die keine behindertengerechte Ausstattung haben, beispielsweise der Regionalzug Nummer 6 Reutlingen-Sigmaringen. Hochhäuser haben nicht alle einen Fahrstuhl. Nicht überall sind die Straßen so konzipiert, dass es mit dem Rollstuhl einfach ist, in den Bus einzusteigen. Gleichzeitig sind die meisten Menschen sehr nett und hilfsbereit – mich hat noch nie jemand beim Aus- und Einstieg in den Bus im Regen stehen lassen.
„Mein Freiwilligendienst in Deutschland war nur möglich dank eines Programms von AREBO-Bouaké und dem Team von BruderhausDiakonie. Tatsächlich haben sie den Einsatz ein ganzes Jahr vorbereitet, damit ich als Mensch mit Behinderung mein soziales Jahr unter den bestmöglichsten Bedingungen durchführen konnte.“
Samuel: Ich habe viele schöne Erinnerungen und wertvolle Learnings aus meinem Freiwilligendienst mitgenommen. Dazu zählen die Erfahrungen, die ich im Arbeitsalltag gemacht habe, Frei- und Arbeitszeit zu haben und finanziell unabhängig zu sein. Ich fand es auch sehr spannend, den deutschen Lebensstil kennenzulernen.
Den größten Einfluss hatte der Freiwilligendienst wohl auf meine Sprachkenntnisse. Wenn man vor Ort ist, mit den Menschen spricht und interagiert, kann man eine Sprache am besten lernen. Besonders mein Hörverstehen hat sich erheblich verbessert.
Samuel: Im Moment bin ich noch nicht irgendwo tätig. Seit zwei Jahren studiere ich aber Germanistik an der Universität Alassane Ouattara von Bouaké, die zweitgrößte Stadt der Côte d’Ivoire. Warum Germanistik? Naja, ich habe festgestellt, dass die Beziehung zwischen der deutschen Sprache und mir sowohl eine Angelegenheit des Schicksals als auch eine Liebesgeschichte ist. Deutsch zu sprechen, fällt mir auch sehr viel leichter als Englisch. Deshalb habe ich mich bereits in der Vor-Abiturklasse entschlossen, deutsch an der Uni zu studieren. Ich möchte gerne Lehrer werden. Die Möglichkeit, einen Freiwilligendienst in Deutschland zu machen, war für mich eine Gnade Gottes.
Samuel: Meine Empfehlung ist ganz einfach: Natürlich gibt es für Menschen mit Behinderung faktische Hürden bei einem Freiwilligendienst. Zumindest die lähmende Behinderung „Nein, das schaffe ich nicht“, die im Kopf stattfindet, lässt sich überwinden. Zweitens ist Deutschland ein sehr inklusives Land mit vielen öffentlichen behindertengerechten Einrichtungen. Die meisten Menschen, die ich dort kennengelernt habe, sind total nett und hilfsbereit. Man sollte meiner Meinung nach die Chance nutzen, einen Freiwilligendienst in Deutschland zu machen.
„Zum Tag der Menschen mit Behinderung – sowie an allen anderen Tagen – wünsche ich mir ganz viel Mut in der Hoffnung auf ein besseres Morgen.“
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