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Als ausgebildete Krankenpflegerin und Hebamme entschied sich Simone für einen weltwärts-Freiwilligendienst in Mexiko. Das Projekt „Hogar Comunitario Yach'il Antzetic“ bietet einen Schutz- und Bildungsort für Frauen in verschiedensten Lebenslagen. Vor Ort begleitet sie Schwangerschaften und Geburten, engagiert sich aber vor allem in der Präventionsarbeit. In Workshops spricht sie mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen über Themen wie Selbstfürsorge, Sexualität und Gewalt. Im Interview anlässlich des Internationalen Tags der Hebamme (05. Mai) erzählt Simone, warum Hebamme sein mehr bedeutet als Geburtshilfe, welche Herausforderungen die Arbeit mit sich bringt – und wie das Projekt Frauen langfristig stärkt und empowert.
Simone: Ich habe nach der Realschule erst mal eine Ausbildung zur Krankenpflegerin gemacht und dort, im Rahmen der Ausbildung, auch auf einer gynäkologischen Station gearbeitet. Hierzu gehörte auch ein Schnuppertag im Kreißsaal. Ich fand das Thema Geburt superspannend, da man moderne Medizin mit traditionellen Wegen der Entbindung verbindet.
Darüber hinaus können sich Hebammen selbstständig machen und damit eigenverantwortlicher arbeiten. Ich war sehr, sehr gerne Krankenschwester. Dabei hat mich aber stets gestört, dass die Entscheidungen immer beim Arzt oder der Ärztin liegen. Als Hebamme kann ich selbstständig sein und empowern.
"Hebammenarbeit ist vor allem das: Begleitung, Unterstützung und das Empowerment von Frauen. Und es mag sein, dass diese Frauen gerade nicht schwanger sind, aber trotzdem hat die Arbeit das gleiche Ziel: gesunde, glückliche, selbstständige, emanzipierte Frauen und Mütter."
Simone: Meine Einsatzstelle heißt „Hogar Comunitario Yach'il Antzetic“. Hogar Comunitario bedeutet „gemeinschaftliches Zuhause“. Yach'il Antzetic heißt auf einer lokalen indigenen Sprache „die neuen Frauen“. Zusammen also „Gemeinschaftshaus der neuen Generation der Frauen“.
Das Projekt ist vor ungefähr 30 Jahren gegründet worden. Damals war San Cristóbal in den zapatistischen Aufstand in Chiapas verwickelt, einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Regierung und den Zapatisten. Kriegerische Auseinandersetzung bedeutet immer Gewalt, auch sexualisierte Gewalt. Viele Frauen wurden unfreiwillig schwanger. Sie haben ihre Schwangerschaft versteckt, Babys allein geboren und diese teilweise unter Autos oder in Blumenkübeln zurückgelassen.
Hieraus ist das Projekt entstanden. Das Ziel war es, einen Raum der Sicherheit für Frauen zu bieten, die durch Gewalt schwanger geworden sind, in Gewalt leben, oder ungeklärt schwanger geworden sind – und jetzt einen Ort brauchen, an dem sie ein paar Monate leben und entbinden können. Das hat sich geändert, da der Bedarf in diesem Ausmaß – Gott sei Dank – nicht mehr vorhanden ist.
Inzwischen gibt es die Abteilung „Salud“. Hier liegt der Fokus auf psychologischer Betreuung, aber eben auch Schwangerenbetreuung, Geburt und Wochenbett. Es gibt die Abteilung „Trama“, in welcher Frauen im Handwerk ausgebildet werden und auch lernen, wie viel sie für ihre Arbeit verlangen dürfen und sollten.
Es geht um Wertschätzung der eigenen Arbeit und darum, Selbstbewusstsein zu entwickeln. Ich arbeite in der Abteilung „Prävention“. Diese ist die größte. Wir gehen an Schulen, Universitäten, Kindergärten und sprechen mit Schüler*innen, Lehrer*innen und Eltern über Themen wie Kommunikation, Teamarbeit, Selbstfürsorge, Identitätsentwicklung, Sexualität, aber natürlich auch über Gewalt.
Simone: Ich habe mich bereits vorher auch schon mit dem Kontext versucht zu befassen, aber beispielsweise ein Buch zu lesen, ist noch mal etwas ganz anderes, als vor Ort zu leben und zu arbeiten. Am Anfang habe ich echt viel Ungeduld und Frustration gespürt. Wir haben teilweise jede Woche Workshops in der gleichen Schule gegeben. Und auch nach dem zehnten Workshop haben sich die Frauen außerhalb dieses Raumes nicht getraut, etwas zu sagen. Junge Frauen im Alter von zwölf oder 13 Jahren sind verheiratet und können die Schule nicht beenden.
Das ist wahnsinnig traurig zu sehen. Irgendwie hat man manchmal auch das Gefühl, die Arbeit bringt nichts. Aber natürlich ist es auch naiv zu denken, man geht da jetzt ein halbes Jahr hin und sieht irgendwelche Wunder.
Ganz viel von den Sachen, die wir sagen, bleiben auch gar nicht hängen. Dennoch habe ich die Hoffnung, dass vielleicht in einigen Jahren die jungen Frauen eigene Kinder haben und es anders machen, als sie es erlebt haben. Das ist eine Arbeit, die unfassbar viel Zeit braucht. Man sieht weniger direkte Erfolge – wie beispielsweise im Klinikalltag. Das ist mir am Anfang schwergefallen. Du siehst auf der einen Seite das unfassbare Leid. Und auf der anderen Seite eine sehr langsame Veränderung.
Simone: An einem typischen Tag treffen wir uns morgens um 7 Uhr in der Stadt, wo die colectivos, also die kleinen Autobusse oder Gemeinschaftstaxis, losfahren. Wir haben alle unsere Materialien dabei und fahren in eine comunidad, ein kleines Dorf außerhalb. Dort geben wir in möglichst vielen Klassen einen Workshop. Dann fahren wir heim. Am nächsten Tag gehen wir ins Büro, wo wir Berichte schreiben und alles nacharbeiten.
Viele würden denken: Hebamme sein heißt, Geburten zu begleiten. Und wenn Geburten anstehen, bleibe ich auch in Berufsbereitschaft. Aber meine Hauptaufgabe ist die Präventionsarbeit. Das mag jetzt nicht die Art von Tätigkeit sein, bei der man mit Schweiß und Blut vollgespritzt wird – aber sie gehört genauso zum Hebammenjob dazu.
Hebammenarbeit ist vor allem das: Begleitung, Unterstützung und das Empowerment von Frauen. Und es mag sein, dass diese Frauen gerade nicht schwanger sind, aber trotzdem hat die Arbeit das gleiche Ziel: gesunde, glückliche, selbstständige, emanzipierte Frauen und Mütter.
Simone: Direkt in den ersten Wochen durfte ich eine Geburt begleiten. Die werdende Mutter ist mit 14 Jahren schwanger geworden, lebt in keiner behüteten Umgebung, mit acht Brüdern, um die sie sich auch mitkümmern muss, mit einem Vater, der gewalttätig ist. Auch bei der Geburt hat man gemerkt, dass die Vorsorge fehlte.
Wir wussten nicht, dass sie mit Zwillingen schwanger war, und der zweite Zwilling kam tot zur Welt. Ich finde es unfassbar, was diese Frau – besser gesagt, dieses Mädchen – geleistet hat. Das Wunderschöne an der Sache ist, dass sie nun seit zwei Monaten bei uns arbeitet. Hier kann sie jetzt Geld verdienen, anderen Menschen helfen und mit ihrem Kind und Geschwistern in einem geregelten Umfeld Fuß fassen. Sie ist immer umgeben von Frauen, die Unterstützung bieten können und ihr zuhören.
Ich würde sagen, dass sie in ein paar Jahren vermutlich auch irgendwo im Bereich der Prävention tätig sein wird und ihre Geschichte anderen Schüler*innen erzählt. Ich finde das ein wunderschönes Beispiel dafür, wie der Kreis der Gewalt unterbrochen werden kann.
Simone: Das Konzept „von Frauen für Frauen“ und „von Betroffenen für Betroffene“ macht das Projekt erst zu dem, was es ist. Zum einen sind bei uns auf der Arbeit nur Frauen, das heißt, das Ambiente ist ganz anders, weil erst mal einiges an Machtstruktur wegfällt. Der Leitspruch des Projekts ist: „¿Cómo está tu corazón?“. Das bedeutet: „Wie geht es deinem Herzen?“. Jeder Tag beginnt damit, dass man zunächst in sich selbst hineinhorcht, bevor man versucht, sich um andere zu kümmern. Erst wenn ich weiß, wie es mir geht, kann ich meine Grenzen setzen.
Der Fokus liegt also sehr auf Selbstfürsorge. Zum anderen ist eine Besonderheit, dass sehr viele unserer Kolleginnen indigene Sprachen sprechen. So haben alle Schüler*innen die Möglichkeit, alles nachvollziehen zu können und sich auch wohlzufühlen. Manche Themen können in der Muttersprache einfach besser aufgenommen werden.
Simone: Vor meinem Freiwilligendienst war ich mir sehr unsicher, ob das weltwärts-Programm etwas für mich ist. Meinem Gefühl nach war das Programm eher für Menschen ausgelegt, die gerade frisch aus der Schule kommen. Während meines Freiwilligendienstes habe ich dann aber gemerkt, dass ich auf jeden Fall Teil der Zielgruppe bin. Ich glaube, für mich war es die perfekte Zeit, einen Freiwilligendienst zu machen. Ich konnte Lebens- und Arbeitserfahrung mitbringen, und einige Dinge, wie beispielweise allein auf einem anderen Kontinent zu leben, fielen mir vielleicht leichter als anderen. Mein Tipp: Du bist nicht zu alt für den Freiwilligendienst!