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Wenige Tage nach ihrem 18. Geburtstag ist es so weit: Marie geht für ein Jahr nach Vietnam, um einen weltwärts-Freiwilligendienst im Turtle Conservation Centre (TCC) zu absolvieren. Fast acht Jahre später verbindet sie immer noch viel mit dem Projekt. Mittlerweile studiert Marie Biologische Ozeanographie und Biologie im Master und beginnt im Herbst ihren Doktor. Anlässlich des Weltnaturschutztags am 28. Juli blickt die Biologin zurück auf ihren Freiwilligendienst. Sie berichtet über regnerische Tage im Schildkröten-Gehege, Wildtierhandel und ein Wiedersehen.
Marie: Seit ich klein bin, interessiere ich mich für Biologie. Für mich war klar, dass ich meinen Freiwilligendienst auch in diesem Bereich machen möchte – gerne ein Projekt mit Tieren. Durch dieses Interesse bin ich erst darauf gekommen, mich über einen potenziellen Freiwilligendienst zu informieren. Das Land war für mich erst mal zweitrangig. Mir ging es vor allem um die allgemeine weltwärts-Erfahrung. Während des Freiwilligendienstes habe ich die Schildkröten richtig lieben gelernt und war am Ende auch froh, genau in diesem Projekt gewesen zu sein.
Marie: Wir hatten einen relativ geregelten Tagesablauf. Morgens sind wir immer zusammen zum Centre gefahren und haben dort alles für die Besucher*innen und Tourist*innen vorbereitet. Dann hat man sich meistens besprochen, was an dem Tag alles so ansteht. Mein Mitfreiwilliger und ich hatten die Verantwortung für zwei Gehege inklusive der darin lebenden Schildkröten. Das heißt: Gehege säubern und Schildkröten füttern.
Außerdem haben wir die Schildkröten regelmäßig gemessen, besonders die frisch geschlüpften. Die muss man in dem Gehege auch erst mal finden. In der Summe waren das rund 1700 Schildkröten – also ganz schön viel Arbeit. Bei der medizinischen Versorgung durften wir zuschauen und so weit mithelfen, wie wir es als 18-jährige Abiturient*innen eben konnten.
In der Zeit habe ich auf jeden Fall einiges an Resilienz aufgebaut. Wenn man im Winter monatelang in offenen Gehegen im Regen Schildkröten versorgt, ist das schon sehr anstrengend. Es war nicht möglich, einfach zu sagen, dass man jetzt keine Lust darauf hat – denn die Tiere müssen versorgt werden.
Marie: Das Projekt hat drei zentrale Ziele. Bildung ist eines davon. Das Projekt möchte die lokale Bevölkerung über die Bedeutsamkeit des Schildkrötenschutzes aufklären und für den Wildtierhandel sensibilisieren. Ein zweites Ziel ist es, diese bedrohten Schildkröten bei uns aufzunehmen. Die teils von der Polizei konfiszierten Schildkröten kommen zu uns. Das dritte Ziel besteht darin, stark bedrohte Arten nachzuzüchten und – wenn möglich – wieder auszuwildern.
Für mich persönlich hat sich die Arbeit manchmal angefühlt wie gegen Windmühlen anzukämpfen. Jedes Mal, wenn man 100 Schildkröten freigelassen hatte, kamen 300 wieder zurück. Da kam manchmal der Gedanke auf: Wofür mache ich das hier eigentlich? Aber wenn man dann morgens zum Ei-Inkubator gegangen ist und da gerade eine Schildkröte ganz frisch geschlüpft ist, wusste man wieder, dass das alles schon einen Sinn hat.
Marie: Es gibt nur noch wenig Lebensraum, in welchem man die Tiere wieder sicher auswildern kann, ohne dass sie in einer Woche erneut bei uns landen. Im Vietnamkrieg wurde sehr viel Land und Wald zerstört und die Urbanisierung nimmt den Tieren Lebensraum weg. Eine weitere Bedrohung für die Schildkröten ist der illegale Wildtierhandel. Schildkröten werden für traditionelle chinesische Medizin, als Delikatessen oder für den Haustierverkauf gefangen.
Das sind dann auch teilweise die, die nach Europa oder Nordamerika exportiert werden. Aus all diesen Gründen sind die Schildkröten so bedroht, dass sie kurz vor dem Aussterben sind. Hier setzt das Projekt an: Es werden Arten erhalten, die sonst vielleicht irgendwann aussterben würden oder ohne Hilfe des Turtle Conservation Centre schon ausgestorben wären. Der Fokus auf Umweltbildung schafft Bewusstsein bei den Menschen und problematisiert gleichzeitig den Wildtierhandel.
Marie: Für mich ist das Thema Umwelt seit der Kindheit durch mein großes Interesse an Biologie wichtig. Mir ist aber generell bewusster geworden, wie relevant es ist, mit welchem Bezug zur Umwelt man aufgewachsen ist. Das prägt den späteren Umgang mit ihr. Es gab leider sehr viele Tourist*innen, die ihren Müll einfach in den Nationalpark geworfen haben. Die Bildung ist hier ein wichtiger Ansatzpunkt – das habe ich im Rahmen des Projektes selbst bei Kindern gesehen. Man muss kein Umweltaktivist werden, aber man sollte lernen, die Natur wertzuschätzen.
Marie: Als ich frisch aus meinem Freiwilligendienst kam, wollte ich eigentlich erst Ökologie studieren, gegebenenfalls mit dem Schwerpunkt auf Artenerhaltung. Schlussendlich habe mich dann für ein Biologiestudium entschieden und bin dann bei der Mikrobiologie hängen geblieben. Ich war nach meinem Bachelor nochmal vor Ort für ein Praktikum. Es war total spannend, nach vier Jahren wieder in das Projekt zurückzukommen und zu sehen, wie schnell es sich entwickelt hat.
Viele im Projekt arbeiten dort immer noch und ich habe viel Zeit mit meiner ehemaligen Mentorin verbracht, die ich mittlerweile eine Freundin nenne. Durch meine Erfahrung im Studium konnte ich auch viele Dinge selbstständig machen. Bei der Arbeit vor Ort im Labor habe ich festgestellt, dass sich Tiermedizin und Mikrobiologie gar nicht ausschließen. Ich habe nun geplant, einen Doktor an einem Institut für Tiermedizin in Schottland zu machen. Und ich hatte sogar überlegt, auch in der Zukunft mit dem Centre zusammenzuarbeiten, dann aber eher in Bezug auf Krankheiten.
Marie: Ich fand es so schön, wie sehr alle dort für die Projekte gebrannt haben. Meine Mentorin war ein ganz großes Vorbild für mich. Denn sie ist eine vietnamesische Frau, die quasi ihr ganzes Leben für dieses Centre und für die Schildkröten gegeben hat. Das ist etwas, das vor Ort sehr ungewöhnlich ist. Diese Stärke und diese Geschichten haben mich beeindruckt und inspiriert.