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Zum Welttag der Kreativität und Innovation am 21. April erzählt Anton von seinem Freiwilligendienst in Ecuador. Der damals 25-Jährige reiste im September mit der Entsendeorganisation Open Door International nach Südamerika. Vor seinem Freiwilligendienst machte er bereits einen Bachelor sowie Master in systematischer Musikwissenschaft mit Fokus auf Musikpsychologie. Bevor es direkt in die Arbeitswelt geht, wollte Anton mit einem weltwärts-Freiwilligendienst eine Realität fernab der Eigenen erleben. In Ecuador gab er im Rahmen des Projektes Sinamune Musikunterricht für Menschen mit Behinderung, spielte im Orchester und sammelte wertvolle Erfahrungen in dem südamerikanischen Land.
Anton: Auch durch etwas Zufall bin ich bei Sinamune gelandet. Ich hatte mich zunächst für ein anderes Projekt beworben. Dieses kam dann jedoch nicht mehr zustande. Für mich war klar, dass ich etwas mit Musik machen wollte. Mir war wichtig, die Sprache bereits etwas zu beherrschen. Über Reisen und Sprachapps konnte ich grundlegend Spanisch sprechen. Auch deshalb stand Südamerika als Ziel für mich fest.
"Musik ist etwas, was alle Menschen anspricht, auch wenn sie teilweise stark beeinträchtigt sind. Man hat gemerkt, wie die Musik die Schüler*innen bewegt."
Anton: Der Eindruck vom Land und Leben war auf jeden Fall anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich war vorher bereits in Argentinien, was aber doch ziemlich unterschiedlich zu Ecuador ist. Ecuador ist viel kleiner und deutlich weniger europäisch geprägt als Argentinien. Das fällt einem schon sehr schnell auf. Andererseits war ich in Quito, der Hauptstadt von Ecuador, direkt im Zentrum der Stadt und das hat sich wiederrum wie ein kleines New York angefühlt. Das habe ich so auch nicht erwartet – ich hatte einfach typische Klischees im Kopf.
Die Arbeit war schon ungefähr so, wie ich sie erwartet habe, wobei ich gar nicht so große Erwartungen hatte. Ich wollte es auf mich zukommen lassen. Zu Beginn fühlte ich mich echt etwas reingeworfen in die Arbeit und war schon ein bisschen überfordert – sowohl mit den Sprachbarrieren als auch der Pädagogik.
Anton: Ecuador ist eines der „gefährlichsten“ Länder in Südamerika, weil es als Hotspot für den Drogenexport gilt. Die Sicherheitslage hat unseren Freiwilligendienst auf jeden Fall geprägt, da es Zonen gab, die für uns Tabu waren, wie zum Beispiel der Strand. In der Dunkelheit sollten wir auch nicht mehr draußen rumlaufen. Für mich war das auf jeden Fall eine sehr prägende Erfahrung, weil man erst mal merkt, wie das Leben der Menschen vor Ort aussieht. Besonders in den privilegierteren Vierteln, in denen ich als Freiwilliger lebte und die meiste Zeit verbrachte, konnten wir unseren Alltag recht unbeschwert meistern. Trotzdem hat man als Europäer schon Einschränkungen verspürt. Nach dieser Erfahrung schätze ich die Sicherheit, die ich in meiner Position in Deutschland genieße, besonders wert.
Im Vorhinein hatte ich, aber auch besonders meine Eltern, schon ein paar Sorgen diesbezüglich. Aber die Trägerorganisation, sowohl in Deutschland als auch vor Ort, hat uns da super unterstützt und aufgeklärt, sodass ich meinen Freiwilligendienst relativ angstfrei beginnen konnte.
Anton: Mein Alltag war recht routiniert. Wir hatten ein Orchester, das jeden Morgen zwei Stunden lang geübt hat. Dieses bestand zu zwei Dritteln aus Lehrkräften von der Schule und zu einem Drittel aus Schüler*innen der Schule. Dort haben wir Stücke eingeprobt, die wir dann aufgenommen und bei Konzerten aufgeführt haben. Neben dem Orchester hatte ich noch viele weitere Tätigkeiten und so eine abwechslungsreiche Arbeit, denn ich hatte fast jeden Tag einen anderen Stundenplan. Dafür bin ich sehr dankbar.
Meine Hauptaufgabe war es, Musikunterricht zu geben. Zum einen selbstständigen Klavierunterricht für eine kleine Gruppe von vier Schüler*innen, zum anderen Klavier- und Melodikaunterricht (Das ist eine Mischung aus Blasinstrument und Klavier) mit einer anderen Lehrerin zusammen. Zusätzlich hatte ich noch ein paar Einzelschüler*innen, die ich dann eigenständig unterrichtet habe. Am Ende vom Jahr hat sich das dann ein bisschen geändert, weil dann keine Konzerte mehr anstanden.
Ansonsten gab es noch einen kleinen Garten, der durch das Projekt gepflegt wurde. Hier haben wir mitgeholfen, gemeinsam mit den Schüler*innen den Garten zu bewirtschaften. Außerdem half ich noch beim Digitalisieren von Kompositionen, die der Gründer des Projekts geschrieben hatte.
Anton: Viele haben eine psychische Beeinträchtigung, beispielsweise innerhalb des Autismus-Spektrums. Einige Schüler*innen hatten Trisomie 21. Es gab auch Menschen mit physischen Einschränkungen, manche waren blind, teilweise auch die Lehrkräfte. In der Nachmittagsschule, die nicht in meinem Stundenplan integriert war, gab es auch einige Kinder aus ärmeren Familien, die Musikunterricht bekommen haben. Das Hauptziel des Projekts ist es aber, Menschen mit Behinderung durch einen musikalischen Schwerpunkt zu fördern.
Anton: Ich denke, Musik ist etwas, was alle Menschen anspricht, auch wenn sie teilweise stark beeinträchtigt sind. Man hat gemerkt, wie die Musik die Schüler*innen bewegt. Sie haben immer lautstark mitgesungen. Mathe wäre für die Schüler*innen wahrscheinlich schwerer zugänglich gewesen. Viele der Schüler*innen haben ja auch selbst Musik aufgeführt.
Manche führten dann eher einfache Stücke auf und trotzdem haben sie die Möglichkeit bekommen, auf einer Bühne vor den Eltern zu performen. Das hat vielen augenscheinlich sehr viel Spaß gemacht. Im Orchester haben wir teilweise vor 400 Leuten gespielt. Das muss ein tolles Gefühl gewesen sein, so große Auftritte zu haben. Es gab auch eine offizielle Uniform und die Schüler*innen wurden vor jedem Auftritt schick gemacht.
Dabei hat das Projekt eine gewisse internationale Strahlkraft. Das Orchester durfte bereits im Vatikan vorspielen. Ein Projekt in diesem Ausmaß ist mir in Deutschland nicht bekannt. Was ich jedoch kritisch sehe ist ein Leistungsdruck, den ich bei den Schüler*innen wahrgenommen habe – es ging also nicht nur um ein Musizieren aus Spaß.
Anton: Ich glaube die schönste Erfahrung war tatsächlich der Abschied. Als mein Freiwilligendienst zu Ende ging, gab es eine riesige Abschiedsfeier für mich. Das war wirklich ganz herzallerliebst. Die Schüler*innen der gesamten Schule haben mir im Konzertsaal der Schule ein eigenes Konzert gespielt. Manche haben mir selbstgeschriebene Karten vorgelesen. Es war schön zu sehen, dass man so vielen Leuten etwas bedeutet hat.
Ecuador ist ein unglaubliches Land. Es ist so biodivers wie kaum ein anderes Land der Welt. Aus meinen Reisen nehme ich ganz viele Erinnerungen mit. Zum Beispiel mein Trip zum Chimborazo. Das ist der höchste Berg und dadurch, dass er fast auf dem Äquator liegt, der am weitesten vom Erdkern entfernte Punkt. Bei anderen Reisen war ich dann richtig im Regenwald drin, also so tief, dass man zwei Stunden mit dem Boot fahren musste, um überhaupt hinzukommen. Das war auch großartig.
Insgesamt habe ich auf jeden Fall Erfahrungen gemacht, die ich im normalen Alltag nicht einfach so mache. Ich habe mich persönlich weiterentwickelt wie noch nie in so kurzer Zeit. Ich wurde viel offener und habe ein enormes Selbstvertrauen bekommen. Es hat mir aber auch in Deutschland viel mehr Offenheit gegeben, Menschen mit Behinderungen einfach gegenüberzutreten. Durch den dauerhaften Kontakt habe ich viel Scheu und die Angst, etwas falsch zu machen oder zu sagen, abgelegt und einen, hoffe ich, bewussteren Umgang entwickelt. Neben all diesen positiven Erfahrungen ist es natürlich ein enormes Privileg nach Ecuador reisen zu dürfen und dabei finanziell unterstützt zu werden. Das sollte einem schon auch bewusst sein.