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In die Welt
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Ich habe von August 2024 bis August 2025 in Bihać, Bosnien und Herzegowina, gelebt und dort als weltwärts-Freiwilliger den Jesuit Refugee Service (JRS) unterstützt. Der JRS ist eine gemeinnützige humanitäre Organisation, deren Aufgabe es ist, Geflüchtete und unfreiwillige Migrant*innen zu begleiten, zu unterstützen und für deren Rechte einzutreten. 1980 gegründet, ist der JRS mittlerweile in rund 50 Ländern weltweit aktiv, wo er über eine Million Geflüchtete und Migrant*innen betreut.
Julius: Die ersten Tage waren zugegebenermaßen etwas stressig. Ich musste mit meinem Mitfreiwilligen direkt nach der Ankunft in Bihać im Nordwesten Bosniens in die Hauptstadt Sarajevo im Süden fahren, um dort die Visumsangelegenheiten bei der Ausländerbehörde zu klären.
Als ich dann aber richtig angekommen bin in Bihać, der Stadt, die dann ein Jahr mein Zuhause sein sollte, war ich erstmal überwältigt von der Schönheit der Natur, die Bosnien zu bieten hat. Meine Kolleg*innen haben mich unglaublich herzlich empfangen. Es existieren nach wie vor politische und gesellschaftliche Spannungen zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen in Bosnien, die sich damals bekriegt haben. Das sollte man immer im Hinterkopf behalten – gerade, was die Traumata der Einwohner*innen betrifft.
In meinem Haus waren noch Einschusslöcher aus dem Bosnienkrieg von vor 30 Jahren. Aber es überwiegt dann doch das Positive an dem Land: die herzlichen Menschen, die Natur und auch die spannende Geschichte.
Julius: An durchschnittlich drei Tagen in der Woche habe ich im Camp Lipa außerhalb von Bihać gearbeitet. Da war zum einen unser Barber-Shop, ein Friseurcontainer mit allen notwendigen Maschinen und Friseurbedarf. Dort ging es zum einen um die generelle Aufsicht und das Koordinieren mit Listen und der Ausgabe von bspw. Rasierklingen. Der eigentlich wichtigste Teil für mich war es aber, mich mit den Leuten dort während der Wartezeit zu unterhalten. Vielleicht ein paar kleine Spiele zu spielen und einfach für sie da zu sein. Der andere Arbeitsbereich im Camp Lipa war der IT-Container, in welchem wir mit Laptops einen Internetzugang für die Campbewohner*innen zur Verfügung stellten.
Dort habe ich IT-Workshops durchgeführt, Sprachkurse für Deutsch und Englisch gegeben oder sonst anlassbezogene Kurse und Workshops angeboten. Aber auch hier stand vor allem der Kontakt mit den Leuten im Vordergrund, sodass ich oft auch einfach nur mit ihnen Kaffee getrunken und mich über alles Mögliche unterhalten habe.
Der zweite Arbeitsplatz war das Day Center in Bihać und unser Büro, in dem ich meistens an zwei Tagen in der Stadt war. Dort kommen hauptsächlich Leute hin, die außerhalb der Camps leben. Das Day Center ist generell im Winter ein warmer, und im Sommer ein kühler Ort, an dem sich die Menschen ausruhen und etwas essen können. Außerdem habe ich dort Kleidung ausgegeben, Workshops veranstaltet und auch hier wieder einfach Zeit mit den Besucher*innen verbracht. Ich würde sagen, dass der Zweck des Day Centers auch darin besteht, den Leuten mal ein paar Stunden am Tag zu ermöglichen, in denen sie sich nicht ums bloße Überleben kümmern müssen, sondern einfach einen sicheren Ort haben, um zu entspannen.
Julius: Die größte Herausforderung war der Umgang mit dem unvorstellbaren Leid hier, mit dem ich jeden Tag aufs Neue konfrontiert wurde. Ich habe auf körperlicher Ebene so viele müde Menschen gesehen. Schürf- und Schnittwunden, Hämatome, Krätze, Fehlstellungen. Menschen kurz vor der Bewusstlosigkeit aufgrund von unbehandeltem Diabetes oder Medikamentenüberdosis.
Das Schwierige daran ist auch, dass diese ganzen Verletzungen meistens durch die kroatische Polizei, teilweise auch die bosnische, oder durch Konflikte unter den Migrant*innen entstanden sind. Wenn es um die kroatische Polizei ging, die stellvertretend für die EU handelt, war ich dann als Deutscher teilweise gegenüber den Migrant*innen das Gesicht und sollte ihnen sagen, warum „Europa“ das ihnen antut.
Julius: Ich habe viele Menschen gesehen und erlebt, und zwar wirklich auf Augenhöhe: nicht nur von außen, sondern auch, was sie fühlen und was sie beschäftigt, im Positiven und Negativen. Allein durch mein Dasein konnte ich den Menschen Hoffnung und teilweise auch ein Gefühl von Würde geben. Wir haben uns manchmal stundenlang über alles Mögliche unterhalten: die Situation hier, Familie, Religion oder auch etwas „Banales“ wie Fußball. Mit einem Mann habe ich jetzt ein Jahr lang an zwei Tagen in der Woche Englisch gelernt und mittlerweile können wir uns verständlich unterhalten.
Unser Projekt ermöglichte Haarschnitte und hat darüber hinaus den Friseur*innen eine Beschäftigungsmöglichkeit eröffnet. Daraus gelernt habe ich, dass ich mit wenigen Mitteln – teilweise auch zu wenigen – etwas bewirken und Menschen wenigstens etwas Hoffnung schenken kann. Ich habe aber nicht nur gegeben, sondern auch bekommen. Durch die vielen verschiedenen Menschen habe ich Einblicke in verschiedene Kulturen, Religionen und Lebensumstände bekommen. Viele haben mir auch ihre Zeit geschenkt und mir Dinge und ein paar Wörter in anderen Sprachen beigebracht. Besonders Essen und gemeinsames Kochen waren dabei wichtig und prägend, weil dabei kulturell so viel zusammenkommt, worüber man sich austauschen kann.
Julius: Ich bin wirklich sehr dankbar für die Zeit in Bihać, die ich als bereichernd und erfüllend empfand. Klar, es gab Krisen, die aber alle überwunden werden konnten – und so mit der Zeit auch zu mehr Freude an meinem Freiwilligeneinsatz führten. Wenn ich jetzt mit etwas Abstand auf das Jahr zurückblicke, fällt mir auf, wie einmalig diese Chance war. Mich ein Jahr lang mit weltwärts auf ein soziales Projekt zu konzentrieren und in meiner Freizeit ein neues Land und eine neue Kultur kennenlernen zu dürfen.
Derzeit mache ich neben dem Studium der evangelischen Theologie, welches ich zum Wintersemester begonnen habe, eine Ausbildung als ehrenamtlicher Rechtsberater für nach Deutschland geflüchtete Personen. Außerdem bin ich in meiner Kirchengemeinde aktiv und versuche, dort das Thema Flucht einzubringen. Aktuell ist auch eine Präsentation über den Freiwilligendienst geplant.