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Alltag im peruanischen Hochland

Antonia

Einsatzort: Urubamba, Peru

Organisation: Kindermissionswerk „Die Sternsinger“

Antonia erlebt als weltwärts-Freiwillige den Alltag von 23 Kindern im Hogar „Semillas de Jesús“ in Peru: Zähne putzen, Zöpfe flechten, Schularbeiten begleiten. Mitten im Heiligen Tal der Inka wird sie zur Vertrauensperson, Lernbegleiterin und Zuhörerin – und entdeckt dabei, wie sehr die Kinder auch sie prägen.

Zwischen Höhenluft und Kinderlachen

Der Wecker klingelt. Ich drücke nochmal auf Snooze. Durch die Fenstervorhänge bahnt sich die Sonne ihren Weg in mein kleines Zimmer. „Na gut, dann steh ich halt doch auf.“ Ich schwinge die Beine aus dem Bett – und zack, alles dreht sich. Ach ja, 2.800 Meter. Auch nach über sechs Monaten bremst mich die Höhenluft manchmal noch. Im positiven Sinne. Denn: Entschleunigen kann auch ganz schön heilsam sein.

Aus der Tiefe des Hauses dringen schon Kinderstimmen. Wuselnd, lachend, durcheinanderplappernd. Schnell Zähne putzen, und dann runter. Aber halt – ich wollte es doch ruhig angehen. Und trotzdem: Hier wirst du einfach reingeworfen.

Eine Mutter steht mit ihren vier Kindern eng beieinander auf einer grünen Wiese. Die Kinder sind unterschiedlich alt, alle tragen farbenfrohe Kleidung. Hinter ihnen steht ein kleines Häuschen aus Stein, im Hintergrund erhebt sich ein Berg. 
Hausbesuch in den Anden.

Wer ich bin

Hi, ich bin Antonia, 23. Mein Name hat mir hier in Peru schon einige Lacher eingebracht – „Der ist doch lateinamerikanisch, oder?“ Doch nein: Ich komme aus Bayern, habe dort meinen Bachelor in Sozialer Arbeit gemacht und dann den Hörsaal gegen das Heilige Tal der Inka getauscht. Ich wollte nicht nur reisen, sondern ein Jahr wirklich in einer anderen Welt leben. Raus aus der Komfortzone, rein ins Unbekannte. Ich wollte eintauchen. Leben. Spüren. Immer mit dem Gedanken im Hinterkopf: Wie kann mein Leben außerhalb meiner Bubble funktionieren?

 

Ankommen in Peru

Meine ersten Eindrücke von Urubamba waren... anders als erwartet. Enge, staubige Straßen, klapprige Mototaxis, unverputzte Häuser – eingerahmt von einer beeindruckenden Berglandschaft. Alles wirkte fremd, laut, überwältigend. Die dünne Luft machte selbst den Spaziergang zum Abenteuer. Es fühlte sich an wie eine andere Welt – eine, die mich anfangs ganz schön gefordert hat.

 

Ein Alltag voller Leben

Meine Einsatzstelle ist der Hogar Semillas de Jesús, ein Zuhause für aktuell 23 Kinder und Jugendliche. Wenn ich morgens die Treppe runtergehe, wehen mir schon fröhliche Stimmen entgegen: „¡Buenos días, Antonia!“ – und ich weiß: Der Tag beginnt.

Ein Mädchen ist über ihre Hausaufgaben gebeugt und füllt ein Arbeitsheft mit einem Bleistift aus.
Im Hogar unterstützt Antonia die Kinder bei den Hausaufgaben.

Momente die bleiben

Im Heim ist es laut, lebendig und manchmal auch einfach nur chaotisch. Aber vor allem ist es unglaublich herzlich. Anfangs war das Leben im Heim wie ein Sturm. So viele Eindrücke, so viel Trubel. Aber bald lernte ich die Routinen kennen und wurde Teil davon: Zähneputzen, Frühstück, Schulweg, Hausaufgaben, gemeinsames Lachen – und auch Tränen. Es fühlt sich an wie eine große, manchmal ungestüme, aber liebevolle Familie. Und oft habe ich das Gefühl: Nicht ich begleite die Kinder, sondern sie begleiten mich.

Morgens flechte ich den Mädchen ihre langen Haare, anschließend begleite ich die Kleinen zur Schule. Nachmittags wird gelesen, gerechnet und gelernt. Und wenn die Sonne langsam hinter den Anden verschwindet, legt sich eine magische Ruhe über das Tal. Urubamba, das auf den ersten Blick rau wirkte, zeigt mir Tag für Tag seine stille Schönheit.

Vor Kurzem durfte ich bei einem Hausbesuch mitfahren. Viele der Kinder kommen aus abgelegenen Andengemeinden, sogenannten comunidades, wo Schulen mehrere Stunden Fußweg entfernt sind – wenn es überhaupt welche gibt. Die Lebensrealität dort hat mich tief bewegt: oftmals kein Strom, kein fließendes Wasser, klirrende Kälte und ein Alltag voller harter Arbeit. Ich habe Armut gesehen – nicht als Statistik, sondern als Leben. Und trotzdem: so viel Stolz, so viel Gastfreundschaft. Jedes Kind führte uns mit leuchtenden Augen durch sein Zuhause.

Beim Abendessen im Comedor, wo wir alle gemeinsam sitzen und es nie still ist, fragt mich eines der Kinder: „Sag mal, wie lang bleibst du eigentlich noch?“ Ich zucke zusammen. Über die Hälfte meines weltwärts-Jahres ist schon vorbei.

Mein Rat an dich: Mach es. Trau dich.

Es wird anstrengend, ja. Du wirst manchmal nicht wissen, wo oben und unten ist. Du wirst frieren, schwitzen, lachen, weinen, dich fremd fühlen. Aber du wirst wachsen. Du wirst staunen. Du wirst so vieles lernen – über andere und über dich selbst.

Diese Erfahrung verändert mich definitiv. Sie hat mir das Bedürfnis genommen, immer alles sofort verstehen zu müssen. Stattdessen: einfach mal die Situation auf mich zukommen lassen. Der weltwärts-Freiwilligendienst hat für mich viel mit Beobachten zu tun. Beobachten, ohne zu bewerten. Zuhören, ohne sofort zu antworten. Einfach da sein – mitten im Leben, das sich so sehr von meinem unterscheidet, und es trotzdem als Teil meiner eigenen Geschichte begreifen.

Zum Schluss bleibt mir nur zu sagen: „Haku, Haku" – ein liebevoller Ausspruch auf Quechua. „Auf geht’s. Mach dich auf den Weg.“