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Ein Jahr in Mexiko – Mein weltwärts-Freiwilligendienst mit doppeltem Handicap

Jakob

Einsatzort: Mexiko

Organisation: Welthaus Bielefeld/ EECO

Zum internationalen Tag der Menschen mit Beeinträchtigung erzählt Jakob von seinen Erfahrungen: Ein Jahr in Mexiko, blind und stark höreingeschränkt – und trotzdem voller Abenteuer. Er berichtet von Herausforderungen, von schwierigen Bürgersteigen, bunten Festen und Momenten, die sein Leben verändert haben. Der Freiwilligendienst hat gezeigt: Barrieren können überwunden werden, wenn man sich traut. Lass dich inspirieren und erfahre, warum weltwärts auch für junge Menschen mit Handicap möglich ist.

Warum ich mich auf den Weg gemacht habe

Viele haben gesagt, es sei mutig, für ein Jahr nach Mexiko zu gehen. Ja, vielleicht stimmt das – denn ich habe ein doppeltes Handicap. Ich bin blind und stark höreingeschränkt. Aber ich wollte neue Kulturen kennenlernen, Menschen begegnen und verstehen, wie das Leben in Lateinamerika aussieht. Als ich vor einem Jahr im Flugzeug saß, konnte ich mir kaum vorstellen, was mich erwartet.

Ankommen in Oaxaca – erste Eindrücke

Als wir in Mexiko-Stadt gelandet sind und weiter nach Oaxaca geflogen sind, wurde mir klar: Jetzt gibt es kein Zurück. Die ersten Tage waren herausfordernd – die Zeitverschiebung von acht Stunden, die neue Umgebung, die Geräusche. Aber dann kam das Willkommensfrühstück mit unserer Mentorin Vera, wir bekamen mexikanische SIM-Karten, und langsam fühlte es sich real an.

Leben mit Barrieren – und wie ich sie gemeistert habe

Die Bürgersteige in Oaxaca sind abenteuerlich: Löcher im Boden, Bäume mitten im Weg, Laternen auf dem Gehweg. Allein unterwegs sein? Unmöglich. Ich war immer auf Assistenz angewiesen – Susanna unterstütze mich für den Weg zur Arbeit, Adelina war während Freizeitaktivitäten für mich da. Diese Abhängigkeit hat mich manchmal traurig und teilweise auch wütend gemacht. In Deutschland konnte ich meinen Weg immer allein gehen. Aber ich habe gelernt, Hilfe anzunehmen und trotzdem selbstständig zu denken.

Es war nicht leicht, immer auf andere angewiesen zu sein. Aber ich habe gelernt: Abhängigkeit bedeutet nicht, dass man weniger kann.

Mein Projekt bei EECO – Nachhaltigkeit in Aktion

EECO engagiert sich für die nachhaltige Anpassung indigener Gemeinden an die Folgen des Klimawandels und die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen durch Landwirtschaft, Wassertanks und auch Bildungsarbeit. Die gesamte EECO-Gruppe war sehr hilfsbereit und Valentín ist ein sehr netter, lustiger und geduldiger Kollege, der mir viele Dinge erklärt und beigebracht hat. Bei den regelmäßigen Teambesprechungen am Montag und Donnerstag habe ich gelernt, was jeder Einzelne macht.

Ich habe viel handwerklich gearbeitet: Ich war für alle Pflanzen (Gemüse und Blumen) im Garten allein zuständig, also für das Gießen, Ernten und sauber halten. Ich habe gelernt, Knoten zu knüpfen, mit denen die Pflanzen gebunden werden, wenn sie hochwachsen. In der Holzwerkstatt habe ich Bretter für Hochbeete und als Halterung für Wassertanks zugeschnitten und mit der Bohrmaschine zusammengeschraubt. Das Abmessen habe ich mit dem Zollstock gemacht. Besonders gut erinnere ich mich an den Carrijo. Der Carrijo ist ein mexikanischer Baum mit rundem Holz. Ich musste ihn vermessen und fällen. Das waren besondere Momente.

Die Erfahrung hat mir gezeigt, dass ich mehr kann, als sich viele Menschen mit normalem Sehvermögen vorstellen können.

Ich weiß, dass ich mehr kann, als andere sich zutrauen würden, aber es fällt mir schwer, das zu zeigen. Für mich bedeutet das, mehr Selbstvertrauen zu entwickeln. Daran habe ich während des ganzen Jahres gearbeitet. Letztendlich kann ich sagen, dass ich an Selbstsicherheit gewonnen habe – aber ich wäre gerne noch mutiger und aktiver gewesen.

 

Kultur erleben – und Freundschaften schließen

Día de los Muertos war für mich ein unvergessliches Erlebnis: Musik, Straßenumzüge, farbenfrohe Altäre. Das Fest zählt zu den wichtigsten und farbenfrohsten Festen des Landes. Am Día de los Muertos denken die Mexikaner an ihre Verstorbenen auf besondere Weise. Es wird gefeiert, dekoriert, musiziert und gemeinsam gegessen.

Die positive Einstellung der Trauerkultur beim Día de los Muertos hat mich sehr beeindruckt.

Meine Freizeit in Oaxaca war bunt und voller Begegnungen. Mit Adelina, meiner Freizeitassistenz, war ich viel unterwegs – auf lebhaften Märkten, in kleinen Dörfern rund um Oaxaca, wo wir das echte Leben spüren konnten. Oft traf ich mich auch mit den anderen Freiwilligen, wir hatten gemeinsame Treffen, lachten viel und teilten unsere Erfahrungen. Besonders bereichernd war die Freundschaft mit Edgar, einem blinden Mexikaner. Von ihm habe ich gelernt, wie man sich in Oaxaca bewegt und wie wichtig gegenseitige Unterstützung ist.

 

Zwischenseminar – Blick auf die Realität

Im Januar ging es für uns Freiwillige nach Mexiko-Stadt zum Zwischenseminar – eine Gelegenheit, unsere Erfahrungen auszutauschen. Wir diskutierten über Themen, die das Land bewegen: Frauenrechte, Gewalt und die erschreckende Straflosigkeit. Mir wurde bewusst, wie massiv die Menschenrechtsverletzungen sind. Auf öffentlichen Plätzen hängen Fotos der Vermissten – stumme Zeugen einer Gesellschaft, die oft machtlos bleibt. Es ist sehr erschreckend, wie viele Morde begangen werden und wie machtlos sich das anfühlen kann.

Was ich gelernt habe – und meine Botschaft an dich

Zusammenfassend kann ich sagen, dass mein weltwärts-Freiwilligendienst in Oaxaca, Mexiko, eine fantastische Lernerfahrung war, die mir hilft, im Leben voranzukommen. Ein Jahr in einem anderen Land zu leben, hilft, eine andere Perspektive auf das Leben zu gewinnen.

Meine Zeit in Mexiko hat mir die Möglichkeit gegeben, Deutschland mit anderen Augen und Ohren zu sehen. Auch wenn ich ein doppeltes Handicap habe, sehe ich meine Privilegien nun deutlicher. Wichtig ist, wie die Länder aus dem Globalen Süden und Norden zusammenarbeiten. Einerseits ist die Infrastruktur in Deutschland besser ausgebaut. Das deutsche Gesundheitssystem ist nach wie vor sehr gut. Andererseits ist der Lebensstil in Mexiko anders. Die Menschen hier sind entspannter als in Deutschland, und das hat mir sehr gut gefallen.

Ich habe gelernt, dass ich mehr kann, als ich mir selbst zugetraut hätte. Ich habe an Selbstsicherheit gewonnen und möchte in Zukunft mutiger sein. Meine Botschaft an dich:

Trau dich! Ein Freiwilligendienst ist eine Chance, die Welt und dich selbst neu kennenzulernen. Auch mit Handicap kannst du diese neuen Perspektiven erleben.