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Von der Mechatronik zum Engagement für eine solidarische Wirtschaft – mein Weg nach Mexiko

Mareen

Einsatzort: Mexiko-Stadt

Organisation: Welthaus Bielefeld/ Adeco

Die meisten Freiwilligen zieht es nach dem Schulabschluss ins Ausland – für Mareen führte der Weg nach Mexiko erst nach dem Studium. Warum sie sich nach neun Jahren im technischen Beruf für einen sozialen Einsatz entschieden hat, wie sie als Ingenieurin die Geschlechterrollen erlebt und welche Projekte sie mit Frauen in Amanalco unterstützt, erzählt sie im Interview. Lass dich von ihr überzeugen, deinen Freiwilligendienst zu verlängern.

Neun Jahre Berufserfahrung – und dann ein Freiwilligendienst in Mexiko?

Wie kam es dazu, dass du nach deiner technisch geprägten Ausbildung und dem Master in Technical Consulting & Management beschlossen hast, einen Freiwilligendienst in einer sozialen Organisation in Mexiko-Stadt zu machen?

Mareen: Ich wollte schon vor meinem Studium ins Ausland. Aber mein duales Studium ließ dafür keinen Raum. Vor meinem Freiwilligendienst habe ich insgesamt neun Jahre bei dem Unternehmen gearbeitet – das war sehr fordernd. Im Anschluss an den Master war die Zeit für eine Pause und für meinen Traum. Der Freiwilligendienst in Mexiko ist die perfekte Gelegenheit dafür.

Mechatronik gilt nach wie vor als Männerdomäne. Wie hast du als Frau in diesem Feld – zunächst in Deutschland und jetzt in Mexiko – die Geschlechterrollen erlebt?

Mareen: Ja, Mechatronik ist auf jeden Fall eine Männerdomäne. Im Studium waren wir fünf Frauen, in der Ausbildung sogar nur zwei. Ich bin sowohl in Deutschland als auch in Mexiko meistens auf Überraschung, Bewunderung und Neugierde gestoßen. Natürlich habe ich leider auch die Erfahrung gemacht, dass ich bei handwerklichen Aufgaben nicht ernst genommen wurde – sowohl in Deutschland und auch hier in Mexiko. Heute stört mich das nicht mehr. Ich habe für mich gelernt, dass Selbstbewusstsein wichtiger ist als der Drang, sich zu beweisen.

In meiner Organisation hat es etwas gedauert, bis ich mir das Vertrauen erarbeitet habe – vermutlich, weil ich eine der ersten Freiwilligen mit viel Erfahrung bin. Mittlerweile arbeite ich eigenständig. Ich weiß, welche Aufgaben erledigt werden müssen und in meine Verantwortung fallen. Jetzt kann ich sagen, dass ich mich als vollwertiges Teammitglied fühle.

Das Team der sozialen Organisation "Adeco" in Mexiko am Tisch bei der Jahresplanung.
Das Adeco-Team bei der Jahresplanung 2025 – mit Blick auf Bazare, Garagenverkäufe und das 20-jährige Jubiläum. Auf dem Foto: Mareen, Daniel, Aránzazu, Melina und Daniel (v.l.u.n.r.u.)

Kannst du uns ein Beispiel geben, welche konkreten Aufgaben du dort übernommen hast?

Mareen: Aktuell entwickle ich mit einer Studentin Marken für Produzentinnen in Amanalco. Eine Gruppe von Frauen stellt Naturheilprodukte und Naturkosmetik her und benötigt dafür eine eigene Marke. Zu Beginn haben wir einen Workshop gemacht: Was gehört zu einer Marke und warum ist das wichtig?

Aus Heilpflanzen wie Lavendel, Kamille, Aloe Vera, Arnika werden die Naturprodukte hergestellt. Für die Produzent*innen der Salben, Cremes, Tees, Öle und Seifen wurde der Workshop zum Markenaufbau durchgeführt.

Inwiefern hilft dir dein technischer oder analytischer Hintergrund dabei, gesellschaftliche Projekte umzusetzen?

Mareen: Was mir aus meinem Studium hilft, sind organisatorische und kommunikative Fähigkeiten. Zweimal im Jahr organisieren wir einen Bazar – von der Platzvergabe bis zur Kommunikation mit den Produzent*innen bin ich zuständig. Konkret heißt das, ich schaue, dass sie ihren Platz reservieren und bezahlen, wie die Plätze aufgeteilt werden und welche Produzentin, wo auf dem Gelände untergebracht wird, sodass nicht die gleichen Produkte nebeneinander verkauft werden. Mein technischer Hintergrund hilft auch mir im Umgang mit Excel-Tabellen. Aus meinen Informatikvorlesungen nutze ich die Grundlagen für die Betreuung der Webseite.

Welche Inhalte deiner Ausbildungsstationen (Ausbildung, Bachelor oder Master) konntest du am ehesten umsetzen?

Mareen: Ich denke, es ist eher die Summe der Erfahrungen. Vor allem, während des dualen Studiums war ich eine hohe Arbeitsbelastung gewöhnt. Dadurch habe ich gelernt sehr organisiert und diszipliniert zu arbeiten. Diese Zeit hat mich beruflich und persönlich sehr geprägt und weiterentwickelt.

Viele Freiwillige möchten eher einen kürzeren Einsatz von 6–9 Monaten leisten. Warum hast du dich dazu entschieden zu verlängern?

Mareen: Ich erinnere mich noch genau an die Anfänge in der Organisation. Ich habe viel damit gekämpft, die Zusammenhänge zu verstehen. Das ist wie in einer neuen Firma anzufangen. Das lag bei mir nicht mal daran, dass mein Spanisch nicht so gut war – denn ich konnte mich schon von Anfang an sehr gut verständigen.

Die Organisation arbeitet bereits seit 20 Jahren für das Gemeinwohl und hat dementsprechend viele Projekte. Zudem unterstützen sie seit fünf Jahren Frauen in Amanalco. Es hat unglaublich viel Zeit gekostet, sich dort einzuarbeiten und all die Feinheiten zu verstehen.

Ich bin nun ein Jahr hier und jetzt habe ich das Gefühl, dass ich richtig helfen kann – ohne nachfragen zu müssen und ohne, dass jemand meine Arbeit korrigieren muss. Ich glaube, das wäre in meiner Organisation mit einem kürzeren Aufenthalt nicht möglich gewesen. Ich kann die Gründe für einen kürzeren Dienst nachvollziehen, aber für mich steht fest:

Ich mache den Freiwilligendienst nicht nur für mich, sondern auch für die Organisation und die Frauen in Amanalco. Und diese profitieren am meisten von meinem längeren Aufenthalt.

Hier sind sie nicht auf dem Bazar zu sehen, sondern auf einer Praktikumsmesse der Universität Ibero: Melina & Mareen stellen Adeco vor und zeigen auf, wie Studierende sie in ihren vielfältigen Projekten unterstützen können.

Wenn du auf deine bisherige Zeit zurückblickst: Was hat dich am meisten überrascht – sowohl beruflich als auch persönlich?

Mareen: Vielleicht die Tatsache, dass hier viel mehr improvisiert wird. Das finde ich großartig, denn es fordert meine technischen und analytischen Fähigkeiten. Gleichzeitig motiviert es mich, meine gewohnten Muster und Routinen zu verlassen, um kreativer und individueller zu denken. Es gibt hier keinen Stempel, der aufgedrückt wird, weil „das immer so gemacht wird“. Stattdessen wird nach einer individuellen Lösung gesucht. Für mich ist das ein Merkmal meiner Organisation – was ich klasse finde.

Was würdest du anderen Freiwilligen raten, die sich vorstellen können, ihre technischen Fähigkeiten in einem sozialen Kontext einzusetzen?

Mareen: Der Freiwilligendienst ist eine wahnsinnige Gelegenheit, die Komfortzone zu verlassen, über sich hinauszuwachsen und zu lernen, mit unkonventionellen Situationen umgehen zu müssen. Das gibt allen im späteren Berufsleben einen echten Vorteil.