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800 verschiedene Aromen

Portrait von Sebastian

Kaffeeverkostung in Peru

800 verschiedene Aromen hat der Freiwilligendienst für Sebastian Gabriel aus Hamburg. Nach seiner Ausbildung entschied er sich für einen Freiwilligendienst bei einer Kaffee- und Kakaokooperative in Peru. Dort unterstützt er unter anderem die Qualitätskontrolle und verkostet Kaffee.

Nach meiner Ausbildung zum Schifffahrtskaufmann ging es für mich im August letzten Jahres mit dem Verein Ecoselva aus dem vertrauten Hamburg nach Südamerika. Genauer gesagt, wohne und lebe ich in Tingo María, im Bergregenwald Perus. Hier arbeite ich zurzeit im Rahmen meines Freiwilligendienstes in einer bio-zertifizierten Kaffee- und Kakao-Kooperative.

Verständnis beim Ausbildungsbetrieb

Bevor ich allerdings im Flugzeug saß, hatte ich viele Zweifel. Nach der Ausbildung bot sich mir ein spannender Berufseinstieg in eine interessante Branche an. Als ich mit meinem Ausbildungsbetrieb meine Gedanken teilte, erfuhr ich viel Unterstützung. Natürlich hätte der Betrieb sich eine weitere Zusammenarbeit gewünscht, aber meine Vorgesetzten konnten nachvollziehen, dass ein junger Mensch die Welt entdecken und Erfahrungen sammeln möchte. Außerdem vergeht ein Jahr wahnsinnig schnell und man kann weiterhin den Kontakt aufrechterhalten.

Privilegien bewusst machen

Sebastain zeigt auf die großen Kaffepflanzen.
Der Hochregenwald Perus mit den ersten reifen Kaffeekirschen. Foto: Sebastian Gabriel

Die Entscheidung, mit weltwärts ein Jahr lang ein anderes Land zu erleben, in eine neue Kultur einzutauchen, andere Sichtweisen kennenzulernen und eine sinnvolle Aufgabe zu erledigen, ist mir dennoch nicht leicht gefallen. Besonders in den letzten Wochen vor dem Abflug war ich mir unsicher, ob das, was ich vorhabe, richtig ist. Ein Freiwilligendienst soll in erster Linie zu einem interkulturellen Austausch auf Augenhöhe führen. Wie soll man aber auf Augenhöhe mit den Menschen vor Ort sein, wenn schon mit meiner Ankunft die Ungleichheit kaum sichtbarer sein könnte: Rückflug-Ticket in der Tasche, Impfschutz und eine Krankenversicherung mit der ich mich in den besten Privatkrankenhäusern versorgen lassen kann.

Aber auch wenn der Freiwilligendienst ein Ausdruck meiner Privilegien ist, wird dadurch auch sichtbar, dass jungen Menschen aus anderen (reicheren) Ländern globale Probleme nicht gleichgültig sind. Ich war mir sicher, dass ich durch meinen Aufenthalt vor Ort andere Denkweisen erleben, einen Wissensaustausch anregen und produktiv mit anpacken kann. Klar kann ich nicht die Welt retten, aber vielleicht ein kleines Stück verbessern. Außerdem finde ich es wichtig, dass man sich für die Probleme einer globalisierten, immer enger zusammenrückenden Welt sensibilisiert. Und wie kann man sowas am besten tun? Richtig: Sachen packen und losziehen!

Alternativen zum Koka-Anbau

Kaffeebauer Paco zeigt Sebastian seine Kaffeefarm. Foto: Sebastian Gabriel

Nun geht es weiter nach Peru! Ich bin tätig in der Kooperative CAC Divisoria. Dies ist eine Genossenschaft, die 2001 von 109 Bauernfamilien im Kaffee- und Kakaoanbau gegründet wurde. Ziele des Zusammenschlusses waren die technische und organisatorische Unterstützung der einzelnen Bäuerinnen und Bauern sowie bessere Verkaufspreise. Dadurch sollten eine ökologisch verträgliche Landwirtschaft in dieser Regenwaldregion gefördert und Alternativen zum Koka-Anbau geschaffen werden. Heute betreut die gemeinnützige Kooperative mehr als 400 Familien in drei verschiedenen Anbau-Regionen und organisiert zum Beispiel Fortbildungen, prüft die Qualität der Produkte und vermarktet diese in Deutschland, Kanada und in den USA.

800 verschiedene Aromen

An einem Zweig der Kaffeepflanze liegen dicht an dicht die Kaffeebohnen.
Reife neben unreifen Kaffeekirschen. In vier Erntezyklen werden jeweils nur die besten Kirschen geerntet. Foto: Sebastian Gabriel

Ich war bisher hauptsächlich in der Qualitätskontrolle eingesetzt. Hier geht es darum, den Kaffee zu verkosten, also geschmacklich einzustufen und qualitativ zu bewerten, zu rösten, zu mahlen und zu verpacken. Die Catatíon (Kaffee-Verkostung) kann man sich wie eine Weinverkostung vorstellen. Man schlürft und riecht sich durch unzählige Aromen in ganz verschiedenen Kombinationen. Die Kaffees erinnern an tropische Früchte, Honig, Minze, Erdnüsse oder Blumen. Manche Aromen kommen erst zum Vorschein, wenn der Kaffee abkühlt oder sind nur über den Geruch wahrnehmbar. Während sich Wein aus circa 400 verschiedenen Aromen zusammensetzt, sind es bei Kaffee sogar mehr als 800. Kaffee ist damit eines der komplexesten Naturprodukte überhaupt.

Die Mitarbeitenden der Kooperative bei einer Kaffeeverkostung. Foto: Sebastian Gabriel

Am Anfang fiel mir die Verkostung schwer, aber man kann seine Geschmacks- und Geruchsnerven sensibilisieren. Mittlerweile kann ich einen guten von einem mittelmäßigen Kaffee unterscheiden und schmecke einige Nuancen heraus. Demnächst werde ich öfter zu den Fincas (Höfen) der Kaffeebauern fahren und mich über Anbaumethoden und Pflanzenpflege austauschen. Die ersten Kaffeekirschen sind bereits reif und werden geerntet. Darauf freue ich mich schon sehr.

Sebastian präsentiert die Produkte der Kooperative bei der Expoalimentaria in Lima. Foto: Sebastian Gabriel

Besondere Highlights waren für mich die Messen, bei denen neben unserer Kooperative eine Vielzahl von Kaffee- und Kakaoorganisationen aus ehemaligen Koka-Anbaugebieten ihre Produkte ausstellten. Hier konnte ich helfen, unsere Produkte zu promoten und Verkaufskontakte mit internationalen Kunden zu knüpfen.

Die Röstung ist entscheidend für die Qualität des Kaffees. Foto: Sebastian Gabriel

Ihr merkt, bisher bin ich sehr beschäftigt, es ist eine aufregende Zeit. Ich habe viel über Kaffee und Kakao, über die Menschen vor Ort, deren Kultur und auch über mich selbst gelernt. Ob es ein Vorteil ist, dass ich bereits eine Ausbildung abgeschlossen habe, weiß ich nicht. Man kann sich bewusst auf ein Projekt bewerben, in dem man seine bereits erworbenen Fachkenntnisse vertiefen, verbessern und vor allem zur Weiterentwicklung des Projektes anwenden kann. Auf der anderen Seite ist man andere Strukturen und Abläufe gewöhnt und hat dadurch eventuell Schwierigkeiten sich anzupassen. Aber das sind Erfahrungen, an denen man persönlich reift.

Eine unerwartete Entscheidung

Foto: Sebastian Gabriel

Was nehme ich aus dem Freiwilligendienst für mich mit? Sicherlich eine neue Leidenschaft: Kaffee. Ich habe eine unerwartete Entscheidung getroffen: Nach dem Freiwilligendienst soll es beruflich in dieser Branche für mich weitergehen. Vermutlich geht es in den Rohkaffeehandel, genauer in den fairen Handel, da mir das soziale Engagement, die Anerkennung der harten Arbeit der „Cafeteros“ und der Erhalt dieser einzigartigen Flora und Fauna besonders am Herzen liegen.

Ich kann allen Interessierten weltwärts nur empfehlen. Mein Tipp: Versucht mit möglichst wenigen Erwartungen in dieses aufregende Jahr zu gehen und euch von den vielen neuen Eindrücken treiben zu lassen. Es sind wahnsinnig tolle Erfahrungen, die einen prägen und schöne Momente, die einen ein ganzes Leben begleiten werden. Vielleicht entdeckt ihr auch, wie ich, eine neue Leidenschaft. Solltet ihr euch für einen Freiwilligendienst entscheiden, wünsche ich euch ein farbenfrohes Jahr und viel Erfolg!

Muchos saludos desde Peru.

Sebastian