Drei Zwischenberichte der Schreinerin Karolina Erbelding aus Tansania
Dritter Bericht von Karolina Erbelding - April 2009 - Tansania
Nachdem das erste halbe Jahr hier von Erfolgserlebnissen geprägt war, was Arbeit, Sprache und Kontakteknüpfen anging, kam eine kurze Phase des Heimwehs und der Enttäuschung.
Die meisten Freiwilligen haben inzwischen Besuch aus der Heimat empfangen und Familie und Freunden ein bisschen von dem zeigen können, was sie hier alltäglich erleben und welche Aufgaben sie haben. Bei mir hatte sich dagegen nun endgültig herausgestellt, dass keiner aus meiner Familie nach Tansania kommen kann. Wo ich vorher oft dachte „das musst du ihnen zeigen“ oder „das müssen sie unbedingt erleben“ kam plötzlich die Erkenntnis „wie willst du ihnen das eigentlich begreiflich machen?!“ Fotos und selbst Filme können eben keinen Gesamteindruck vermitteln.
Mir wäre es auch wichtig gewesen, dass meine Eltern oder mein Bruder bestimmte Menschen kennen lernen, z.B. Mama Erica, unsere Dorfchefin oder unsere Mitarbeiter. Die Zeit hier ist nun mal sehr prägend und womöglich können sonst vertraute Menschen plötzlich nicht mehr nachvollziehen, was in einem vorgeht.
Als das klar wurde, hatte ich zum ersten Mal Heimweh und die Befürchtung, die restlichen Monate meines Dienstes würden dadurch belastet.
Hinzu kam, dass wir von einem unserer Mitarbeiter enttäuscht wurden, mit dem wir auch privat guten Kontakt und ein freundschaftliches Verhältnis hatten. Er fiel uns unangenehm auf, als er ein Werkzeug, das verschwunden war, auf mysteriöse Art wieder auftauchen ließ. Schon da hatten wir kein Vertrauen mehr zu ihm. Später stellte sich heraus, dass er öfter Geldsummen von Kunden in die eigene Tasche wandern ließ. Mit täglichem Kassezählen und detaillierterem Aufschreiben versuchten wir, ihm keine weiteren Gelegenheiten zu bieten. Das Schlimmste für uns war eigentlich, dass er weder zugab etwas geklaut zu haben, noch Reue zeigte, sondern sich stattdessen mit haarsträubenden Geschichten immer wieder versuchte herauszureden. Missbrauchtes Vertrauen, angelogen zu werden und ständige Verdächtigungen machten das Arbeitsverhältnis sehr unangenehm. Nachdem er unterzeichnet hatte, das fehlende Geld zurück zu zahlen, gab er bekannt, mit der Arbeit im Center aufzuhören. Da man ihm ohnehin gekündigt hätte, warten nun alle auf seinen letzten Arbeitstag. Das Problem seiner Nachfolge schien anfangs recht groß. Letztendlich haben wir uns entschieden, jemanden, der bereits hier arbeitet, mehr in die Verantwortung zu ziehen.
Auch baulich hat sich etwas geändert. Die Schreinerei haben wir um einen Anbau erweitern und das bestehende Vordach reparieren lassen. Mit dem Ergebnis sind wir sehr zufrieden. Den neuen staub- und lärmfreien Raum werden wir zum Lackieren, Lagern von Materialien und als Büro für Kundengespräche nutzen. Wir hoffen, uns damit in Zukunft noch besser präsentieren zu können und freuen uns schon riesig auf den Einzug!
Mit der Rolle als Frau haben wir hier eigentlich keine Probleme. Anfangs waren Frauen in der Werkstatt natürlich total ungewohnt für die Handwerker, aber schon nach kurzer Zeit stellten sie fest, das wir unsere Arbeit gut machen und nahezu genauso kräftig anpacken können. Die Akzeptanz wuchs schnell. Inzwischen ist es oft sehr lustig, wenn unsere Mitarbeiter mit uns Späße über Heiratspläne machen. Auch wenn Kunden von außerhalb fragen, ob wir das überhaupt können, versichern unsere Mitarbeiter ihnen, dass wir sehr gute Ergebnisse liefern und sogar Kunden aus der Stadt zu uns kommen, um die „Mzungu- Qualität“ zu kaufen.
Wir sind nach wie vor sehr gespannt auf unsere Nachfolge. Im Rückblick auf unsere Einarbeitungszeit haben wir beide festgestellt, wie wichtig es ist, in dieser Zeit dann auch von der eigenen Aufgabe loszulassen. Je mehr wir in den gemeinsamen Wochen an die nächsten Freiwilligen abgeben, umso weniger fürchten diese unsere Abreise und umso besser kann man noch anfallende Unklarheiten gemeinsam klären. Kaum zu glauben, wie schnell wir uns ohne vorherige Sprachkenntnisse in den Werkstattablauf eingefunden haben.
An Ostern hatten wir ein langes Wochenende, an dem alle Amani–Freiwilligen gemeinsam verreist sind. Wir waren zusammen mit einem Mitglied aus dem Amani-Vorstand am Malawi-See: Die kurze Auszeit hat sehr gut getan und bot einen schönen Rahmen, um über Vereinsdinge zu sprechen.
Feiertage werden in unserem Dorf sonst eher außer Acht gelassen. Da alle umliegenden Schreiner ihrer Arbeit nachgehen, bleibt auch unsere Schreinerei geöffnet. Weihnachten und Ostern waren die einzigen arbeitsfreien Tage. Am 1. Mai ließen allerdings alle die Arbeit ruhen. Ganz in der Nähe gab es ein recht großes Dorffest, bei dem sich viele Unternehmen der Umgebung vorstellten - Banken, Ausbildungsstätten, unser Kinderdorf u. v. m. Sehr interessant zu sehen, wer und was so alles präsent ist.
Nun haben wir endlich unsere erste Regenzeit erlebt, die allmählich vorbei zu sein scheint. Noch genießen wir das Grüne, aber bald wird es bestimmt wieder sehr trocken sein. Es wird langsam, aber sicher richtig kalt hier in Kilolo. Auch in der Stadt hat der Regen nachgelassen. Unsere Vorstellungen von „Regenzeit“ waren irgendwie anders. Viel nasser und unangenehmer. Aber so wie es in Europa die Jahreszeiten gibt, gehört hier der Wechsel aus Trocken- und Regenzeit eben dazu. Gerade jetzt, wo die Natur am wachsen ist, kommen wir in Reisestimmung. Täglich hat man neue Ideen, was man hier noch alles machen möchte. Da wir keine Schulferien haben wie viele andere Freiwillige und uns nur begrenzt Urlaubstage zur Verfügung stehen, sind wir noch kaum rumgekommen in Tansania. Gerne würden wir uns auch andere Teile des Lands anschauen, hatten aber anfangs keine großen Sprachkenntnisse. Gemeinsames Reisen ist nicht möglich, weil immer eine von uns in der Werkstatt sein sollte. Aber allmählich packt uns die Reiselust immer mehr, zumal andere Freiwillige schon oft von ihren Erlebnissen berichtet haben. Vermutlich werden wir die Zeit nach der Übergabe nutzen, um uns noch mehr Eindrücke des Landes zu verschaffen, oder einen Abstecher ins benachbarte Ausland zu machen.
Die Schwierigkeiten in der Schreinerei werden wir ja voraussichtlich bald überstanden haben und mein Heimweh hat sich in Freude auf mein Leben zu Hause gewandelt. Ich genieße die Zeit hier wieder sehr, auch wenn sich immer noch Wehmut breit macht, wenn ich an das Ende unseres Aufenthaltes denke. Es gibt vieles, was ich vermissen werde. Allem voran das Lebensgefühl, das hier sehr viel wärmer, freundlicher und unkomplizierter ist als in Deutschland, obwohl der Alltag im allgemeinen anstrengender ist.

