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weltwärts - Der Freiwilligendienst des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Erfahrungsberichte

Abschlussbericht von Nadine Krüger aus Kids Haven, Südafrika - Oktober 2008

Ich wusste nicht wirklich, was mich erwarten würde, als ich im Januar 2008 meinen Freiwilligendienst in Kids Haven, einem Heim für Straßenkinder in Benoni, nahe Johannesburg, antrat. Aufgenommen und in die Arbeit und das Leben eingeführt wurde ich von den anderen Freiwilligen. Wir waren insgesamt 6, alle aus Deutschland. Anfangs konnte ich mir kaum vorstellen, dass ich jemals würde lernen können, wie Kids Haven funktioniert. Es schien mir alles so groß, so laut, so verwirrend. Die Kinder sahen für mich alle gleich aus und hatten so fremdartige Namen, von denen ich fürchtete, dass ich sie mir niemals würde merken können.

Zurzeit leben in Kids Haven etwa 200 Kinder im Alter zwischen 4 bis 21 Jahren. Viele von ihnen wurden sexuell oder körperlich missbraucht und misshandelt. Andere haben ihre Familien verlassen, weil diese sie nicht ernähren konnten oder haben ihre Eltern durch Aids verloren. Fast alle führten ein Leben auf den Straßen von Johannesburg und Umgebung.

Kids Haven besteht im Groben aus 2 Bereichen: dem Centre und dem Village. Das Centre liegt in der Innenstadt Benonis und ist die erste Anlaufstelle für die Kinder. Es gibt große Schlafsäle, einen Speisesaal, die Klassenräume der Bridging School, eine Sporthalle und viele Gitter. In dem Gebäude direkt nebenan befinden sich die Büros und wiederum daneben der Kindergarten.

Das Village liegt etwa 4 km davon entfernt. Hier leben Kinder, die schon längere Zeit in Kids Haven sind und ein angemessenes Sozialverhalten aufweisen. Sie leben getrennt nach Alter und Geschlecht in 6, von einer Mauer umgebenen, kleinen Häusern und werden von Mums und Uncles betreut. In jedem Haus leben bis zu 20 Kinder.

Die ersten Monate arbeitete ich im Crèche, dem Kindergarten. Nur wenige der Kinder dort, leben im Heim. Die meisten kommen von außerhalb und werden morgens von ihren Eltern gebracht und mittags wieder abgeholt. Von 9 Uhr 30 bis ca. 13 Uhr 30 bestand meine Arbeit hauptsächlich darin, die Kinder beim Spielen zu betreuen, sowie Frühstück und Mittagessen für sie zu bereiten. Einmal am Tag fand die einstündige „class-time“ statt. Während dieser Zeit übernahm ich eine kleine Klasse mit 6 Kindern zwischen 3 und 5, denen ich Themen wie Formen, Farben, Tiere usw. nahebringen sollte. Anfangs stellte dies eine große Herausforderung für mich dar. Von den 6 Kindern verstanden 3 kein Englisch, was die Vermittlung von Lehrinhalten sehr schwierig machte und das Lösen von Konflikten so gut wie unmöglich. Die Kinder kommen alle aus einem schwierigen sozialen Umfeld und haben in ihrem kurzen Leben schon so unglaublich viele schreckliche Dinge erlebt, wodurch die Meisten sehr verhaltensauffällig sind. So hatte ich viele harte Stunden, in denen Stifte, die, wenn sie nicht gerade gegessen wurden, doch zumindest durch den Klassenraum flogen. Der kleinste Junge meiner Klasse, der auch ein Enkel der Mum des Kindergartens ist, hatte zum Anfang unserer gemeinsamen Zeit herausgefunden, dass seine Großmutter ihn zu sich holt, wenn er während der „Class-time“ zu weinen beginnt. Durchaus mit guter Kondition, versuchte er seinen Willen durchzusetzen, indem er die gesamte Unterrichtszeit mit Schreien und Weinen zubrachte. Da er aber nicht von seiner Großmutter unterrichtet werden durfte und bei mir in der Klasse bleiben sollte, stand ich nun vor der Aufgabe mit einem schreienden Kind auf dem Arm 5 weitere Kinder in die Welt der Formen und Farben einzuführen. In dieser Zeit fühlte ich mich oft hilflos und mit der Situation und der Klasse überfordert.

Im Laufe der Wochen verkürzte sich die Schrei-Phase jedoch erst auf eine halbe Stunde, dann auf eine Viertelstunde und ebbte schließlich ganz ab. Auch in anderen Bereichen wurde die Arbeit mit meiner Klasse langsam leichter. Die Kinder begannen schließlich mehr Respekt vor mir zu haben, die Unterrichtsatmosphäre wurde ruhiger und entspannter. Die langsam aufkommenden Versuche Englisch zu lernen seitens der Kinder und die Tatsache, dass ich mir einige wenige Worte Zulu angeeignet hatte, steigerten auch den Lernerfolg.

Ich hatte vieles mit dieser Klasse erreicht, als ich schließlich im März meinen Arbeitsplatz wechselte und in der heiminternen „Bridging School“ zusammen mit einer anderen Freiwilligen, eine Klasse übernahm. Die „Bridging School“ stellt eine Überbrückung für Kinder dar, die länger keine Schule besucht haben, da sie auf der Straße lebten. Viele werden nach einiger Zeit wieder in öffentliche Schulen eingeschult, wenn sie sich einen angemessenen Wissensstand und ein gewisses Sozialverhalten angeeignet haben. Einige Kinder schaffen diesen Schritt jedoch nie, da sie nur wenige Jahre in eine Schule gegangen sind und bereits ein recht hohes Alter erreicht haben wenn sie in Kids Haven ankommen. Für diese Kinder gibt es dann die Möglichkeit das praktische Arbeiten zu lernen.

Eine der 4 Klassen der „Bridging School“ sollte nun also von uns geleitet werden. Die zu unterrichtenden Stunden haben wir unter uns aufgeteilt und ich habe die Fächer Lesen, Schreiben, Rechnen sowie Sport übernommen. Anders als im Kindergarten hatte ich dort gerade zu Anfang recht leichte Stunden. Neugierig und etwas skeptisch betrachteten mich die 10 Kinder meiner Klasse, die durchweg aus Jungen bestand. In den ersten Stunden arbeiteten sie gut mit und die Unterrichtsatmosphäre war recht ruhig. Nach einiger Zeit jedoch, begannen sie mich auszutesten und bereiteten mir einige anstrengende Stunden, in denen ich lernen durfte, wie es sich anfühlt an seine eigenen Grenzen zu stoßen und darüber hinaus zu gehen. Aufgrund ihrer Erfahrungen auf der Straße, das Jahrelange Kleberschnüffeln, sowie die Tatsache, dass einige der Eltern während der Schwangerschaft Alkohol getrunken haben und einige der Kinder angeborene Behinderungen haben, führte dazu, dass meine Klasse durchweg aus Hyperaktiven oder in anderer Weise Verhaltensauffälligen Kindern bestand. Schlägereien zwischen den Kindern gehörten zur Tagesordnung und mussten quasi in der Unterrichtsplanung mit berücksichtigt werden. Trotzdem die Arbeit unheimlich anstrengend war und mich oft in Verzweiflung stürzte, konnte ich doch sehen, wie viel ich dadurch lernen konnte und hatte meistens auch Freude daran.

Neben dem Unterricht in meiner eigenen Klasse habe ich auch noch Angebote für die Kinder aller Klasse gegeben. Diese beinhaltete unter anderem das Lernen von Standarttänzen sowie Entspannungsübungen und Traumreisen. Beide Programme zeigten sich, entgegen meiner anfänglichen Erwartungen, als sehr beliebt und bereicherten sowohl die Kinder, als auch mich selbst.
Darüber hinaus habe ich am Nachmittag zuerst eine kleine Analphabeten-Klasse und später eine Leseklasse übernommen. Die Abendstunden waren meist mit der Unterrichtsplanung für den nächsten Tag ausgefüllt.

Zusätzlich zum normalen Unterricht in den Klassen, organisierten wir einige Ausflüge mit den Kindern. So besuchten wir unter anderem einen Zoo und ein Museum. Während dieser Zeit zeigten die Schüler plötzlich natürliches, kindliches Verhalten. Es machte mir sehr viel Spaß zu beobachten, wie meine sonst so chaotische Klasse plötzlich voller Ehrfurcht vor einem Gorillakäfig stand und das riesige Tier bestaunte. Sie waren plötzlich ganz verzaubert, durften für wenige Stunden einmal vergessen, was sie schon alles erlebt hatten.

Während meines gesamten Aufenthaltes in Kids Haven lebte ich im Village. Zu Anfang gab es noch keine feste Unterkunft für mich und ich bin mehrere Male in andere Zimmer und andere Häuser umgezogen, bis ich schließlich zusammen mit einer anderen Freiwilligen ein Zimmer in einem Haus mit 8 Jungs beziehen konnte, nachdem dieses frisch renoviert worden war.

Neben meiner Arbeit im Centre, ob nun im Kindergarten, oder in der „Bridging School“, verbrachte ich auch immer viel Zeit mit den Kindern meines Hauses. So half ich ihnen regelmäßig bei den Hausaufgaben und organisierte Freizeitaktivitäten, wie Eislaufen, Schwimmen gehen und im Park spielen. Zum Abschluss und als Höhepunkt organisierten wir schließlich ein Wochenende in den Drakensbergen. Es war herrlich, zu sehen, wie sich die Kinder plötzlich veränderten. Wie ihre Gesichtsausdrücke weicher wurden, sie sich entspannter bewegten, freier und leichter wurden: einfach Kinder wurden. Nach diesem Wochenende in den Bergen wurde die Beziehung zwischen uns Freiwilligen und den Kindern viel enger. Wir waren plötzlich mehr, als eben die Freiwilligen, die hilfreich sind, wenn man mit den Hausaufgaben mal nicht mehr weiter kommt.

Ich hatte häufig zu kämpfen mit den vielen Gittern und Mauern überall um mich herum, die gleichzeitig ein- und aussperrten. Mit der Tatsache, dass es nicht möglich war einfach mal einen langen ausgiebigen Spaziergang zu machen, schon gar nicht im Dunkeln. Damit, dass ich niemals wirklich alleine sein konnte, keinen Ausgleich nach der anstrengenden Arbeit hatte. Immer mal wieder hatte ich Phasen, in denen ich dachte, dass es zu viel ist, dass ich den Stress, die Überforderung, die Schicksale der Kinder nicht mehr aushalten könnte. Ich hatte immer wieder Kontakt mit meinen persönlichen Grenzen und ging immer wieder darüber hinaus.

Trotzdem fiel mir der Abschied unheimlich schwer. Die Welt dort, war mir so vertraut geworden, die Menschen so wichtig. Die Arbeit hatte so viel Sinn. Ich hatte so viel gelernt und lernte jeden Tag noch etwas dazu. Noch immer stelle ich mir in manchen Situationen vor, wie die Kinder reagieren würden, wie sie plötzlich staunen würden, wenn sie in diesen Momenten neben mir stehen und sehen könnten, was ich gerade sehe…


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