Erfahrungsberichte
Vierteljahresbericht von Katja Lauth aus Tamil Nadu, Indien - Mai 2009
Seit meiner Ankunft in dem wunderschoenen, vielfaeltigen Land Indien sind nun drei Monate vergangen- es ist schwer, die große Anzahl von Erlebnissen, Erfahrungen und Eindruecken in einigen Seiten zusammenzufassen, daher moechte ich versuchen einen Einblick in das Leben meines entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes zu vermitteln, indem ich einzelne Bereiche und Zeitabschnitte erklaeren werde.
Das Projekt
Das Dewi Sarasvathi-Projekt befindet sich direkt neben einem kleinen Dorf namens Kilawedu, welches etwa 10 Minuten entfernt liegt von der naechstgroesseren Stadt Chengalpattu in Tamil Nadu. Es besteht aus 2 Teilen: In dem ersten Hauptteil befinden sich die Cottages der Maedchen, die Kueche sowie die projekteigene High-school. Dort bewohne auch ich ein Zimmer. Im zweiten Komplex sind die Cottages der Jungen und die Krippe mit den kleineren Kindern angesiedelt, sowie die Primary-School.
Im Kinderdorf leben insgesamt 180 Kinder, die zwei Schulen besuchen jedoch 500 Kinder- es ist also immer viel los!
Ankunft
Meine Reise in das ferne Indien musste ich nicht alleine antreten: Guenter Spitzing, der Gruender von Dewi Saraswati Hamburg e.V. begleitete mich auf meinem Flug und wuerde anschliessend 4 Wochen im Kinderdorf verbringen, u.a. um das Zwischenseminar fuer die zwei anderen Volontaere abzuhalten.
Als wir den Flughafen von Chennai verlassen und in der Unmenge indischer Taxifahrer versinken, spuere ich, wie es losgeht: Eindruecke jeglicher Art fangen an auf mich einzusprudeln. Wir werden von Ruby James, der indischen Gruenderin des Kinderdorfes, deren Mann und Sohn samt Schwiegertochter herausgezogen. Mit einem Jeep fahren wir vollbeladen mit Menschen und Gepaeck die Schnellstrasse entlang Richtung Chengalpattu. Der leichte Wind weht angenehm kuehlend aus dem vorderen Fenster in mein Gesicht und ich weiss: Hier ist ewig Sommer.
Es ist die wohltuende, penetrante Fuelle an Gefuehlen, Geruechen und Eindruecken, die sich in mir ausbreitet. Das Eintauchen in eine andere Welt, als wuerde eine Welle neuer Sinneserfahrungen meinen Koerper durchfahren, das ist die einzigartige erste Stunde in einem fernen Land wie Indien: Das Zirpen der Grillen; die warme Sommerluft; die schokobraune Hautfarbe der Inder, die so harmonisch im Einklang liegt mit deren Augenfarbe; das Bellen streunender, abgemagerter Hunde; die Bollywood-Musik aus der Ferne... Und dann: Der Blick in die endlose, meinen Koerper erzitternde Schoenheit der Nacht und ich bin verloren.
Meine ersten Tage und Wochen im Kinderdorf jedoch waren nicht unbedingt einfach fuer mich: Ich kam an in einer Umbruchszeit, in der derart viel los war, dass ich oft das Gefuehl hatte, keine Luft mehr zu bekommen. Es war ein harter Einstieg, doch durch ihn konnte ich schnell eine Menge ueber das Leben im Kinderdorf, sowie die indische Mentalitaet lernen.
Zum Glueck standen mir die zwei weltwaerts-Volontaerinnen zur Seite, die mir die Einfuehrung erleichterten: Marett, die uns nach ihrem halbjaehrigen Dienst in drei Wochen verlassen wuerde, und Franzi, meine Mitvolontaerin fuer die vor mir liegenden 6 Monate. Die ersten vier Wochen erwartete uns viel Besuch von Gaesten; viele Dinge mussten mit Herrn Spitzing besprochen werden, u.a. fand das Zwischenseminar fuer Marett und Franzi statt; viele Anlaesse wie der grosse Jahrestag wurden durch schoene, aber auch anstrengende Feste gefeiert...
Demzufolge tauchte ich in einer Zeit auf, in der kein Alltag stattfand und die vielen Umbruchgedanken der Gruender mich verunsicherten, sodass ich nur ein sich vor mir auftuermendes Chaos erblickte. In dieser Zeit war es praktisch unmoeglich, mich fuer einige Stunden zurueckzuziehen, um etwas Ruhe zu finden. Hinzu erschwerte mir die riesige Menge von 180 Kindern, einen Zugang zu den einzelnen an sich so liebenswuerdigen Wesen zu finden.
Wenn ich nun aber zurueckblicke, bin ich sehr froh, nicht aufgegeben zu haben, denn mittlerweile bin ich an unzaehligen Erfahrungen reicher und die Kinder wachsen mir immer mehr ans Herz.
Meine kurze Karriere als Grundschullehrerin
Fuer anschliessend nur vier kurze Wochen fuehren wir den normalen Wochenplan von Franzi und Marett fort, welcher vor- und nachmittags hauptsaechlich den Unterricht in der Primaryschool und dem Kindergarten vorsieht. Zudem helfen wir morgens und abends bei den „studies“ (sozusagen Hausaufgabenbetreuung), erteilen einigen Highschool-schuelern „special-class“ und „computer class“, spielen und beschaeftigen uns mit den Kindern und bereiten das Abendprogramm fuer das interreligioese Gebet vor. Doch wie gesagt- planmaessig erfolgt hier tatsaechlich NIE etwas. Aus diesem Grunde faellt auch oft Unterricht aus und ploetzlich steht ein voellig anderes Programm fuer uns an.
Aufgrund der grossen Klassen unterteilen wir diese in zwei Gruppen; Franzi uebernimmt die Schwaecheren und ich die etwas Fortgeschritteneren. So unterrichte ich folglich nur die Haelfte der Kinder, was von grossem Vorteil ist bei den schreienden, unkonzentrierten Schuelern. Des Weiteren behalte ich einen besseren Ueberblick, ob auch wirklich der Grossteil der Klasse (von allen zu sprechen, waere ein Ziel, an das ich mich eindeutig nicht heranwage) das Thema versteht. Nach kurzer Zeit verschwindet die Angst in meinem Bauch und ich versuche den Schuelern etwas Selbstvertrauen zu geben. Gemeinsam sind die indischen Kinder immer stark und laut, doch wird einer von ihnen aufgefordert, alleine zu sprechen, ist derjenige leise wie ein Maeuschen und blickt schuechtern zu Boden. Es ist das komplette Gegenteil unserer Gesellschaft, in der stets versucht wird, Teamfaehigkeit und Gruppengefuehl zu staerken. Stattdessen muss das Individuum gefoerdert werden.
Es ist jedoch zu bemerken, dass die Kinder im letzten halben Jahr vor allem gelernt haben selbststaendig Antworten zu formulieren und ansatzweise ihren eigenen Kopf zu benutzen. Der Grundbaustein, um jetzt „Spoken English“ zu lernen, wurde gelegt, denn in dieser Hinsicht stehen die Kinder noch am Anfang ihrer Faehigkeiten.
Zu Beginn ist es mir auesserst schwer gefallen, nicht staendig das indische Schulsystem zu verfluchen. Das einzige Talent, das hier gefoerdert wird, ist das des Auswendiglernens. Die Kinder muessen jedes Wort stur und stumpfsinnig nachsprechen und anschliessend auswendig aufsagen, obwohl sie nicht im Entferntesten den Sinn dieser Saetze begreifen.
Die erzielten Leistungen der Schueler, die tatsaechlich relativ gut das Englische beherrschen, lassen oft zu wuenschen uebrig, da sie die vorgegebenen Texte sinn- und nicht wortgetreu wiedergeben...Es ist ungerecht.
Mittlerweile habe ich mir eine gewisse Gelassenheit angeeignet, ohne die ich oft verzweifeln wuerde. Wichtigste Staerke, die man im Gepaeck haben sollte: eine hohe Frustrationstoleranz.
Ureinwohnerdorf K.
In K., einem Ureinwohnerdorf der Volksgruppe der Irular, unterrichten wir zusaetzlich zweimal die Woche die Schueler der Pre-school. Die Kinder sind wunderbar, man koennte behaupten „noch unverdorben“ vom indischen Schulsystem. So kann man den unbefangenen Kleinen Englisch auf eine spielerische, paedagogisch wertvollere Weise (als durch Nachsprechen ins Gedaechtnis einhaemmern) vermitteln.
Ausserdem finde ich es sehr beeindruckend, dass die Vaeter und Muetter ihre Kinder zur Schule begleiten und sie sehr liebevoll behandeln. Der soziale, zwischenmenschliche Umgang erscheint mir wesentlich fortgeschrittener als bei anderen Indern, auch was die Emanzipation der Frau betrifft. (Im Kinderdorfes hat im Gegensatz zu K. fast jedes Kind eine aehnliche Geschichte: Der Vater ist Alkoholiker und schlaegt die Mutter.)
Sonstige Aufgabenbereiche und Ferienprogramm
Nach einigen intensiven Gespraechen zwischen den zwei Gruendern und den Volontaeren wird beschlossen, dass wir uns in Zukunft auf die juengeren Kinder konzentrieren sollen. Konkret heisst das, dass wir ab Juni -nach den grossen Sommerferien im Mai- eine eigene Klasse uebernehmen werden, die des LKG (Lower Kindergarden), um dort den Kindern spielerisch Englisch beizubringen. Unsere sonstigen Aufgabenbereiche wie das zweimalige Unterrichten in Kollamedu, das Wochenendprogramm fuer die Kinder, die „studies“-betreuung etc. behalten wir jedoch weiterhin bei. Den Rest des Aprils verbingen wir vor allem mit adminstrativen und organisatorischen Aufgaben wie beispielsweise die Dokumentation der Daten der Kinder. Zudem bereiten wir das grosse sechstaegige Programm des Holiday-camps fuer etwa 120 Kinder vor, das Ende April, kurz vor den Ferien stattfindet.
In diesen sechs Tagen legen wir den Schwerpunkt auf das Basteln, denn dieser Bereich ist den Kindern voellig fremd, sie kennen nur malen und das Spielen im Freien. Vormittags basteln wir Collagen, Drachen, Streichholzhaeuser, Origami, Mensch-aerger-dich-nicht-Spiele, Luftballon-Sandfiguren, Papiertueten, Blueten- und Blaetterdrucke, Schattenrisse, Papierperlen und bemalen Steine...Nachmittags fuehren wir dieses Programm fort, doch bieten wir auch aktivere Dinge wie Tanzen, Spiele im Freien, Badminton an. Natuerlich verlaeuft nicht alles nach Plan und teilweise laufen einige Dinge aus dem Ruder, doch eines koennen wir festhalten: Die Kinder haben viel Spass und ueberraschen uns oft mit ihrer aussergwoehnlichen Kreativitaet!
Das Holidaycamp beenden wir mit einer Ausstellung der geschaffenen Kunstwerke und einem Programm, bei dem die einstudierten Taenze aufgefuehrt werden.
Die Ferien, welche sich ueber den kompletten Mai ausstrecken, verbringen die Kinder bei ihren Familien- nur 8 Kinder bleiben bei uns zurueck. Mit diesen malen, spielen und gehen wir spazieren, doch uns bleibt auch endlich mal etwas Freizeit, die wir zum Lesen, Yoga und Ausruhen nutzen. Leider macht mir die unertraegliche Hitze sehr zu schaffen: In der prallen Mittagssonne zwischen 12.30 und 16.30 Uhr ist es fast unmoeglich das Zimmer zu verlassen.
Probleme
Obwohl ich darauf vorbereitet war, auf eine voellig andere Kultur und Mentalitaet zu treffen, stoße ich hier immer wieder an die Grenzen meiner Toleranz. Man darf wirklich nicht die große Differenz unserer Kulturen unterschaetzen, denn viele Verhaltens- und Herangehensweisen der Inder sind in unseren Augen nicht nachvollziehbar und unverstaendlich- so weltoffen man auch sein mag. Das Problem hierbei ist, dass wir nicht selten mit einer großen Motivation und viel Elan in ferne Laender reisen und der guten Absicht, etwas veraendern zu wollen.
Man muss nicht nur helfen wollen, man muss auch helfen koennen.
Da die Inder auf eine voellig andere Art und Weise miteinander kommunizieren- hier wird zum Beispiel vieles nur indirekt angedeutet- besteht eine grosse Gefahr, dass aus Missverstaendnissen schwerwiegende Probleme hervorgehen.
Aus diesem Grunde ist es sehr empfehlenswert, sich erst einmal an die Umstaende und Bedingungen dieser fremden Kultur zu gewoehnen; einige Dinge erst einmal stillschweigend hinzunehmen und schliesslich abzuwarten, wie sie sich weiterentwickeln.
Es ist unvermeidbar, persoenliche Ueberzeugungen ethischer und moralischer Art manchmal nicht aussprechen zu koennen. Man muss sich immer wieder vor Augen fuehren, dass hier komplett anderen Werten grosse Bedeutung beigemessen wird, wie zum Beispiel der Ruf und das Prestige eines Menschens. Zudem sollte man nicht die tiefwurzelnden Hierachieverhaeltnisse unterschaetzen.
Momente meines Alltages
Die Zeit vor den Studies zwischen halb 6 und halb 7 ist fuer mich die schoenste Zeit des Tages. Die Kinder springen auf dem grossen Gemeinschaftsplatz umher, flechten sich gegenseitig Zoepfe, spielen und lachen. Die Sonne geht langsam in einen Farbenkampf zwischen hellem Gelb und sanftem Rosa ueber und die erstickende Mittagshitze schmilzt dahin zu einer angenehm wohltuenden Waerme, die die Spannung des Tages fortschwemmt.
Wir sind umgeben von Palmen, Reisfeldern, einem Meer aus saftigem Gruen, bueffelartigen Kuehen, bunten Papageien und hochaufragenden Bergketten.
In solchen Augenblicken wird mir wieder bewusst, wie saettigend die Farben Indiens auf mich wirken.
Wenn ich das knallige Rot der Hibiskusblueten und das saftige Gruen der Reisfelder betrachte, das sich mit dem erdunkelnden Himmelblau beissende Rosa der kreisrunden, untergehenden Sonne erblicke und sich dieser Anblick im tiefen, dunkelgruenen Wasser des Sees widerspiegelt mit jenem einzigartigen Funkeln, durch das die Natur mir zuzuzwinkern scheint, dann fuehle ich mich unheimlich lebendig und von den Zehen bis zum Kopf erfuellt mit Glueck.
Indien, das ist ein Land der Lebendigkeit, aber ebenso ein Land der Gegensaetze: Hier leben die Reichen und Armen so nahe beieinander; hier kollidieren Tradition und Moderne; hier gelangt man in zwei Minuten von der stinkigen, vermuellten Stadt in die schoensten Landschaften der Natur; hier treffen Religionen aufeinander; hier stehe ich haeufig ratlos vor den Verhaltens- und Denkensweisen der Inder, doch im gleichen Ausmass kann ich mich taeglich fuer die endlos vielfaeltige Kultur begeistern...
Persoenliche Entwicklung
Jeden Tag darf ich erleben, wie sich mein Horizont erweitert durch Erfahrungen, die ich so nie fuer moeglich gehalten haette bzw die sich zuvor auch einfach meiner Vorstellungskraft entzogen- Wie beschreibt man einem Blinden die Farbe Blau? Genau so fuehle ich mich oft, wenn ich versuche, meine Erfahrungen in Worte zu fassen. Ich stosse auf Verhaltens- und Herangehensweisen, Traditionen, Farben, Gerueche und Naturgewalten, die mir zuvor voellig fremd und unbekannt waren. Die kulturelle Differenz, aber auch die der sozialen Strukturen und der Kommunikation kann man nur durch das Erleben (ansatzweise) ergreifen. Es faellt mir immer schwerer Vergleiche zu unserer Welt zu ziehen, denn gewisse Dinge sind einfach nicht vergleichbar. Ich betrachte die Menschen, die Kinder und das Land nun aus anderen Augen, ich fange an zu begreifen. Nicht, dass es mir an Toleranz gemangelt haette, sondern vielmehr an Erfahrung. Diese Erfahrung waechst und waechst und ich weiss, am Ende kann ich nur reicher sein, moegen sich auch einige negative Erinnerungen unter den vielen Erlebnissen befinden.

