Erfahrungsberichte
Zwischenbericht von Katharina Große aus Nicaragua - Mai 2008
Seit dem 21.01.2008 bin ich in San Marcos/Nicaragua. Ich fühle mich hier wohl und bin glücklich, dass ich die Möglichkeit bekommen habe, für ein halbes Jahr hierher zu kommen.
Familie und Umfeld
In der Zwischenzeit spreche ich recht gut Spanisch, so dass ich mich beinahe mühelos mit den Leuten hier unterhalten kann. Meine Gastfamilie ist sehr nett und aufmerksam. Da die Familie ein kleines Restaurant bewirtet, habe ich nicht nur Gesprächspartner, sondern auch sehr gutes Essen.
Arbeit
Seit 1998 besteht eine offizielle Städtepartnerschaft zwischen Jena und San Marcos. In Jena ist die Städtepartnerschaftsgruppe des Eine-Welt-Hauses, in San Marcos der Verein APRODIM für Öffentlichkeitsarbeit, offizielle Kontakte und die Koordination der Projekte verantwortlich. Das Spektrum der Projekte reicht von sozialen über medizinische bis zu ökologischen Vorhaben, wobei die Entwicklungszusammenarbeit im Vordergrund steht.
Ich unterstütze mit meiner Arbeit bei APRODIM die aktuellen Projekte und informiere regelmäβig den Verein in Jena über den aktuellen Stand. Dabei verstehe ich mich sehr gut mit den MitarbeiterInnen des Vereins. In den vier Monaten, die ich jetzt hier bin, habe ich schon verschiedenste Aufgaben erledigt, die sich auf zwei Schwerpunkte konzentrieren:
1.Vorbereitung und Umsetzung des Projektes ‚escuela verde’
Dieses Projekt befasst sich mit der Aufklärung über und Sensibilisierung für die Umwelt. Es hat zum Ziel, in den Schulen Wissen über die Natur zu vermitteln und somit die Notwendigkeit ihres Schutzes deutlich zu machen. Damit sollen illegale Abholzungen zur Feuerholzgewinnung eingedämmt und schlieβlich ganz verhindert werden. Auch wird die Bevölkerung angeregt, ihren Müll in Bio- und Restmüll zu trennen. Der Biomüll soll kompostiert werden, um die Menge des Mülls zu reduzieren.
Insgesamt nehmen zwei Schulen in der Trockenzone in Dulce Nombre daran teil. Später soll das Projekt auf das gesamte Schulgebiet von San Marcos (23 Schulen) ausgeweitet werden.
Zunächst wurde gemeinsam mit dem Umweltministerium in den Schulen Aufklärungsarbeit über die Umwelt, z.B. über den Nutzen von Wäldern, Herstellung von Kompost, Gesetze zum Umweltschutz geleistet. Im nächsten Schritt werden die Schüler in die Familien ihres Dorfes gehen und dort ihr Wissen weitergeben. Auch wird jetzt mit den ersten Bepflanzungen in einer Art Schulgarten begonnen. Teil des Schulalltages sollen praktische Schulstunden sein, in denen sich die Schüler um den Schulgarten kümmern sollen. Es ist geplant, öffentliche Plätze im Dorf zu bepflanzen.
Dabei hat sich jedoch gezeigt, dass am Anfang Skepsis über den Nutzen des Projektes bei der Bevölkerung herrschte und sich somit z.B. die Lehrer unwissend gestellt haben. Jedoch konnten wir bei vielen Treffen mit den Schülern, Lehrern und Eltern den Sinn des Projektes erklären und deutlich machen, so dass jetzt eine motiviertere Stimmung herrscht.
Ein weiteres Problem ist das Fehlen von Wasser in einer Schule. Wir haben vorgeschlagen, dass jeder Schüler täglich einen Liter Wasser für die Pflanzen mit zur Schule bringt. Damit hoffen wir, das Problem lösen zu können.
Meine Hauptaufgabe besteht darin, bei der Vorbereitung und Umsetzung dieses neuen Projektes mit zu helfen. Aus diesem Grund fahre ich einmal wöchentlich in die nahe gelegene Trockenzone Dulce Nombre, um an Treffen mit den Schülern, Lehrern und Eltern teilzunehmen. Dabei komme ich mit ihnen ins Gespräch und kann über Fortschritte, Fragen und Probleme des Projektes reden.
2.Umsetzung des Patenschaftsprojektes
Im Patenschaftsprojekt werden 113 Patenkinder im Gebiet von San Marcos durch Paten aus Deutschland finanziell unterstützt, indem sie für sie Schulgeld, -uniform und –material bezahlen. Ich besuche gemeinsam mit der Verantwortlichen des P
rojektes einmal wöchentlich zwei bis drei Familien, die Anwärter für Patenschaften sind. Dabei bekomme ich gemeinsam mit der Verantwortlichen einen Einblick in die Lebens- und Familiensituation. Bei den Berichten über die Familien nach Deutschland gebe ich zusätzlich zur Sozialstudie meinen eigenen Eindruck wieder. Bei der Auswahl der Familien wird nicht nur auf die finanzielle, sondern auch auf die soziale Lage geachtet, z.B. ob die Eltern geschieden sind oder ein Kind Waise ist. Das Projekt wird mit monatlichen Treffen unterstützt, in denen Familienarbeit geleistet wird. Dabei wird über Probleme in den Familien, häusliche Gewalt u. ä. gesprochen. Patenkinder, die Probleme in der Schule haben, bekommen einmal wöchentlich Nachhilfe.
Ein weiterer Teil dieses Projektes ist der Briefverkehr zwischen den Paten in Deutschland mit den Patenkindern in San Marcos. In der Regel übersetze ich täglich zwei Briefe.
Betreuung
Zu meinem Entsendeverein „Eine-Welt-Haus Jena e. V.“ habe ich mindestens einmal im Monat Kontakt, indem ich Berichte über die Projekte, in denen ich arbeite, verfasse.
Mein Vorbereitungsseminar durch das Nicanetzwerk hat mich recht gut auf meinen Einsatz in Nicaragua vorbereitet. So konnte ich einen Einblick in Kultur, Land und Leute bekommen. Besonders hilfreich fand ich das Gespräch mit ehemaligen Freiwilligen, die von möglichen Hindernisse und selbsterfahrenen Problemen berichtet haben.
Hier vor Ort habe ich eine engagierte Ansprechpartnerin, die bei kleineren Problemen schnell gehandelt und Abhilfe geschaffen hat.
Durch mein einmonatiges Praktikum beim Eine-Welt-Haus Jena e. V. wurde ich sehr gut auf meinen Freiwilligendienst vorbereitet. Ich konnte einen Einblick in die Arbeit des Vereins bekommen und viel über mein Einsatzland Nicaragua erfahren, weil ich mit einer Nicaraguanerin zusammengearbeitet habe. Durch sie konnte ich auch meine Spanischkenntnisse verbessern.
Fazit
Somit kann ich sagen, dass ich in der Zeit hier schon viel gesehen und erlebt habe, was wohl für immer ein Teil von mir sein wird. Auch meine Freunde und meine Familie interessieren sich sehr für meine Erlebnisse hier und wir stehen in ständigem Kontakt.
In der verbleibenden Zeit werde ich gemeinsam mit dem Projektverantwortlichen „escuelas verdes“ weiter voranbringen, indem wir gemeinsam mit den Schülern anfangen, den Schulgarten anzulegen. Gleichzeitig werden wir mit ihnen eine Informationwand in der Schule über das Projekt anfertigen. Dies halte ich für wichtig, damit das Projekt noch besser öffentlich sichtbar wird und sich die Dorfbevölkerung vielleicht stärker daran beteiligt.
In dem Patenschaftsprojekt werde ich weiter an den Besuchen der Familien teilnehmen und möglichst viele Briefe übersetzen, um die Kommunikation zwischen den Paten und den Patenkindern zu stärken.
Ich plane, die Erlebnisse und Erfahrungen in Nicaragua nach meiner Rückkehr nicht nur meiner Familie und meinen Freunden nahe zu bringen, sondern ‚weltwärts’ auch an meiner ehemaligen Schule vorzustellen. Das Programm ‚weltwärts’ bietet auch denjenigen die Möglichkeit, einen Freiwilligendienst zu leisten, die vorher nicht die finanziellen Möglichkeiten besaßen. Ich finde es sehr gut, dass durch dieses Programm nicht mehr die finanziellen Möglichkeiten über das Absolvieren eines Freiwilligendienstes entscheiden, sondern nur noch der Wille, für einen bestimmten Zeitraum in ein Entwicklungsland zu gehen und dabei mehr über die Probleme in einem solchen Land zu erfahren. Durch diese Situation lernt man auch viel über sich selbst.
Darin genau sehe ich das Ziel eines solchen Freiwilligendienst: Brücken zwischen den Kulturen zu schlagen und die Perönlichkeitsbildung voranzubringen. Man gewinnt eine größere Toleranz und ein stärkeres Einfühlungsvermögen für fremde Kulturen. Zugleich entwickelt man Sensibilität für die Probleme eines Dritteweltlandes, die man in seiner unmittelbaren Umgebung wahrnimmt, z.B. die Folgen starker Armut usw.
Auch kommt man zur Erkenntnis, dass die Umsetzung von Projekten an Grenzen stoßen kann und vom Mit-Machen aller Beteiligten lebt. Man kann in seinen Projekten nur begrenzt etwas erreichen, worin auch nicht unbedingt das vordringliche Ziel des Dienstes liegt – man ist kein ausgebildeter Entwicklungshelfer. Das Ziel liegt m. E. vielmehr darin, Erfahrungen und Erkenntnisse auf beiden Seiten zu sammeln und somit Toleranz und Verständnis, wovon alle profitieren.


