Erfahrungsberichte
Zwischenbericht von Franziska Hrusa aus Indien - November 2008
Erster vierteljaehrlicher weltwaerts- Bericht
Dewi Saraswati India Trust, 25.11.2008
Von meinem einjährigen Freiwilligendienst hier in Südindien ist schon fast ein Viertel vorbei und es wird Zeit für meinen ersten offiziellen Bericht.
Am 23. August 2008 um 3:20h (Ortszeit) bin ich in Chennai gelandet, ich habe knapp zwei Stunden gebraucht, um aus dem Flughafengebäude rauszukommen, wegen des langwierigen Visachecks und weil mein Koffer als einer der letzten kam, aber das Warten hat mich, wie ich später bemerkt habe, schon gut auf eine der indischen Mentalitäten eingestellt: Gelassenheit und Hinnehmen dessen, was kommt und sowieso nicht zu ändern ist.
Dann war ich endlich in Indien, und seit diesem Moment habe ich so unglaublich viel erlebt und gesehen, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll zu berichten…
Ich fange am besten mit dem an, für das ich hierhergekommen bin: Die Kinder im Kinderdorf von Dewi Saraswati India (DSI).
Sie umgeben mich seit meiner Ankunft, wollen tanzen, singen, spielen, malen oder auch Hilfe beim Lernen. Sie, und die damalige Volontärin, die mich in das Alltagsgeschehen eingewiesen hat, haben mir den Einstieg hier sehr leicht gemacht.
Aber ganz besonders geholfen hat mir in verschiedensten Situationen hier das in Deutschland abgehaltene Vorbereitungsseminar. Natürlich kann man gewisse Umstände hier in Indien erst vollständig begreifen, wenn man sie mit eigenen Augen sieht oder selbst erlebt, aber der Austausch mit der deutschen Projektleitung war von sehr grossem Wert für mich, denn ich erhielt so schon im Vorfeld einen Eindruck vom Aufbau des Projekts.
Ich wusste also, dass ich zusammen mit knapp 200 Kindern in einem Kinderdorf wohnen würde.
Seit Martina, meine erste Mitvolontärin, wieder zurück in Deutschland ist, habe ich im alten Teil des Kinderdorfs ein eigenes Zimmer, da Marett, Martinas Nachfolgerin, ein anderes Zimmer im Nachbarhaus bekommen hat. Ich sehe das als großen Luxus und bin sehr froh wenigstens etwas Privatsphäre zu haben, die Kinder jedoch betrachten das eher mit Misstrauen. “You room sleeping one (=alone)? You not scared?”, fragen sie mich und Marett immer wieder und können es gar nicht glauben, dass wir ganz allein im Dunkeln überhaupt einschlafen können. Es ist in Indien allgemein, und im Kinderdorf natürlich schon gar nicht, üblich, dass jemand ein eigenes Zimmer hat. Normalerweise bestehen die Familienhäuser bzw. Hütten aus 1-2 Zimmern, einer Küche und einem Bad, die Familien jedoch haben mindestens 3 Kinder, wobei zusätzlich oft noch Großeltern mit im Haushalt leben. Also breitet man eben abends wo Platz ist seine Strohmatte aus und schläft einer dicht neben dem anderen ein. Hier im Dorf wäre es natürlich gar nicht möglich jedem der knapp 200 Kinder ein eigenes Zimmer zu bieten, aber auch die Lehrer, die hier im Dorf wohnen, schlafen nicht allein, sondern mit den Kindern zusammen in einem Raum.
Schlafenszeit ist hier um 10 Uhr, aber meistens verschwinden die Kinder bereits zwischen 9 und halb10 in den Häusern. Kein Wunder, denn sie stehen ja auch schon gegen 5 Uhr morgens auf. Der Schlafrhythmus hier ist allein deshalb schon anders, da die Sonne sehr früh aufgeht, so gegen halb 5, und schon um halb7 untergeht.
In dem Teil des Kinderdorfes, wo ich wohne, befinden sich die Häuser aller Mädchen. Immer 9 – 11 Mädchen wohnen zusammen in 8 der kleinen Steinhütten, 17 schlafen zusammen in einem großen Saal, der als Tsunamihilfe gebaut wurde. Ebenfalls in diesem Teil sind die Küche und die Gebäude der High-School. Im neueren Teil wohnen die Jungs und die Creche-Kinder zusammen in einem großen Gebäude. Gegenüber und an den Seiten befinden sich die Gebäude der Nursery und Primary School.
Zum Projekt gehören außerdem noch 5 umliegende Irular-(Ureinwohner-)dörfer, in denen DSI Vorschulen und diverse Wohngebaeude gebaut hat.
Mein Alltag
Auch einen Arbeitsplan hatte ich schon in Deutschland, der mich in den Alltag der Heimkinder mit einband und mir Unterrichtsstunden für “spoken English” in den Irulardörfern, in der Nursery, in der Primary School und in der High- School zuwies.
Anfangs hatten wir für die Unterrichtsstunden dann zwar einen Stundenplan, aber ständig wurden die Stunden für Wiederholungen vor den nächsten Examen genutzt, fielen ganz aus oder wir bekamen andere Aufgaben. Besonders in der Primary school hatten wir keinen kontinuierlichen Unterricht, sondern mussten immer dort einspringen, wo gerade ein Lehrer fehlte, bzw. assistierten den Lehrern in LKG (lower kindergarden) und UKG (upper kindergarden), wobei wir hauptsächlich immer wieder die gleichen Gedichte mit den Kindern üben sollten. Viel von unserem spoken english bekamen die Kinder also vorerst nicht zu spüren.
Doch allein im Umgang mit den Kindern merkte ich schnell, dass für die Kinder hier spoken english classes ziemlich gut wären, denn leider lernen sie im Unterricht so gut wie nichts, was sie im Alltag anwenden könnten. Das Schulsystem, das vollständig auf dem Vorsagen der Lehrer und dem Nachsagen der Schüler basiert, ist für die meisten Kinder katastrophal, zumindest im Englischen, denn die Kinder lernen nicht auch nur ansatzweise Vokabeln. Das bedeutet, dass die Kinder, die gut im auswendig lernen sind, zwar als “gute” Schüler gelten, aber kaum ein Wort von dem verstehen, was sie täglich rezitieren.
Auch für die Exams müssen die Kinder die vorgegebenen Fragen und Antworten “nur” auswendig lernen, um gute Noten zu bekommen, der Sinn des Textes spielt aber keine Rolle. So zitieren sie fehlerfrei Texte von Shakespeare und Fragen und Antworten zum Tagebuch der Anne Frank, an sich sehr schöne und interessante Texte, verstehen aber kein Wort von dem was sie sagen oder schreiben. Für die meisten Kinder hier sind das, was sie lernen, nur eine Reihe von aneinandergereihten Buchstaben. In der High School ist das nicht ganz so gravierend, da die anderen Fächer hier auf Tamil unterrichtet werden, aber die Primary School rühmt sich in dieser Gegend als “english medium school”, was bedeutet, dass alle Fächer auf Englisch unterrichtet werden. Die Kinder verstehen also in keinem Fach, was sie lernen und können es folglich auch nicht anwenden.
Mit unseren “spoken enlish classes” wurde uns Volontären die Gelegenheit gegeben den Kindern Englisch beizubringen, das sie auch anwenden können. Diese Gelegenheit wollten wir auf jeden Fall bestmöglich nutzen. Gemeinsam mit der zweiten Volontärin Marett, die für 6 Monate mit mir hier in Indien bleibt, haben wir uns dafür eingesetzt, dass unsere Stunden unabhängig von den Lehrplänen und regelmäßig stattfinden kann. Die Projektleiterin bot uns die Möglichkeit ihrer Schwägerin, die selbst Lehrerin und Teacher’s trainer ist, den Wissensstand der Schüler vorzuführen und gemeinsam mit ihr ein neues Unterrichtskonzept zu planen.Nach einem Monat konnten wir also endlich anfangen kontinuierlich zu unterrichten und den Unterricht selbst zu gestalten.
Wir zwei sind jetzt Englischlehrer von ungefähr 330 Schülern, denn wir unterrichten alle Klassenstufen von der 1. bis zur 9. und die knapp 20 Vorschulkinder in Kollamedu, einem der Irulardörfer. Pro Stufe gibt es nur eine Klasse, doch die umfasst bis zu 46 Schüler. Um den einzelnen Schülern mehr Aufmerksamkeit schenken zu können, haben wir uns daher entschieden, jede Klasse in zwei Gruppen zu teilen, was sich als sehr erfolgreich erweist.
Im Irulardorf Kollamedu unterrichten wir die Kinder sehr spielerisch mit der Immersionsmethode. Wir verbringen dort nur 2 Vormittage in der Woche, aber die Kinder machen schon große Fortschritte, denn diese sind besonders offen für Neues und noch nicht so sehr auf eine Unterrichtsmethode gepolt. Mit ihnen kann man wirklich unvorbelastet ganz neu anfangen.
Wie wir während unseres Unterrichts festgestellt haben, gibt es in allen Klassenstufen Kinder, die Englisch weder Lesen noch Schreiben können. Das war am Anfang wirklich schwer zu verstehen. Wir fragten uns immer wieder, wie es denn möglich ist, dass ein Schüler in der 9. Klasse überhaupt nichts aus den vielen Englischstunden mitgenommen hat, die er bereits hatte. Aber wir mussten es akzeptieren, uns eben wirklich auf “spoken” english beschränken und den Unterricht möglichst anschaulich gestalten. In der Grundschule, wo die Kinder noch nicht so sehr auf das Auswendiglernen und Nachsagen, das ihnen hier beigebracht wird, gepolt sind, klappt das auch wirklich gut. Die Kinder lernen schnell und merken sich auch erstaunlich viel.
Mit den höheren Klassen geht alles etwas schleppend voran. Sie sind diese Art von Unterricht nicht gewohnt und nicht alle akzeptieren, dass sie in englischer Konversation bei Null anfangen müssen, wenn sie mir doch ganze Gedichte auf englisch vortragen könnten. Aber es gibt auch viele, die wirklich interessiert sind, gut mitmachen und lernen. Diese bewegen ihre Mitschüler nach und nach ebenfalls dazu in unseren Stunden gut mitzumachen.
Samstags halten wir außerdem noch eine Teacher’s conversation class. Die Lehrer sind sehr interessiert daran ihre englische Kommunikationsfähigkeit zu verbessern und die Grammatik zu lernen, weshalb wir viel Freude an unseren Lehrerstunden haben.
Vor und nach unserem Unterricht sind wir ständig mit den Heimkindern beschäftigt. Morgens vor der Schule und abends vor dem Abendessen helfen wir bei Hausaufgaben und Lernen. Zwischendurch spielen, tanzen, singen, lesen und malen wir mit den Kindern und am Wochenende geben wir Computer und Music class um ihnen in ihrem sehr langen Schulalltag etwas Abwechslung zu bieten. Besonders schön ist das allabendliche Geschichtenerzählen.
Nach diesen ersten drei Monaten hier kann ich glücklich sagen, mich hier wunderbar eingelebt zu haben. Auch wenn der Alltag manchmal anstrengend oder auch frustrierend ist: Ich weiß, dass ich bei den Kindern immer willkommen bin und sie schaffen es immer einen aufzuheitern.

