Erfahrungsberichte
Kooperantenbericht von Nora Thiemann, La Paz Centro, Nicaragua - Juli 2008
Diesen Bericht schreibe ich nach vier Monaten zu meiner persönlichen „Halbzeit“ hier in La Paz Centro.
Viele Kooperanten beginnen wahrscheinlich wie auch ich einen Freiwilligendienst mit dem Anspruch, etwas verändern und verbessern zu können, wenn auch nur im kleinen Rahmen. Das gibt dann auch die Motivation, sich mit viel Enthusiasmus an die Arbeit zu machen. In den letzten Monaten habe ich mich aber auch angefangen zu fragen: „Was bringt meine Arbeit hier eigentlich? Wen kann ich damit wirklich erreichen und was kann ich wirklich verändern.“ Und dann kommen auch Zweifel, wie sinnvoll die Arbeit wirklich ist. Zum Beispiel habe ich bei manchen Schülergruppen, mit denen ich arbeite, das Gefühl, dass sie fast gar nichts von dem mitnehmen, was wir besprechen, weil es einfach so schwer ist, überhaupt ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Oder ich bezweifle, dass eine Mutter nach einer Beratungssitzung nach Hause geht und ihre Kinder wirklich weniger mit dem Gürtel bestraft und sich mehr mit ihnen beschäftigt. Solche Gedanken sind auf jeden Fall frustrierend und demotivierend. Aber ich glaube auch, dass es jedem der etwas macht, ab und zu so geht.
Vielleicht liegt es bei mir auch daran, dass ich jetzt nachdem die Hälfte meiner Zeit hier schon vorbei ist, besonders überlege, was ich bisher eigentlich „geschafft“ habe. Zum Teil muss man wohl verstehen, dass man einfach nicht so viel verändern kann, wie man vielleicht gern möchte. Aber ich glaube, man kann solch ein „Motivationstief“ auch nutzen, um zu überlegen, was man besser machen kann, was an seiner Arbeit sinnvoll und was eher verändert werden sollte. Dadurch habe ich in meiner Arbeit im letzten Monat auch meine Schwerpunkte ein bisschen verändert. Ich mache nicht mehr so viele „charlas“, in denen ich nur für eine kurze Schulstunde in eine ganze Klasse gehe, sondern arbeite in den Schulen mehr mit kleineren Schülergruppen, mit speziellen Problemen, über einen längeren Zeitraum. Zum Beispiel habe ich jetzt ein Programm für vier bis fünf Sitzungen für Schüler mit aggressivem Verhalten entwickelt, mit denen ich mich dann alle zwei Wochen treffe. So kann man auch intensiver arbeiten und die Schüler besser kennenlernen. Ich habe mir auch vorgenommen, die Lehrer stärker dabei einzubeziehen, zum Beispiel immer mitzuteilen, was die Schüler in den Gruppen lernen, damit die Lehrer darauf zurückgreifen können.
Außerdem bin ich im Moment dabei, zu organisieren, dass die „Casa de la Mujer“ (=Begegnungszentrum für Frauen) wieder „capacitaciones“ (=Fortbildungen) oder „talleres“ (=Workshop) in den „comunidades“, den Landgemeinden von La Paz Centro, anbietet. Dazu habe ich viel mit Leonel, der Doctora und Ramon hier aus dem Projekt gesprochen, um gemeinsam zu überlegen, wie man das Projekt realisieren kann. Es müssen zum Beispiel der Transport, die Verpflegung und die Teilnehmer gesichert werden. Schön ist, dass Leonel als Projektleiter sehr offen für die Idee ist und auch die Doctora jetzt im Boot ist und wir die talleres gemeinsam planen können. Dadurch wird auch der Kontakt zu der Bevölkerung in den Landgemeinden erleichtert, da sie die Leute dort ja schon länger kennt. In die „talleres“ sollen auch andere Institutionen mit einbezogen werden, wie zum Beispiel das Familienministerium für Themen wie Kindesmisshandlung. Ich habe schon mit den verantwortlichen Frauen hier in La Paz Centro gesprochen und sie haben Interesse und Bereitschaft gezeigt. Andere Themen sind Familienplanung für Jugendliche und Gesundheitsvorsorge für Schwangere.
Ein anderes Projekt soll aus Schuluntersuchungen in den Landgemeinden bestehen, da dort teilweise für die Kinder nicht einmal eine medizinische Basisversorgung gesichert ist. Ich fände es sehr sinnvoll, wenn es innerhalb des Projektes möglich wäre, Kindern die es benötigen, den Besuch bei einem Spezialisten zu ermöglichen.
Um die Projekte langfristig finanziell abzusichern, wollen wir einen Antrag für die Lottostiftung und/oder das BMZ schreiben. Das wollen wir auf dem Zwischenseminar mit Anna, das jetzt bevorsteht, ausarbeiten.
Außerhalb der Arbeit gibt es keine großen Neuigkeiten. Das Nica-Essen finde ich mittlerweile richtig lecker, ich habe manchmal sogar so richtig Lust auf gallo pinto und der Reis und vor allem das Huhn wird hier einfach superlecker zubereitet. Deswegen finde ich es jetzt auch gut, dass wir für das Kooperantenhaus jemanden bekommen sollen, der Mittags essen für uns (die im Kooperantenhaus wohnen) kochen soll.
Mit Hanns und Jascha ist jetzt unsere Deutschen-Gruppe noch einmal gewachsen. Aber ich glaube, die Leute hier gewöhnen sich auch langsam daran, dass immer neue Deutsche kommen und andere gehen. Die meisten sind immer interessiert, wenn jemand neues kommt.

