Erfahrungsberichte
Zwischenbericht von Frieder Bickhardt aus Weißrussland - März 2009


Liebe Förderer, liebe Freunde und Verwandte
Nach langer Zeit des Schweigens möchte ich mich nun mit dem ersten Projektbericht wieder bei Euch melden. Inzwischen ist die Halbzeit hier schon überschritten und das Bergfest gefeiert. Es ist so viel passiert und täglich geschehen neue erzählenswerte Dinge, das man kaum hinterher kommt …
Jetzt viel Spaß beim Lesen. Auf Anregung, Kritik und Nachricht von Euch freu ich mich sehr.
Die kleine tägliche Herausforderung
Jeden Morgen mach ich mich gegen 9 Uhr auf den Weg zur Arbeit. Zur Bushaltestelle laufe ich 10 Minuten. Ich könnte es bequemer haben und noch mit einer anderen Linie eine Haltestelle fahren aber ich laufe sehr gern noch das Stück – laufe dem Tag entgegen. Vorbei an den Dauerbaustellen, dem Laden, der gemütlichen Datschensiedlung …
An der Haltestelle muss ich meist noch ein paar Minuten warten. Manchmal, wenn ich spät dran bin oder die Geduld verliere, fahr ich Maschrutka.
Maschrutka zu fahren ist ein echtes Erlebnis und gehört zweifellos zu den wenigen Freuden des Minsker Straßenverkehrs.
Eine Maschrutka ist quasi ein Linientaxi. Nicht größer als ein Kleinbus. Solange Plätze frei sind hält sie an festgelegten Haltestellen, ansonsten wird durchgefahren bis ein Fahrgast sich am Ziel wähnt und sein Aussteigen ankündigt. Das Interessante sind die Fahrer und deren routinierter Fahrstil. Die Fahrer zählen das Fahrgeld, rauchen und überholen rechts – gleichzeitig.
Meistens fahre ich aber Bus. Das ist nicht weiter spektakulär. Wenn ich Glück habe kann ich einen Sitzplatz ergattern ansonsten heißt es 40 min. stehen. Meist hab ich Glück, kann sitzen und die russischen Hausaufgabentexte lesen. Manchmal kommt man in den besonderen Wohlgeruch gewisser frühmorgendlicher Vodkafahnen, egal zu welcher Tageszeit, egal in welchen Minsker Viertel. Vor allem im Winter ist dieser Duft aus den meisten Verkehrsmitteln nicht wegzudenken – quasi ein ständiger Begleiter. Alkoholismus ist ein großes Problem in der belarussischen Gesellschaft. In der Generation 50+ ist er sehr weit Verbreitet.

Die Haltstelle
Barawlany – mein Projekt
Ich arbeite in der Krebsklinik im Minsker Vorort Barawljanij. Durch die Tschernobyl-Katastrophe sind 2/3 des Landes verstrahlt. Das bedeutet für die landwirtschaftlich geprägte Wirtschaft starke Einbußen und für die Bevölkerung ein erhöhtes Krebsrisiko. Die Klinik ist eine der drei modernsten im Staatenverbund GUS. Sie ist mit westlicher Hilfe Mitte der 90er Jahre gebaut worden und ist unter anderem Zentrum für Knochenmarkstransplantationen und in der Internationalen Knochenmarkspenderdatei. Die herausragende Stellung der Klinik merke ich im Alltag, wenn die Kinder, die ich betreue, auch aus der Ukraine, Moldawien, Kasachstan, Aserbaidschan und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken kommen.
Die Klinik betrete ich durch die große Eingangshalle, die gleichzeitig Kantine und die Besuchergarderobe beherbergt. Die Leute am Tresen kennen mich inzwischen und grüßen zurück.
Ich gehe in die Garderobe für die Angestellten, ziehe meine Schuhe um, schnappe mir den Beutel mit den Brettspielen und den mit den Bastelsachen und fahre in „mein“ Reich in den 5. Stock.
Insgesamt gibt es 5 Kinderstationen in Barawlany mit insgesamt 185 Betten. Ich arbeite auf zwei Stationen. Montag und Mittwoch auf der Infektstation und Dienstag und Donnerstag auf der Kleinkinderstation.
Infektstation
Auf der Infektstation liegen Kinder zwischen 10 - 18 Jahren. Wenn ich auf der Station ankomme, ist mein erstes Ziel der Basteltisch. Oft sitzen dort schon Kinder und malen, schauen fern oder warten einfach. Ich komm rein. Lächeln, Schüchternheit, Resignation und kurze Abwechslung von Krankenhausalltag begrüßen mich.
Meistens sind drei bis fünf Kinder und ihre Mütter da.
Frage; wie es geht? - Gut/Normal/So lala.
Dann wird gebastelt. Seit 6 Monaten ungeschlagen beliebt, begehrt und der absolute Dauerrenner ist ein Origami-Wesen – welches je nach Lust und Laune zum Raben, Hahn oder Drachenkopf umgebaut werden kann. Der Witz an dem Papierwesen ist seine Fähigkeit den Mund zu bewegen und plötzlich finden Gespräche zwischen Rabe und Drache statt. Die meistens enden damit, dass der Rabe den Drachen frisst oder eben andersrum.
Auf der Infektstation im Bastelraum die Kinder bespaßen strengt oft zusätzlich stark an. Das liegt an dem ständig laufenden Fernseher. Wenn parallel eine Talkshow, Nachrichten oder ein Kriegsfilm läuft, fällt es mir manchmal recht schwer, mich auf die Kinder zu konzentrieren.
Manchmal ist die gesamte Stimmung aber sehr angenehm und schön. Wenn alle die Eltern, die Kinder und die Freiwilligen in einem Raum sind. Dann wächst das Gefühl von Zusammengehörigkeit. Ist der Fernseher auch der formale Auslöser für die Anwesenheit der Erwachsenen, schweißt uns doch die kurze Unbekümmertheit der Kinder zusammen, macht uns alle zu Verbündeten gegen den gesundheitlich Verfall an dessen Ende immer der Tod zu stehen droht.

Dieman, im Bastelraum
Wenn es um Krebs geht erweist sich das belarusische Gesundheitssystem als sehr sozial. Bei der Krebsdiagnose des Kindes wird ein Elternteil bis zum 14. Lebensjahr für die Dauer der Behandlung bei vollem Gehalt frei gestellt. Vater oder Mutter kann so mit in der Klinik leben und das Kind Tag für Tag begleiten.
Bei anderen Schicksalen wie geistiger und körperlicher Behinderung kann man definitiv nicht vom Sozialstaat reden. Wenn Behinderte oder deren Verwandte überhaupt staatliche finanzielle Hilfe bekommen, fällt diese sehr gering aus.
Morgens sind manchmal noch keine Kinder da. Dann stelle ich meine Sachen ab, gehe in die Zimmer und versuche, mit mehr oder weniger Erfolg, die Kinder in den Bastelraum einzuladen.
Nach 1-2 Stunden Bastelkreis mache ich mich auf und besuche die Kinder in ihren Zimmern. Manche Kinder sind durch die Behandlung so geschwächt, dass sie ihr Zimmer nicht verlassen können. Mit ihnen wird am Bett gebastelt oder je nach Wunsch gespielt.
Kleinkinderstation
Auf der Kleinkinderstation liegen Kinder vom Säuglingsalter bis zum 10. Lebensjahr. Mit den Säuglingen zu arbeiten ist natürlich schwierig, meistens verteile ich meine beiden großen Bilderbücher an die Mütter. Mit 8 Monate alten Kindern lässt sich nun mal recht schlecht basteln und beim Spielen sind sie oft sehr verschüchtert. So lange sie ihre Mutter haben, ist die Welt für sie scheinbar in Ordnung.
Im Prinzip läuft die Arbeit hier genauso wie auf der Infektstation. Nur, dass der Basteltisch nicht im Fernsehraum steht. Es gibt keinen eigenen Raum zum Basteln, aber eine große, helle Bastelecke auf dem Flur. Das macht die Arbeit viel entspannter und offener. Die Kinder, die auf dem Weg ins Zimmer sind, kommen direkt am Tisch vorbei und sind daher eher zugänglich für meine Bastelangebote.
Wenn früher alle gleichzeitig Hilfe, Anregung oder einfach neues Papier brauchten, stellte sich bei mir regelmäßig so etwas wie logistische Überforderung ein. Inzwischen bleibe ich meistens ruhig und versuche, die Kinder zur Geduld zu bewegen.
Auf der Kleinkinderstation habe ich meistens Glück und die Mütter helfen ihren Schützlingen, oder belarussische Freiwillige sind da und helfen mit, oder ich beteilige mich an deren Bastelaktionen.

Dascha, 8 Jahre
Schwierigkeiten
Eine Unsicherheit in der Klinik ist die genaue Diagnose für die einzelnen Kinder. Ich frage nie danach. Für meine Arbeit spielt es einfach keine Rolle, ob das Kind Leukämie, Hirnmetastasen, Lungentumor oder Leberkrebs hat. Das Problem ist, dass ich manchmal nicht weiß, warum das Kind, das vorgestern noch da war, heute nicht zum Spielen/Basteln kommt. Hat es keine Lust, hat es nicht bemerkt, dass ich schon da bin, ist es schon entlassen worden, oder darf es das Zimmer nicht verlassen? Manchmal geht es sehr schnell bergab.
Mischa lernte ich Anfang Dezember auf dem Flur kennen. Er war fit wie ein Turnschuh und gescheit für drei. Zwei Tage später kam er den halben Tag nicht an den Basteltisch. Nach einigen Fragen fand ich ihn und seine Mutter in seinem Zimmer. Er war müde und musste sich übergeben. Als seine Mutter ihn fragte, ob er ein bisschen spielen wolle und mit wem, wollte er mit mir spielen. Wir haben keine 20 Minuten „Mensch, ärger dich nicht!“ gespielt, dann musste er schlafen. Nicht weil er wollte und nicht weil jemand es ihm befohlen hätte, sondern weil er einfach nicht anders konnte.
Ich hätte am liebsten geschrien vor Wut und Traurigkeit – dass ein achtjähriger Junge durch so eine Hölle gehen muss, ist einfach nicht begreifbar und wenn es einen Gott gibt, dann steht außer Frage, dass seine gütige Allmacht nicht existiert.
An einem solchen Tag fällt es schwer, fröhlich und unbekümmert gegenüber den anderen Kindern zu sein. Deswegen besuche ich oft erst die anderen Kinder und am Schluss Mischa. Inzwischen geht es Mischa wieder besser. Er kann und darf das Bett nur kurz verlassen, aber er baut begeistert einen Wackelturm nach dem anderen und reißt sie mindestens ebenso gern wieder ein. Er mault, langweilt sich und fragt ob ich morgen wieder komme. Am Anfang war es gewöhnungsbedürftig, mit glatzköpfigen Kindern, die alle mit Infusionsständer über den Gang laufen, umzugehen. In letzter Zeit kommt verstärkt die krankheitsbedingte Gebrechlichkeit der Kinder dazu.

Mischa und einer seiner Tuerme
Ich muss sagen, es fällt mir oft schwer, locker zu bleiben und nicht in den allgemeinen, bedauernden, so lieb gemeinten Kanon der Krankenhauspädagogen einzustimmen. In der Adventszeit war ein hoher Beamter aus der deutschen Botschaft in der Klinik, brachte Weihnachtsgeschenke und wurde den Kindern vorgestellt. Er hielt eine kleine Rede. Hinterher sagte er wie „arm dran“ doch die Kinder wären, wie bedauernswert. Als ich meinte, dass es in erster Linie ganz normale Kinder wären, fragte er entsetzt: „Was ist denn bei Krebs noch normal?!“.
Ich glaube, dass die meisten Kinder realisieren, wie schwer krank sie sind und dass ihr Leben in vielen Fällen akut gefährdet ist. Aber die Mehrheit der Kinder möchte nicht bedauert werden. Sie wollen spielen, basteln, Unsinn machen, fröhlich sein – wie jedes Kind. Das macht es mir wiederum einfach ihre Gefährdung auszublenden und sie so zu nehmen wie sie sind. Schwerkrank, eingeschränkt in ihren Möglichkeiten und doch voll Neugier und Lebenshunger.
Eine weitere Schwierigkeit war für mich am Anfang die Unklarheit der Struktur. Für jede Station gibt es eine Pädagogin. Auf der Kleinkinderstation ist Aljona die Ansprechpartnerin, auf der Infektstation Larissa, sie ist auch meine „Vorgesetzte“ und hält den Kontakt zu ASF und anderen Hilfsorganisationen. Ich helfe ihr regelmäßig bei Briefen und Emails.
Leben in Minsk
Seit 6 Monaten lebe ich nun in Minsk. Eine Zeit in der man sich an die mehr oder ewiger ästhetischen Betonpaläste gewöhnt. Minsk hat eindeutig Flair, auch wenn dieses grundlegend anders ist als in Berlin oder Dresden. Minsk hat kein richtiges Zentrum, kein Szeneviertel, keine Kneipenmeile. Die Klubs sind über die Stadt verteilt. Die Stadt wird beherrscht vom großen Unabhängigkeitsprospekt und der pompösen Architektur rechts und links entlang desselbigen.
Trotzdem fühle ich mich wohl, wenn ich durch die begrünten Straßen zwischen den Betonneubauplatten laufe. Ich weiß nicht genau, woran das liegt, sicher nicht an der quasi permanenten Polizeipräsenz, sicher nicht an der Verkehrsinfrastruktur, sicher nicht an den täglichen „kleinen“ Sprachproblemen und sicher nicht an den letzten 3 Monaten Schnee, Kälte und Nebel. Okay, ich gebe zu, es gab auch so etwas wie klare, eiskalte und sonnige Wintertage.

Die Siegessäule in Minsk
Vielleicht liegt es an dem Hauch Frühling in der Luft. Vielleicht an unserer wunderbaren Wohnsituation. Vielleicht an der Offenheit der Menschen, sobald man sie näher kennen lernt. Vielleicht an den dezenten Russischerfolgen.
Keine Ahnung. Sicher eine Mischung aus all diesen Sachen. Fakt ist: ich bin am richtigen Fleck, zur richtigen Zeit und mache eine Arbeit, die mir gefällt und die mich bis zum Ende meines Dienstes erfüllen wird.
Mir geht’s gut hier.
Zum Schluss
Danke an Euch ALLE. Ihr fördert mich – ob finanziell, geistig oder mit freundschaftlicher Begleitung – DANKE!!
Ohne Euch: keinen Tag in Barawljanij, kein Wort Russisch, keinen Vodka, keine Russendisko, keine Erfahrungen 2000 km östlich von Weinböhla.
Ich danke euch sehr für diese Einmalige Gelegenheit, die IHR mir Ermöglicht!
Ich danke ASF und dem Programm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung „weltwärts“.
Text und Fotos: Frieder Bickhardt

