Erfahrungsberichte
Zwischenbericht von Sina Storm - April 2009
Skuinsdrif! Mit jedem Tag, den ich hier verbringe scheint das kleine Dörfchen zu wachsen. Bei meiner Ankunft kam mir alles hier so klein und überschaubar vor, dass ich glaubte es innerhalb kürzester Zeit erkunden zu können. Eine Strasse, drei kleine Läden… Doch selbst jetzt, nach einem halben Jahr, kann ich noch immer mit dem Fahrrad durch die Siedlungen fahren, Brote verteilen und tief im Busch versteckte Hütten entdecken, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Auch die Einheimischen überraschen mich in ihrem Verhalten immer von Neuem! Heute habe ich direkt neben unserer Creche ein paar Bananenstauden entdeckt, herausgefunden, dass es nicht sinnvoll ist, Papp mit Milch zu kochen und gelernt was “du lügst” auf Setswana heißt: “O bua maka!” Ja, ich bin froh darüber noch weitere sechs Monate hier im Nirgendwo verbringen zu können, denn nirgendwo anders lernt man die kleinen Dinge des Lebens, menschliche Beziehungen, fließend Wasser und ein Kinderlächeln so zu schätzen wie hier!
Die Arbeit in der Thuto Motheo Creche macht mir nach wie vor riesigen Spaß, vor allem, weil wir nun endlich dabei sind unsere anfänglichen Ziele zu verwirklichen!
Vor den Sommerferien hatte ich des Öfteren das Gefühl in einer Sackgasse zu stehen. In der Creche ging nichts voran; unsere Kindergärtnerin, ein neunzehnjähriges Mädchen, wurde mit der Zeit immer fauler und nahm uns, so habe ich das Gefühl, einen Grossteil unserer anfänglichen Motivation. Wir wurden immer “afrikanischer” und gelassener und nahmen Zustände, die wir zuvor als unzumutbar empfanden nun als alltäglich hin. Mittlerweile ist mir klar geworden, dass Kontinuität hier ein sowohl wichtiger, als auch schwieriger Aspekt ist. Von einem Tag auf den nächsten können mit viel Arbeit aufgebaute Projekte oder Ziele an für uns selten durchschaubaren Gründen zu scheitern drohen. In den letzten Monaten sind wir in der Creche auf viele Hürden gestoßen, die vor allem die Armut und die Mentalität, sowie unzureichende Bildung der Einheimischen betreffen. Die meisten Erwachsenen sprechen kein Englisch und haben in ihrer Kindheit weder Kindergärten noch Schulen besucht. Somit stellte es sich nicht nur sprachlich als kompliziert heraus, sie davon zu überzeugen uns ihre Kinder an zu vertrauen.
All diese Schwierigkeiten hätten wir mit der Hilfe einer ausgebildeten einheimischen Kindergärtnerin überwinden können. Doch da wir selbst gerade erst in die fremde Kultur eingetaucht waren, waren uns viele Verhaltensmuster der Botswana noch unverständlich. Es hieß Geduld zu üben, zu beobachten und zu akzeptieren, dass sich das Leben hier nicht von heute auf morgen mit deutschen Herangehensweisen verändern ließ. Noch jeden Tag lernen wir etwas Neues dazu! Meistens lösten sich die Probleme wie von selbst, stellten sich als Missverständnisse heraus oder wurden mit der Zeit einfach vergessen. Dennoch hieß es für uns “immer am Ball zu bleiben”, nachzufragen und zum x-ten Mal durch die Siedlungen zu fahren um die Kinder erneut einzusammeln und uns mit den Müttern, bei mitgebrachtem Brot und Tee, zu unterhalten um ihr Vertrauen zu gewinnen.
Doch nun haben sich die Umstände sehr verbessert! Endlich haben wir ein neues Crechegebäude und eine neue Crecheteacherin gefunden. Wir sind sehr zufrieden mit ihr; Ouma spricht ausreichend Englisch, ist sehr motiviert und kümmert sich liebevoll um die Kinder. Wir sind im Moment hauptsächlich dabei das neue Gebäude herzurichten. Das neue Schulgebäude befindet sich direkt gegenüber unseres alten Gebäudes und besteht aus zwei schönen großen Räumen. Sobald wir die weiße Farbe von den Fenstern entfernt hatten, wurde uns deutlich wie schön man sie herrichten könnte. Mit aus Deutschland eingetroffenen Spenden haben wir bereits einen Raum gestrichen. Doch es liegt noch viel Arbeit vor uns. Einige Fenster müssen ersetzt werden, ein Garten muss angelegt und ein Zaun gezogen werden (dieses Mal kein Stacheldraht!).
Zum Umzug in das neue Gebäude haben wir auch die Ernährung und Erziehung der Kinder betreffend, viele Änderungen vorgenommen. Beim Entwickeln des neuen Tagesplanes haben wir uns Anregungen aus der Creche in Groot Marico geholt, die sowohl staatlich unterstützt wird, als auch geschulte Crecheteacher besitzt. Denn mit Oumas Unterstützung können wir uns nunendlich darauf konzentrieren die Kinder angemessen auf die Schule vorzubereiten. Unsere ehemalige Kindergärtnerin
erklärte sich nur selten dazu bereit Übersetzungsarbeit zu leisten. Jetzt konnten wir jedoch ein bilinguales Programm entwickeln, in dem die Kinder Redewendungen, Zahlen, Lieder und einfaches Vokabular in Setswana und Englisch spielerisch zu gebrauchen lernen. Auch für uns bietet sich so die Möglichkeit unser Setswana zu verbessern und damit mehr auf die Kinder eingehen zu können.
Um eine ausgewogene Ernährung finanzieren zu können, sind wir gerade dabei das Projekt “Partnership” zu entwickeln, in dem wir für jedes Crechekind einen Paten in Deutschland suchen. Dieser kann sich des Weiteren dafür entscheiden es seinem Patenkind zu ermöglichen an Ausflügen teilzunehmen, sowie es später in der Schule zu unterstützen. Denn leider mussten wir immer wieder feststellen, dass sich viele Mütter nicht darum kümmern ihre Kinder zur Schule zu schicken. Mit unserem ältesten Crechekind, Stembiso, musste ich mehrere Wochen nach Beginn der Schulzeit zur Schule trampen, um die Direktorin davon zu überzeugen, ihn auch ohne passende Schuluniform-Schuhe bei sich aufzunehmen. Schuluniformen sind selbst für die Einheimischen nicht sehr teuer, doch viele Eltern bevorzugen es ihr geringes Einkommen für Alkohol auszugeben. Genauso verhält es sich mit dem Busgeld zum Transport zur Highschool in Groot Marico.
In dem zweiten Raum der neuen Creche starten Melanie und ich nun eine Girls Group. Bislang fehlen uns noch die finanziellen Mittel um den Raum zu streichen sowie Tische, Stühle und weitere Bastelmaterialien zu besorgen. Doch wir haben festgestellt, dass es besonders in Veeplas viele junge Mädchen gibt, die nicht wissen, wie sie ihre freie Zeit verbringen sollen. Die meisten
Jugendprojekte finden acht Kilometer von Veeplas entfernt statt, sodass diese Schulkinder nicht davon profitieren können. Deshalb verbringen viele Grundschüler ihre Nachmittage in der Creche, wo wir uns jedoch lieber auf die jüngeren Kinder konzentrieren würden. Uns ist besonders aufgefallen, wie offen und interessiert die jungen Mädchen uns gegenüber sind. Zweimal wöchentlich werden wir uns nun mit 10 bis 20-jährigen Mädchen treffen, um mit ihnen traditionell zu tanzen, singen, basteln, kochen, Sport zu treiben und nebenbei in lockeren Gesprächen ihr Englisch aufzubessern. Außerdem wollen wir uns mit ihnen über wichtige Themen, wie die Rolle der Frau oder Verhütung und HIV\Aids unterhalten.

