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weltwärts - Der Freiwilligendienst des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Erfahrungsberichte

Erster Bericht von Tobias Reichenbach aus Argentinien - Juli 2009

Projekt: Rincón Nazarí – educación ambiental in Posadas/Misiones, Argentinien

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Erster Bericht vom 20.4.2009 – 08.7.2009

I. Einleitung:
Da ich schon seit langem ein derartiges Projekt machen wollte, habe ich mich entschlossen nach meinem Studium der Biologie mich für einen Freiwilligendienst über das weltwärts-Programm zu bewerben. Dieses Programm erschien mir sehr attraktiv, zumal ich mir einen „kommerziellen“ Freiwilligendienst finanziell nicht hätte leisten können. Ich habe das weltwärts-Stipendium bekommen und arbeite nun über den gemeinnützigen Verein Experiment e.V. in einem ökologischen Projekt – Rincón Nazarí – in Posadas/Misiones, Argentinien. Die Organisation des Freiwilligendienstes, die weitgehend von Experiment e.V. übernommen wurde, ließ nichts zu wünschen übrig. Das Vorbereitungsseminar war sehr gut organisiert und hat uns optimal vorbereitet auf den Einsatz im Gastland. Mein Förderkreis ist mittlerweile auch fast voll, wobei der Großteil der Finanzierung von Privatleuten (Verwandten und Freunden) übernommen wurde. Trotz erheblichem Aufwand bei der Spendensuche kommt nur ein geringer Anteil von Unternehmen. Es hat sich jedoch auch dieser Aufwand gelohnt, ganz abgesehen davon, dass das Spendensammeln für mich die erste neue Erfahrung war und ich schon im Vorfeld Öffentlichkeitsarbeit für die verschiedenen Programmen leisten konnte und interkulturelle Zusammenarbeit und Toleranz thematisiert habe. Im Rahmen meines Freiwilligendienstes arbeite ich außerdem am Projekt-weltbilder mit, ein Projekt das sich die Visualisierung und Veröffentlichung der Erfahrungen der weltwärts-Freiwilligen zum Ziel gesetzt hat, und bin Teil eines Filmprojekts über die Freiwilligen und deren Arbeit. Ich bin nun seit 2,5 Monaten im Gastland. Die Anreise nach Argentinien, die Einführungsveranstaltungen in Buenos Aires und die Weiterreise zu meinem Projekt haben alles einwandfrei geklappt. Nach anfänglichen Problemen mit der Landessprache kann ich mich mittlerweile gut verständigen. Im folgenden ersten Bericht von mir aus Posadas/Misiones, Argentinien werde ich detailliert über meine Arbeit und mein Leben im Gastland berichten.

II. Die Arbeit/Das Projekt

II.1 Rincón Nazarí – Reserva Natural Urbana

Als Biologe mit abgeschlossenem Studium wurde mir von Experiment e.V. ein Projekt in diesem Bereich zugewiesen. DieARG_Tobias_Reichenbach_1_img_3 Asociación Civil Rincón Nazarí ist ein gemeinnütziger Verein, der sich die Vermittlung eines grundlegenden Umweltbewusstseins bei der Bevölkerung zum Ziel gesetzt hat. Herzstück des Vereins ist ein städtisches Naturreservat (reserva natural urbana) mitten in Posadas, der Hauptstadt von Misiones, Argentinien. Das Reservat misst einen halben Hektar und zeigt die einheimischen Flora und Fauna. Es werden keine Tiere gehalten, zu sehen sind die Tiere, die es natürlicherweise in der Umgebung gibt, vor allem Vögel und Insekten bzw. Arthropoden.

II.2 Educación Ambiental
Die Hauptarbeit des Reservates ist es Schulklassen zu empfangen und in etwa 2,5stündigen interaktiven Führungen verschiedene Dinge nahezubringen: einfache ökologische Zusammenhänge und biologische Prinzipien anhand von konkreten organismischen ARG_Tobias_Reichenbach_1_img_4Beispielen zu demonstrieren, die Schulkinder durch gezielte vergleichende Fragestellungen zu systematischem Denken anzuregen, und biologische Kuriositäten und im Allgemeinen die Schönheit und Faszination der Natur zu zeigen. Denn nur was man schätzt wird man auch schützen. Weiterer Schwerpunkt ist die Thematisierung von lokalen und globalen Umweltproblemen und deren Lösung bzw. Vermeidung. Am Ende der Führung dürfen die Kinder einfache Aufgaben selbstständig lösen, die Ergebnisse werden der ganzen Gruppe präsentiert. Das Niveau der Führungen hängt natürlich vom Alter der Kinder ab, es kommen Kinder zwischen 7 und 14 Jahren.

ARG_Tobias_Reichenbach_1_img_6Aufgrund der sprachlichen Hindernisse kann ich noch nicht sehr viel zu den Führungen beitragen, jedoch habe ich mittlerweile begonnen bestimmte Abschnitte selbstständig zu erklären, zum Beispiel die Teile „Kompostierung“ und „Photosynthese und Kohlenstoffkreislauf“. Neben den Schulbesuchen habe ich verschiedene andere Aufgaben im Reservat, unter anderem bin ich für das vivero, die Pflanzenanzucht, und die Kompostierung verantwortlich.

II.3 Vivero
Im vivero züchten wir einheimische Pflanzen, in der Regel Bäume wie zum Beispiel Anchíco, Curupaí oder Incienso, um diese wieder im Reservat zu pflanzen, an Schulen zu verschenken oder im Forstbesitz von Renard Cura anzupflanzen, um die dortige Biodiversität zu erhöhen. Die Pflanzen züchten wir aus Samen die wir an verschiedenen Orten sammeln, oder wir machen Stecklinge von Pflanzen aus dem Reservat oder graben kleine Pflänzchen aus wenn sie keinen Platz zum wachsen haben. Im vivero habe ich bereits viele Änderungen vorgenommen, neue Beete gebaut und mehr Platz geschafft. Um den Samen das Keimen zu erleichtern und um sie vor zu viel Regen zu schützen haben wir ein Gewächshaus aus Eukalyptusstämmen und Plastikfolie gebaut. Das Holz hierfür haben wir im Forstbesitz von Renard geschlagen.
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II.4 Compostaje
Die Pflanzenabfälle die im Reservat anfallen – Blätter, Zweige, abgeschnittene Äste – sowie die organische Küchenabfälle verwenden wir für die Kompostierung um Kompost für das vivero und das Reservat herzustellen. Die Kompostierung habe wir systematisch begonnen, da für die Erzeugung von Kompost in möglichst geringer Zeit einige Faktoren von Bedeutung sind: die Größe des zu kompostierenden Materials, kleinere Stückchen vergrößern die Oberfläche für abbauende Organismen; ausreichend Luftzufuhr und Feuchtigkeit; und das richtige Verhältnis von kohlenstoff- und stickstoffreichem Material. Um die Oberfläche zu vergrößern, haben wir eine Häckselmaschine besorgt und häckseln damit die organischen Abfälle des Reservates. Nach ca. 4 Tagen haben wir bemerkt, dass sich der Haufen mit dem gehäckselten Material deutlich aufgeheizt hat, im Gegensatz zu den Haufen unbehandelter Zweige und Blätter. Der Prozess der Kompostierung funktioniert also sehr gut. Mittlerweile herrschen geschätzte 60-70°C im Inneren des Komposthaufens, was auf die abbauende Aktivität verschiedenster Mikroorganismen zurückzuführen ist. Das ganze System ist jedoch noch ein Experiment für uns, wir werden es in den nächsten Wochen noch optimieren.

Die Grundprinzipien der Kompostierung bringe ich auch den Schulkindern bei den täglichen Führungen bei, damit sie zu Hause Kompostierung betreiben können (siehe Bild oben)

II.5 Instandhaltung des Reservats:
Wenn keine der anderen Aufgaben zu erledigen ist, helfe ich bei der grundsätzlichen Instandhaltung des Reservats mit. Aufgaben hierfür sind zum Beispiel die Instandhaltung der Wege, die Abgrenzung von Beeten, das Ersetzen von Zäunen und Absperrungen, das Pflanzen neuer Pflanzen, Schilder und Infotafeln erneuern, etc.

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II.6 Weitere Aktivitäten von Rincón Nazarí: Bandera Verde
In Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium verleiht die Asociacion Civil Rincón Nazarí an Schulen, die sich umweltmäßig oder ökologisch engagieren ein Umweltzertifikat, symbolisch in Form einer grünen Flagge, der bandera verde. Die Schule muss dafür über einen längeren Zeitraum hinweg (2-3 Jahre) Engagement zeigen und muss ein gemeinnütziges Projekt absolvieren, welches in Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern von Rincón Nazarí erarbeitet wird. Bis jetzt gibt es in Argentinien 3 Schulen mit bandera verde, und mehrere Schulen, die sich dafür beworben haben. Eine Schule in Posadas, die die bandera verde bereits besitzt, arbeitet zum Beispiel daran der Umweltverschmutzung im Viertel der Schule entgegenzuwirken, und verdient darüber hinaus etwas Geld mit dem Sammeln von Plastikflaschen für Recycling, die sonst im normalen Müll entsorgt werden. Mit dieser Schule haben wir kürzlich Bäume aus dem vivero des Reservates in ihrem Viertel gepflanzt.

ARG_Tobias_Reichenbach_1_img_12Viele andere Schulen in Posadas wurden eingeladen sich für die bandera verde zu bewerben, und mit ihren Umweltprojekten der Verschmutzung der städtischen Gewässer entgegenzuwirken, sei es durch Öffentlichkeitsarbeit oder durch praktische Aufräumarbeit.

II.7 Was kommt in der nächsten Zeit an Aufgaben auf mich zu?
-Da ich mit der Sprache mittlerweile einigermaßen sicher bin, hoffe ich mich in Zukunft verstärkt mit den Führungen für die Schulklassen beschäftigen zu können und meine eigenen Ideen einfließen lassen zu können.
-Im Laufe dieses Jahres werden sich hoffentlich mehrere Schulen für die bandera verde bewerben, weshalb viel Arbeit für die Koordination der einzelnen Umweltprojekte notwendig sein wird. Eines dieser Projekte könnte zum Beispiel die Etablierung eines Kompostsystems im Schulhof für die Abfälle des Viertels und der Verkauf des Komposts sein.
-Das vivero und der compostaje sind noch nicht vollständig optimiert, ich werde in den nächsten Wochen weiter an der Optimierung bzw. Instandhaltung meiner beiden Projekte arbeiten.
-Im Oktober/November habe ich geplant zusammen mit einer Professorin der Universidad Nacional de Misiones (UNaM) für die Allgemeinheit einen Workshop über Schmetterling, Insekten und Arthropoden im Reservat zu organisieren.
-Möglicherweise wird das Reservat im Laufe des Jahres erweitert bzw. werden neue Reservate in Posadas entstehen. Sollte dies der Fall sein, werde ich dabei mithelfen.

III. Das Umfeld
Ich bin hier in Posadas sehr gut angekommen und kann gar nicht glauben, dass schon fast 3 Monate vergangen sind. Die Zeit vergeht wie im Flug. Die Leute haben mich sehr gut aufgenommen und ich habe schon viele Freunde gemacht. Die Anpassung fällt mir erstaunlich leicht, ich hatte bis jetzt nicht die Spur eines Kulturschocks. Allerdings gibt es in der hiesigen Kultur viele ARG_Tobias_Reichenbach_1_img_14Gemeinsamkeiten zu der in Deutschland, aber auch viele Unterschiede, positive wie negative. Was mir positiv auffällt ist, dass die Leute allgemein sehr nett sind, ich wurde schon zu vielen Familien zum Essen nach Hause eingeladen und habe viele Einladungen für Ausflüge in die Region erhalten. Die Leute sind sehr interessiert an mir und an Deutschland und löchern mich mit Fragen, was es alles gibt in Deutschland, vor allem die Kinder. Es verwundert sie immer, wenn sie merken, dass es gar nicht so unterschiedliche Sachen gibt dort. Im Allgemeinen sind mir viele Sachen aufgefallen, die alle aufzulisten hier den Rahmen sprengen würden. Es macht mir Spaß Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu entdecken und ich hoffe davon einiges wieder mit nach Deutschland nehmen zu können. Zum Beispiel hat mich die Tatkräftigkeit vieler Leute hier inspiriert, viele Dinge im Reservat selbst in die Hand zu nehmen und zu erledigen.

IV. Fazit
Das Land und die Leute gefallen mir und es ist sehr interessant, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Kulturen auszumachen. Mein Projekt gefällt mir auch gut, die Arbeit ist abwechslungsreich und wird deshalb nicht langweilig, und ich kann meine eigenen Ideen und mein Wissen aus dem Studium einfließen lassen. Bis jetzt habe ich noch keinen einzigen Moment bereut, diesen weltwärts-Freiwilligendienst zu absolvieren und ich freue mich, noch weitere 9 Monate hier in Posadas/Misiones, Argentinien wohnen und arbeiten zu dürfen.


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