Erfahrungsberichte
Erfahrungsbericht von Maximilian Röring aus Bolivien (August 2009 - August 2010)
Mein Jahr im tropischen Regenwald Boliviens
Ein Jahr lang woanders hingehen, etwas völlig Neues kennenlernen und dabei noch etwas Sinnvolles tun. Für viele klingt das utopisch, für mich wurde es Realität. Im vergangenen Jahr, von August 2009 bis Juli 2010, lebte ich ein Jahr lang in Bolivien. Mein Wohnort war ein Dorf namens Rurrenabaque. Es liegt im Tiefland dieses Andenstaates im tropischen Regenwald. Dort habe ich an einer technischen Schule, das „Centro Integrado Boliviano Alemán“, kurz CIBA, mitgearbeitet. Ermöglicht hat das für mich der VNB e. V. und der BeBiBo e.V. aus Hannover im Rahmen des weltwärts-Programms des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). CIBA mit seinen Mitarbeitern und Lehrern, zeigte mir wie Entwicklungshilfe menschennah und effektiv umgesetzt werden kann.
Mit seinen rund 300 Schülern leistet das Zentrum einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung der Region. Den hauptsächlich 20 bis 26 Jahr alten Schülerinnen und Schülern werden derzeit eine 2-jährige Ausbildung zur Sekretärin, eine gleichlange Ausbildung zum Kfz-Mechaniker, unabhängig davon Englischkurse, Computerkurse, Buchführungs-Kurse und seit neuestem auch Gastronomiekurse angeboten. Das Kursangebot der Schule variiert ständig, je nachdem was von der Gesellschaft und der Wirtschaft vor Ort benötigt wird. Die Schule ergänzt das bolivianische Bildungssystem, indem es besonders für finanziell schwache Menschen sehr günstige Weiterbildung ermöglicht. Da das Bildungsprogramm hauptsächlich abends angeboten wird, können die Schüler problemlos tagsüber Arbeiten und abends das Bildungsangebot wahrnehmen.
Wenn man sich vor Augen führt, dass in Bolivien nach der Grundschule für viele Menschen keine Weiterbildung möglich ist, und die Universität nur für einen äußerst kleinen Bruchteil der Bevölkerung zugänglich ist merkt man, wie wichtig alternative Bildungsinstitutionen wie CIBA sind. Für fast alle Familien ist es notwendig, dass die Kinder nach der Grundschule eine Arbeit aufnehmen. Somit schließt sich die Tür zum universitären Bildungsweg. Eine Berufsbildung nach dem deutschen System gibt es nicht. Zudem ist für viele junge Frauen eine berufliche Qualifizierung unmöglich, da häufig die frühe Familiengründung dazwischen kommt. Dem wird durch CIBAs Angebot entgegengewirkt. Durch den schuleigenen Kindergarten können selbst junge Mütter das Schulangebot nutzen und ohne Sorgen lernen, während Ihr Kind nebenan spielt. Damit wird ein wichtiger Beitrag zur Gleichberechtigung von Mann und Frau geleistet.
Durch die Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, des Deutschen Entwicklungsdienstes, der Schmitz-Stiftung, des Arbeitskreises zur Förderung beruflicher Bildung in Bolivien (BeBiBo e.V). und durch Bingo-Lotto konnte seit Gründung der Schule im Jahr 1998 die Infrastruktur der Schule so aufgebaut werden, wie sie bis heute existiert: Zwei Schulgebäude und eine Cafeteria wurden neu gebaut, zwei bereits vorhandene Gebäude renoviert, zwei Werkstätten errichtet und eine provisorisch erbaute Schreinerei in Betrieb genommen.
CIBA bringt mit dieser Bildungsform einen völlig neuen Aspekt der beruflichen Qualifizierung nach Bolivien und ist somit „Vorreiter auf diesem Gebiet“ (Hans-Jürgen Könecke, Gründer von CIBA ). Die Regierung ist sich dessen bewusst. Zwar ist nicht damit zu rechnen, dass durch Mittel der Regierung CIBA am Leben gehalten, geschweige denn Ausgebaut werden kann. Aber sie unterstützt das Zentrum mit Planstellen. Das bedeutet, dass einige der Lehrer und Angestellten der Schule von der Regierung bezahlt werden. Diese Mittel decken jedoch bei weitem nicht den Bedarf an finanzieller Unterstützung.
Der technische Fortschritt der westlichen Länder bringt stetig neue Erkenntnisse und Techniken. Deshalb muss das Zentrum ständig die Lehrinhalte aktualisieren, neue Lehrmittel, neues Werkzeug und neue Vorführgeräte anschaffen. Des Weiteren sind bereits diverse Projekte in Planung, die CIBAs Lehrqualität steigern und das Angebot erweitern, wie zum Beispiel ein Projekte zum Ausbau der Tischlerei oder die Modernisierung der Kfz-Werkstatt. An dieser Stelle sei auch das langfristig angelegte Projekt zur Anhebung des Ausbildungsniveaus auf bolivianisches Universitätsniveau erwähnt, mit dem die Schüler den sogenannten Abschluss des „Técnico Superior“ erlangen können. Diese Projekte können jedoch nur realisiert werden, wenn die nötigen Mittel zusammen kommen.
Ich persönlich hätte mir nie vorstellen können, wie kompliziert Entwicklungsarbeit in diesem Bereich ist. Gerade in einem Land wie Bolivien wird vieles anders gehandhabt, wie wir es aus Deutschland gewohnt sind. Das völlig andere Verständnis von der Zeit und Pünktlichkeit ist nur ein Beispiel für kulturelle Unterschiede, die eine interkulturelle Zusammenarbeit unheimlich erschweren. Ich erinnere mich zum Beispiel noch gut daran, wie ich fast ein ganzes Jahr gebraucht habe, um den Internetzugang für das Zentrum installieren zu lassen. Das mag auf der einen Seite sicherlich mit dem technischen Rückstand Boliviens zusammenhängen, andererseits lag es aber auch einfach nur daran, dass mir die Techniker wohl 364 Mal versicherten, morgen würden sie ganz sicher vorbeikommen und das Internet zum Laufen bringen. Trotzdem konnte das Zentrum in den vergangenen Jahren erfolgreich aufgebaut werden. Nicht nur das, meiner Meinung nach gelang im CIBA etwas wirklich beachtliches, nämlich ein Kulturmix geprägt von deutscher Präzision und Ordnung gepaart mit bolivianischer Gelassenheit, in dem sich sowohl Bolivianer als auch Deutsche zu Hause fühlen können. Das schafft eine Lernumgebung, die trotz der vielen deutschen Einflüssen von den jungen Bolivianern sehr positiv aufgenommen wurde. Die steigenden Schülerzahlen zeigen das deutlich.

