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weltwärts - Der Freiwilligendienst des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Erfahrungsberichte

„Feel free!“ - Erfahrungsbericht eines 14-tägigen "Probeaufenthaltes" in Gambia - April 2009

Mein Name ist Anke Rosenau. Auf Grund einer Meningitis im Säuglingsalter bin ich körperlich beeinträchtigt. Innerhalb meines Wohnbereiches kann ich mich mit Unterarmgehstützen bewegen. Außer Haus und in meinem Studienalltag bin ich auf einen Rollstuhl angewiesen.

Ich studiere an der „Carl – von – Ossietzky – Universität - Oldenburg“ Pädagogik auf Diplom mit der Fachrichtung Sonderpädagogik mit interkulturellem und internationalem Schwerpunkt. Ich bin im Hauptdiplom. In diesem Rahmen suchte ich für mein Praktikum und meine Diplomarbeit ein mich interessierendes und handhabbares Feld. Mein Dozent, Dr. Peter Sehrbrock, Leiter der Arbeitsstelle „Behinderung und Dritte Welt“, regte an, Praktikum und Diplomarbeit im Zusammenhang mit „Dritter Welt“ zu organisieren. Da er langjährige und gute Kontakte nach Gambia hatte und hat, entschloss ich mich, das Angebot von dort anzunehmen.

Die Planung meines Aufenthaltes in Gambia begann bereits im Jahr 2006 in meinem 6. Fachsemester und dauert bis zum heutigen Datum an. Dieser lange Zeitraum ist für mich erforderlich, weil meine Mobilität an technischen support gebunden ist, ich lediglich eingeschränkt schreiben kann und insgesamt erhebliche Assistenz benötige. Trotz meiner Beeinträchtigungen faszinierte mich die Idee „Dritte Welt“, war aber unsicher hinsichtlich der Finanzierung. 2008 erschloss sich für mich die Möglichkeit, meinen Aufenthalt in Gambia als weltwärts-Freiwillige durchzuführen.

Allerdings wollte ich zusätzlich zur allgemeinen pädagogisch-fachlichen Vorbereitung einen Probeaufenthalt in Gambia absolvieren. Dies hat folgende Hintergründe:

  • Zum einen werde ich während meines weltwärts-Aufenthaltes in einer afrikanischen Familie leben und von ihnen auch Unterstützung im pflegerischen Bereich erhalten. Ich fand es wichtig, diese vorher kennen zu lernen, um herauszufinden, ob wir für einen längeren Zeitraum miteinander klar kommen würden. Dazu passend äußerten sich meine „afrikanischen Familienmitglieder“ lediglich mit der Aufforderung: „Feel free!“
  • Zum anderen war nicht klar, ob ich in den strukturellen und organisatorischen Gegebenheiten in dem Land mit meiner körperlichen Behinderung leben könnte.

Mein Probeaufenthalt in Gambia im Kreise „meiner Familie“ fand in der Zeit vom 6. Februar bis zum 20. Februar 2009 statt. Während dieser Zeit konnte ich folgende (behinderungsspezifische) Erfahrungen sammeln:

Der Aus - und Einstieg aus dem und in das Flugzeug in Banjul (Gambia), ist nur über eine lange Treppe möglich. Da ich, wie bereits erwähnt, Rollstuhlfahrerin bin, war der Ausstieg sehr schwierig zu bewältigen und ich musste vom zuständigen Personal getragen werden.

Der Transport, bzw. die Fahrt vom Flughafen Banjul in „meine Heimatstadt“ Sukuta war mit einer längeren Zeitdauer verbunden, denn auch der Einstieg in den Kleinbus war für mich beschwerlich und nur durch Unterstützung meiner „Familie“ möglich.

In Sukuta, nach meinen Kenntnissen beispielhaft für alle Städte Gambias, gibt es in den jeweiligen Stadtkernen keine befestigten Straßen, sondern lediglich „Puder - Sand - Wege“. Dadurch war für mich kein selbständiges Fortbewegen mit meinem Rollstuhl möglich („europäische Reifen“). Auch meine hilfsbereiten „Familienmitglieder“ waren außer Stande, mich auf den unbefestigten Straßen zu schieben, oder zu ziehen. Dadurch war ich gezwungen, mich an meinen Unterarmgehstützen fortzubewegen, was von mir sehr viel Zeit und Kraft forderte. Allerdings war das Klima während dieser Zeit sehr heiß (sommerlich für europäische Verhältnisse), was für meine körperliche Konstitution sehr zuträglich war. Aus diesem Grund war das Gehen für mich nicht mit körperlichen Schmerzen verbunden.

Das Wohnhaus auf dem Grundstück meiner Gastfamilie besteht aus einer Lehmhütte, welche im Eingangsbereich sehr hohe Stufen, sowie im Inneren ebenfalls Schwellen aufweist. Dies hatte die Folge, dass die selbständige Nutzung meines Rollstuhls während meines Probe - Aufenthaltes unmöglich war. Auch in diesem Fall war ich zum Glück in der Lage, mich an meinen Unterarmgehstützen fortbewegen zu können. Dank der Freundlichkeit meiner „Familie“ war ich in der Lage, die hohen Stufen im Eingangsbereich des Wohnhauses zu erklimmen. Die Familienmitglieder setzten vor diese Stufen Pflastersteine. Auf diese Weise waren zwar zwei Stufen vorhanden, aber diese waren so niedrig, dass ich sie trotz meiner geringen Gehfähigkeit selbständig erklimmen und ins Haus kommen konnte.

Ich bewohnte ein eigenes (Schlaf-)Zimmer, dessen Vorraum des Nachts von innen mit einem Schnappschloss verschlossen werden musste. Da mir das Handling aufgrund meiner Behinderung Schwierigkeiten bereitete, schlief während der Zeit stets eine „Schwester meiner Familie“ mit mir im Zimmer.

Über meinem Bett hing aufgrund der hohen Malariagefahr ein Moskitonetz, welches unter der Matratze zu befestigen war. Meine körperlichen Einschränkungen verhinderten die selbständige Handhabung, wodurch ich von einer „Schwester“ ins Bett gebracht, sowie wieder aus dem Bett geholt werden musste.

Von der Familie wurde diese Unterstützung selbstverständlich gewährt. Nur mir war das zu Beginn unangenehm und ich musste mich erst an die Einstellung meiner Familie gewöhnen, dass Hilfe für „schwächere Familienmitglieder“ geleistet wird, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Im Nachhinein empfinde ich diese Einstellung als sehr entlastend.

Anke_Rosenau_Gambia

Ich musste während eines Besuches bei Freunden meiner gambianischen Familie (einmalig) eine einheimische Toilette benutzen (Plumpsklo und Duschrinne), und war danach meiner Gastfamilie umso dankbarer, dass sie auf ihrem Compound eigens für mich eine Baracke (wenn auch ohne Dach) mit europäischer Toilette, sowie einen Abfluss für das Abwasser beim Duschen installiert hatten. Mein Hilfebedarf beim Duschen und Anziehen war höher als in Deutschland und ich beanspruchte meine Schwestern täglich für einen langen Zeitraum. Glücklicherweise erklärte sich speziell ein weibliches Familienmitglied bereit, mir in größerem Umfang täglich zu helfen. Allerdings hat sie zwei kleine Kinder, wodurch ich häufiger in der Dusche auf ihre Hilfe warten musste.

Durch die Nahrungsumstellung wurde ich außerdem von Störungen im Magen - Darm - Trakt heimgesucht, was jedoch zu meiner persönlichen Erleichterung von den Familienmitgliedern als Normalität angesehen wurde. Besonders auf diese Erfahrung bezogen bin ich froh, den vierzehntägigen Probeaufenthalt in Anspruch genommen zu haben; denn hätte ich diese Erfahrung nicht im Vorhinein machen können, wäre ich von den Umständen meiner Erkrankung überfordert gewesen. Als Folge davon hätte ich wahrscheinlich den geplanten halbjährigen Aufenthalt in Gambia nicht durch gestanden. So hingegen, bin ich mit den dortigen Gegebenheiten vertraut und kann mich „entspannt“ und gefasst auf diese Unpässlichkeiten einstellen.

Natürlich ist bei einem Aufenthalt als weltwärts-Freiwillige in einem Entwicklungsland das lernende Arbeiten in einem Projekt struktureller Bestandteil. Bereits während meines Studiums habe ich mich mit dem „Selbständigkeitsgedanken bei körper- und sinnesbehinderten Menschen“ befasst. Zum einen durch meine eigene Biographie, zum anderen, weil ich während meiner Vorbereitungen die Weiterbildung zur „Peer - Counselor ISL“ abgeschlossen hatte. Ich stellte Kontakte zu der einzigen NGO Gambias „G.O.V.I. “ („The Gambia Organisation for the Visually Impaired“) her. Dank eines dortigen Mitarbeiters hatte ich während meines Probe-Aufenthaltes die Möglichkeit, meine Beziehungen zu den Menschen bei G.O.V.I. und die Organisation zu überprüfen.

Die bei G.O.V.I. arbeitenden Sozialarbeiter fördern den Gedanken: „Hilfe zur Selbsthilfe“ in der blinden Bevölkerung Gambias. Diese Tatsache und meine Kenntnisse aus der „Peer - Counseling - Bewegung“, bestärkten mich darin, mein spezifisches Wissen bei G.O.V.I. einzubringen. Die dortigen Mitarbeiter sind mir sehr hilfsbereit entgegengekommen. Auf meine Rückfrage hin, inwieweit ich trotz meiner körperlichen Behinderung am Arbeitsalltag der Sozialarbeiter teilnehmen kann, wurde mir mitgeteilt, es würde von ihnen alles getan, damit meinen Bedürfnissen Genüge getan wird.

Meiner Meinung nach wird allerdings eine Assistenz in meinem Arbeitsalltag vonnöten sein, da die für mich notwendige Unterstützung die Möglichkeiten meiner Mitarbeiter übersteigen könnte. Außerdem wird die Notwendigkeit einer Arbeitsassistenz durch die dortigen (infra-) strukturellen Voraussetzungen untermauert. Dies zeigte sich beispielsweise an folgender Tatsache: Um meine Arbeitsstätte G.O.V.I. in Gambia erreichen zu können, würde ich im Normalfall mit dem Buschtaxi in die nächstgelegene Stadt und von dort aus mit einer Art „Sammeltransport“ zum Zielort gebracht. Ich musste jedoch die Erfahrung machen, dass ich zum einen aufgrund meiner Größe zum anderen aufgrund meiner unsicheren Gangart weder in der Lage bin, ein Buschtaxi zu benutzen, geschweige denn auf der Ladefläche des „Sammeltransporters“ mit zu fahren. Aus diesem Grund wäre ich gezwungen, täglich ein Taxi zu benutzen. Da es von meinen Familienmitgliedern nicht gerne gesehen wird, wenn ich mich außerhalb meines Hauses alleine bewege, wäre ich ohnehin auf eine von Ihnen für positiv befundene Person als Begleitung angewiesen.

Mein Stolz und das mir von der NGO G.O.V.I. entgegen gebrachte Vertrauen in meine Fähigkeiten überwogen die vor mir liegenden Schwierigkeiten, welche der Aufenthalt in Gambia beinhaltete. Außerdem war es für mich eine völlig neue Erfahrung, auf Menschen zu treffen, welche meine Behinderung als gegeben und somit auch den Umstand, dass ich auf Hilfe angewiesen bin, als normal und notwendig erachteten.

Ich freue mich darauf, meine Erfahrungen aus meiner Beratungstätigkeit im „Autonomen Behindertenreferat im AStA der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg“ und meiner Weiterbildung zur „Peer - Counselor ISL“ bei GOVI anwenden und dieses den Menschen dort als eventuelle Bereicherung ihres Alltags näher bringen zu können.

Ich hoffe, den (behinderten) Lesern und Leserinnen meines Erfahrungsberichtes aus meinem Probe - Aufenthalt Mut zu machen, sich ebenfalls auf solch eine Erfahrung einzulassen. Es erscheint vielleicht im ersten Moment als ein sehr großer Schritt. Aber wie bereits beschrieben, empfinde ich den Aufenthalt für mich als körperbehinderte Persönlichkeit definitiv als Bereicherung. Denn das Leben in einer fremden Kultur fördert in meinen Augen einen gelasseneren Umgang mit dem Leben in unserer Gesellschaft.

Ich wünsche allen Menschen, welche sich auch auf solche Abenteuer einlassen möchten, alles Gute und sehr viele positive Erfahrungen – und nicht vergessen:

„Feel free!“.

Oldenburg, 24.04.09
Anke Rosenau

P.S. für interessierte Leser ein literarischer Hinweis: Bénézet Bujo (1993); Die ethische Dimension der Gemeinschaft. Das afrikanische Modell … . Freiburg. Vlg. Herder (neueste Aufl.)


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