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Weihnachten unter pink glitzernden Plastiktannen

Portrait von Sophie Bausch

Ein etwas anderer Erfahrungsbericht

Über Glitzerschmuck, Novenas und die Erkenntnis, dass der Winter keine große Rolle für ein gelungenes Fest spielt: Sophie Bausch hat Weihnachten nicht zu Hause bei ihrer Familie gefeiert, sondern in Cali, Kolumbien. Dort hat sie mit „Schule fürs Leben“ ihren weltwärts-Freiwilligendienst gemacht.

Von drauß‘ von der Hitze komm' ich her...

Lichterketten und Weihnachtsbaumschmuck in allen Farben.
Lichterketten und Weihnachtsbaumschmuck in allen Farben. Foto: Merle Lütje

"...ich muss euch sagen, es glitzert sehr. Allüberall auf den Plastikbaumspitzen sah ich wildblinkende Lichtlein sitzen." Joa, also so ungefähr müsste Theodor Storms Gedicht von Knecht Ruprecht lauten, würde es in Cali spielen. Weihnachtszeit in Cali, Kolumbien, eine für mich zunächst eher merkwürdige Erfahrung. Schwitzend bei gefühlten 30° C und prallem Sonnenschein die Quinta entlang spazieren, vorbei an Geschäften, in denen nichts anderes als Weihnachtsdeko verkauft wird. Die übliche Liebe zum Kitsch macht sich auch an Weihnachten mehr als bemerkbar. Grüne Plastiktännchen, weiße Plastiktännchen mit Glitzer, pinke Plastiktännchen, leuchtende, in allen Farben blinkende Lichterketten und sonstiger Weihnachtsschmuck, soweit das Auge reicht. Jeden Tag die gleichen kolumbianischen Novena-Weihnachtslieder im Radio und – nicht zu vergessen – die Novenas selbst: Abende, an denen die Familien besinnlich um die Weihnachtskrippe sitzen, beten und essen. Auch bei der Arbeit wurde eine große Krippe aufgebaut, um die man sich nachmittags versammelte und die Novenas zusammen feierte.

Adventszeit in Cali

Egal ob draußen ...
Egal ob draußen ... Foto: Merle Lütje

Mit meiner Gastfamilie dekorierte ich einige Wochen vor Weihnachten das Wohnzimmer und das Haus von außen. Abends wirkten die vielen blinkenden Lichtchen in der Dunkelheit und die von Lichterketten beleuchtete Krippe im Haus sogar recht weihnachtlich, trotz der immer noch hohen Temperaturen. Auch bei unseren Nachbarn machte sich der Eintritt der Weihnachtszeit bemerkbar. Die herbstliche Halloween-Deko wurde abgehängt und durch eine weihnachtliche ersetzt. Viele Hauseingänge waren umrandet von üppigen, grün-, rot-, oder pinkfarben glitzernden Plastiktannen-Girlanden. Vor so manchem Haus standen aufblasbare, winkende Weihnachtsmänner, überdimensionale Schneekugeln mit Weihnachtsmann, Rentier und Schlitten. Büsche und Bäume wurden in bunte Blinke-Girlanden gewickelt. So richtig realisieren, dass bald Weihnachten sein sollte, konnte ich trotzdem nicht wirklich.

Die Wochen und Tage bis Weihnachten wurden immer kürzer. Meine Mitbewohnerin Pia und ich suchten immer hektischer Weihnachtsgeschenke und schon war er da. Der 24. Dezember, Heiligabend. Ein Tag, an dem ich schwitzend von der Sonne geweckt wurde. Als ich mich in ein luftiges Kleidchen für Heiligabend geworfen hatte, bekam ich schon morgens um 11 Uhr ein Foto von meiner Familie aus Deutschland geschickt. Menschen in Wollpullis, Schals, gedeckte winterliche Farben, eine festlich leuchtende, echte Tanne, geschmückt mit großen roten Kugeln. Alles wirkte so weihnachtlich. Ich dagegen fühlte mich einfach wie an jedem anderen beliebigen Sommertag in Cali. Nach einem Skype-Gespräch mit meiner Familie, kurz vor Ihrem Weihnachtsessen, sehnte ich mich nach Deutschland zu meiner Familie zurück. Das erste Mal in Kolumbien. Weihnachten, das Fest der Liebe, mit meinen Liebsten in gewohnter Atmosphäre verbringen zu können, das wäre etwas!

Heiligabend unterm Geschenkeberg

... oder drinnen.
... oder drinnen. Foto: Sophie Bausch

Ohne hohe Erwartungen begaben Pia und ich uns am Abend des 24. Dezembers mit allen Familienmitgliedern zu der Schwester unseres Gastvaters. Es dämmerte schon und das einer Finca ähnelnde, hell erleuchtete Haus sah einladend aus. Im Haus erwartete uns neben einem Sektumtrunk ein weihnachtlich und üppig gedeckter Esstisch, sowie ein fast echt aussehender, großer, dunkelgrüner, schlicht, aber schön dekorierter Plastiktannenbaum. Vor dem Tannenbaum lag etwas Altbekanntes, was mich an Weihnachten zu Hause erinnerte, nur ungefähr zehn Mal höher: Ein enormer Berg an Weihnachtsgeschenken, wie ich ihn in meinem Leben noch nicht gesehen hatte. Mindestens 1,50 m hoch türmten sich die Geschenke. Große Pakete, kleine Pakete, RIESIGE Pakete, alles war dabei und es kamen, je mehr Gäste das Haus erreichten, weitere Geschenke dazu...und Pia und ich hatten vorher noch gerätselt, ob es in Kolumbien überhaupt eine Geschenktradition an Weihnachten gibt. Nun gut, jetzt hatten wir die Antwort.

Als die Familie vollständig eingetroffen war, wurde der Heilige Abend mit der letzten und wichtigsten Novena eingeläutet, der Novena zur Geburt von Jesus. Sogar eine unserer Gastcousinen, die in den USA wohnt und deshalb nicht anwesend sein konnte, wurde über Skype dazu geschaltet. Danach gab es das Weihnachtsessen: Kartoffelpüree, einen bunten Salat, Entenpastete und ein sehr leckeres, zartes Fleisch, dass die Nacht im Grill verbracht hatte. Zum Nachtisch wurde ganz traditionell kolumbianisch "Torta negra" (schwarzer Kuchen, der dem deutschen Früchtebrot ein wenig ähnelt) mit Vanilleeis serviert.

Als sich alle satt gegessen hatten, war es Zeit für die von den Kindern ersehnte Bescherung. Diese nahm den größten Teil des Abends ein. Denn der Geschenkberg war nicht nur unglaublich groß, nein, der Weihnachtsmann – ein verkleideter Gastonkel – verteilte jedes Geschenk persönlich. Wie es auch in Deutschland normalerweise der Fall ist, fiel der Geschenkanteil für die Erwachsenen etwas geringer aus als der der Kinder. Dreiviertel des mächtigen Geschenkwalls waren für sechs von 30 anwesenden Personen bestimmt – für die Kinder.

Weihnachtsstimmung hängt nicht vom Wetter ab

Dekoration auf kolumbianisch.
Dekoration auf kolumbianisch. Foto: Merle Lütje

Als es um halb drei morgens nach Hause ging, waren wir so müde, dass wir schon auf dem Heimweg im Auto einschliefen. Um in Jamundi anzukommen und mit der Nachricht aufzuwachen, dass in unserem "Conjunto" (die Wohneinheit, in der die Familie ihr Haus hat) eine Liveband spielt und dort jetzt noch gefeiert, getanzt und getrunken wird. So viel zum Thema Schlafen gehen. Anstatt also wie geplant sofort todmüde ins Bett zu fallen, saß ich noch bis um 5 Uhr mit der Familie und den Nachbarn auf dem Gemeinschaftsplatz des Conjuntos. Meine Gastmutter hat mir sogar noch einige Schritte Salsa beigebracht.

Mein Weihnachten in Kolumbien war definitiv anders als das Weihnachten, dass ich bisher aus Deutschland kannte. Aber dennoch habe ich ein sehr schönes, ja sogar besinnliches Weihnachtsfest verbracht, das ich weder missen möchte, noch vergessen werde. Mir wurde bewusst, dass die typisch weihnachtliche Atmosphäre und Besinnlichkeit gar nicht so sehr von Kälte und Winter abhängt, sondern viel mehr von der Wärme und Nähe der Familie. Egal ob im Sommer bei 30 oder im Winter bei -10 Grad: Wenn man mit lieben Menschen in gemütlicher Atmosphäre vereint ist, dann kommt die besondere Weihnachtsstimmung ganz von alleine auf.