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"Ich habe viel über die Bedeutung der Ökosysteme gelernt"

Portrait von Sophie Banke

Sophie unterstützt eine argentinische Umweltorganisation

Sophie Banke lebt seit August in Pilar, einer kleinen Stadt in Argentinien, circa 50 Kilometer nördlich von Buenos Aires. Dort leistet sie einen Freiwilligendienst bei der Umweltorganisation Asocicación Patrimonio Natural. Sie hat viel über Feuchtgebiete und nationale Politik gelernt.

"In der Baumschule ziehen wir Pflanzen für unser Naturschutzgebiet"

Sophie mit Projektleiterin und Gastmutter Graciela.
Sophie mit Projektleiterin und Gastmutter Graciela. Foto: Sophie Banken

Unter der Woche arbeite ich vor allem im Vivero, also in der Baumschule. Mittlerweile habe ich selbst einen Überblick, was, wann und wie zu machen ist. Das ist vor allem meiner Chefin und Gastmutter Graciela sowie meinem Kollegen Joni zu verdanken, die geduldig meine Unkenntnis der Pflanzen, als auch der spanischen Sprache ertragen haben. Momentan kultivieren wir auf dem Grundstück von Graciela 6.200 Pflanzen 120 verschiedener heimischer Arten. Sie werden für das Naturschutzgebiet, die Reserva Natural de Pilar, benötigt, im Rahmen der Umweltbildung an Schulen abgegeben und an Privatleute verkauft. Ich habe außerdem in einer Ecke des Gartens meinen eigenen kleinen Gemüsegarten angelegt und konnte drei Kürbisse, zehn Tomätchen und hoffentlich bald auch eine kleine Paprikaschote ernten.

"Wir versuchen so viele Dinge wie möglich wieder zu verwerten"

Die Reserva Natural del Pilar.
Die Reserva Natural del Pilar. Foto: Daniela Heblik

Im Recyclingzentrum wird die Hauptarbeit des Klassifizierens und des Abtransports der Wertstoffe von der Kooperative der recuperadores (Wiederverwerter) geleistet. Ich ordne nur ein bisschen das Gröbste und schaue, welche Dinge wir in der Asociación weiterverwerten können. Typischerweise sind das Flaschen und Tetra-Packungen, die als Blumentöpfe genutzt werden. Darüber hinaus habe ich CDs in unseren Feigenbaum gehängt, weil die Mönchssittiche uns die Feigen sonst alle weggegessen hätten. Sie haben ihre abschreckende Wirkung erfüllt und ich kann jetzt, Anfang Herbst, keine Feigen mehr sehen, so viele haben wir geerntet.

Samstags gehen wir in die Reserva. Momentan schaffe ich das nicht immer, da Ausflüge, Sportevents oder ähnliches ebenfalls an den Wochenenden anstehen. Trotzdem bin ich bei den meisten öffentlichen Aktionen im Naturschutzgebiet dabei. Ein Beispiel ist die Exotenkontrolle jeden dritten Samstag im Monat, bei der wir die invasiven, exotischen Pflanzen, die das natürliche Ökosystem zerstören, mit Axt und Machete entfernen. Des Weiteren bieten wir jeden Monat bei Vollmond eine Nachtwanderung an, bei der die Besucher und Besucherinnen die native Flora und Fauna kennen lernen können. Die Nachtwanderungen klingen bei Essen, Gesprächen und Musik am Lagerfeuer aus. Das ist eine Schnittstelle mit dem vierten Pfeiler des Projekts, der Umweltbildung.

"Mittlerweile kann ich meine Kenntnisse schon weitergeben"

Graciela ist Lehrerin der Sozialwissenschaften. Sie und andere Ehrenamtliche halten Vorträge zu Umweltthemen in Kindergärten, Schulen und bei Führungen in der Reserva. Dabei konnte ich selbst viel für mich mitnehmen. Meine Kenntnisse konnte ich bei einer Pflanzaktion mit den Kindern in Personitas, einer Suppenküche für Schulkinder, anwenden. Personitas ist ein weiteres Projekt, das von meiner Entsendeorganisation IN VIA -Köln über das weltwärts-Programm gefördert wird. Dort arbeitet meine gute Freundin und Mitfreiwillige Marie.

Besonders gefreut hat mich, als ich in einer anderen Aktion 140 Studierenden aus den USA, die anlässlich ihres Besuches in Argentinien in der Reserva Bäume pflanzten, die Themen meiner Organisation auf Englisch näher bringen konnte. Allerdings brauchte ich eine Weile bis das Englisch wieder floss, weil ich die ganze Zeit spanische Wörter einsetzen wollte.

"Wir engagieren uns auch global"

Sophie beteiligt sich mit Patrimonio Natural am Klimamarsch.
Sophie beteiligt sich mit Patrimonio Natural am Klimamarsch.

Am 29. November haben wir am weltweiten Klimamarsch mit einer eigenen kleinen Veranstaltung teilgenommen. Ziel der Aktion war es, die Teilnehmenden am Klimagipfel in Paris dazu zu motivieren, dass sie dieses Mal ernsthafte Maßnahmen beschließen. Dazu haben 1.700 Organisationen Bilder von ihren Veranstaltungen an das Kampagnennetzwerk AVAAZ geschickt, das diese Bilder dann in Paris präsentierte. Unser Marsch war 800 Meter lang. Begleitet wurden wir dabei von einer Murga. Murgas sind Gruppen bunt gekleideter Menschen mit Trommeln, die mit Gesang und Tanz gesellschaftliche Themen ansprechen. ihre Wurzeln haben diese Gruppen im Karneval Uruguays. An unserem Zielort informierten wir über Möglichkeiten, etwas gegen den Klimawandel zu tun.

Einmal im Monat treffen wir uns mit den anderen ehrenamtlichen Mithelfern und -helferinnen der Organisation, um Events wie den Klimamarsch oder Aktivitäten in der Reserva vorzubereiten. Dabei wird immer lecker gegessen und nett geplaudert. Besonders schön war es für mich, als die ganze Gruppe zu meinem Geburtstag im Januar zum Empanada und Eis essen kam. Ebenfalls sehr witzig war eine panquequeada, also ein Pfannkuchen Essen, am Vorabend der Wahlen "zu Ehren" der Politiker. Das Wortspiel besteht darin, dass Politiker, die ihre Ideale und Parteizugehörigkeiten so wenden, wie es ihnen gerade passt, hier panqueques (Pfannkuchen) genannt werden.

Warum der argentinische Präsident die Reserva besuchte

Am internationalen Tag des Schutzes der Feuchtgebiete, dem 2. Februar, war der argentinische Präsident Mauricio Macri zu Besuch in der Reserva Natural de Pilar.

Sehr spektakulär war für mich der Aufwand, der für den Besuch nötig war. Im Voraus wurde der mit Schlaglöchern übersäte Weg zur Reserva ausgebessert, die Parkwächtern erhielten neue, saubere Uniformen, das Gras am Eingang wurde gemäht und die alten Schilder ersetzt. Am 2. Februar dann standen wir zusammen mit Lokalpolitikern, Presse und einigen Schaulustigen um 9 Uhr morgens in der Reserva bereit. Der Präsidentenhubschrauber kam, landete Probe und flog wieder. Später landete der Hubschrauber wieder – mit dem Präsidenten und dem Umweltminister. Macri hielt eine dreiminütige Ansprache, kündigte ein Gesetzes zum Schutz der Feuchtgebiete an und wenig später waren die Politiker auch schon wieder weg.

In meinem Projekt wird viel über die Politik hier, im Land und in der Welt geredet und es gäbe für mich noch viele interessante Themen zu berichten. Das Thema des Schutzes der Feuchtgebiete ist für mich das konkreteste Beispiel und dasjenige, mit dem ich bislang am meisten konfrontiert wurde.

"Más humedales, menos inundados" (Mehr Feuchtgebiete, weniger Überschwemmte)

Die Versiegelung von Flächen und der Rückgang von Feuchtgebieten führen zu Überschwemmungen in Wohngebieten.
Die Versiegelung von Flächen und der Rückgang von Feuchtgebieten führen zu Überschwemmungen in Wohngebieten. Foto: Sophie Banken

Feuchtgebiete sind mit etwa 60 Prozent der Biodiversität unseres Planeten nicht nur eines der wichtigsten Ökosysteme. Die natürlichen Überschwemmungsgebiete eines Gewässers nehmen auch wie ein Schwamm Wasser auf und verhindern so die Überschwemmung der umliegenden Wohngebiete. In den letzten Jahren wurden in der Gegend von Pilar viele Feuchtgebiete zugeschüttet und in teure Wohnviertel, sogenannten Countries, umgewandelt. Das sind eingezäunte Wohnviertel, die neben Sicherheit auch Infrastrukturen wie beispielsweise einen Golfplatz anbieten und entsprechende Einkommensklassen ansprechen.

Wo heute das Country San Sebastián steht konnten früher 54.000.000 Kubikmeter Wasser aufgesogen werden. Dieses Wasser weicht jetzt in andere Gebiete aus und richtet dort große Schäden an. Zwei argentinische Freiwillige unserer Organisation berichteten, dass das Haus ihrer Eltern früher nie überschwemmt wurde. In den letzten Jahren stand die Nachbarschaft fünf Mal unter Wasser. Die beiden Freiwilligen konnten mit dem Kanu eine Runde durch ihr Haus drehen. Beim großen Säuberungstag in der Reserva Natural de Pilar konnte man dementsprechend Schuhe, Spielzeuge und andere Besitztümer finden, die aus den Häusern geschwemmt worden waren.