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"Schulbildung für alle"

In den ländlichen Gebieten Panamas ist Schulbildung nicht selbstverständlich

Ronja R. hat nach dem Abitur mit dem Dritte-Welt-Kreis Panama einen weltwärts-Einsatz gemacht. Die Partnerorganisation Centro de Estudios, Promoción y Asistencia Social (CEPAS), bei der sie eingesetzt war, führt seit mehr als 40 Jahren Projekte in den ländlichen Gebieten Panamas durch, mit denen die Lebenssituation der indigenen Bevölkerung verbessert werden soll. In ihrem Abschlussbericht erzählt Ronja vom beschwerlichen Weg der Kinder zu einer Schulbildung.

Ein Land der Gegensätze

Dass Panama zu den Schwellenländern zählt, ist in den ländlichen Regionen, in denen ich tätig war, nicht zu spüren gewesen. Nur wenige Autostunden von Panama Stadt entfernt, sind die Wege nur mit Allradwagen zu befahren. Dort leben Menschen in Lehmhütten mit Wellblech- oder Strohdächern, sehr häufig ohne Elektrizität, fließendes Wasser und sanitäre Anlagen, fernab von einer Schule oder einer Gesundheitsstation.

Am 5. September bin ich zum ersten Mal nach Ciruelar Arriba aufgebrochen. In dieser Bergregion ist die Schulbildung immer noch gering. Die Lehrkräfte werden nach dem Studium von der Regierung verschiedenen Schulen zugeteilt. Diese liegen teilweise sehr abgelegen und sind nur schwer zu erreichen. Oft sind die Lehrer und Lehrerinnen demotiviert, reisen freitags in ihre Heimatstädte ab und kommen erst an im Laufe des Montags wieder. So haben einige Klassen nur dienstags, mittwochs und donnerstags Unterricht. Durch den mehrstündigen Schulweg können viele Kinder nur unregelmäßig oder überhaupt nicht zur Schule gehen. In der Regenzeit bleiben sie häufig zu Hause, da der lange Weg zu gefährlich ist und auch die Lehrkräfte die Schulen nicht erreichen.

Ausbau der Landschule

In Ciruelar Arriba sollte die Schule ausgebaut werden, um allen Kindern eine wohnortnahe Beschulung zu ermöglichen. Der erste Klassenraum war im Vorjahr mit Unterstützung der deutschen Botschaft erstellt worden.

In den ersten Wochen haben wir mit Lorenzo Vázquez, dem Bauingenieur von CEPAS, die Grundrisse vermessen und das Fundament gegraben. Wegen des steinigen Bodens arbeiteten wir mit dem Presslufthammer. Auf der Baustelle wurden Stahlträger im Fundament der Außenmauer mit Beton fixiert. Fast vier Meter ragten diese Stangen in den Himmel. : Für die Mauer, wurden Steine aus einem nah gelegenen Fluss verwendet. Eine Betonmischmaschine, finanziert durch den Dritte- Welt- Kreis Panama, erreichte Ende Oktober das Dorf und beschleunigte fortan den Schulbau.

Bei der Schulerweiterung in Ciruelar Arriba haben viele Eltern ohne Bezahlung mitgearbeitet. Dass der Anbau eines Klassenraums der Zukunft ihrer Kinder zu Gute kommt, war Motivation genug. Nach den Weihnachts- und Neujahrsfeierlichkeiten haben wir die Außenwände und Dachgiebel verputzt, Erde aufgeschüttet und geplättet und zum Schluss den Betonboden gegossen.

Die Kinder erzählen

In unserer freien Zeit hatten wir viel Spaß mit den Kindern. Von ihnen erfuhren wir, dass die Schulkinder barfuß und in Alltagskleidung bei Hitze oder in der Regenzeit bei starken Regengüssen in die Schule gehen und dabei reißende Flüsse oder Erdrutsche überqueren müssen. Kurz vor dem Erreichen des Schulgebäudes wird die Schuluniform angezogen und dazu passende, gepflegte Schuhe. Denn die Uniform ist die einzige Kleidung die täglich gewaschen und (mit heißen Steinen) gebügelt wird.

Abends haben wir uns bei Kerzenschein oder dem Licht einer Taschenlampe unterhalten und mit den Kindern Hausaufgaben gemacht. Die Menschen waren sehr interessiert am Leben in Deutschland: Über meine Hobbys, die Familie, meine gesellschaftliche Stellung, aber auch über Themen wie Bildung und Politik haben wir uns häufig unterhalten.

Bildergalerie

Riesige Wolkenkratzer von Panama
"Riesige Wolkenkratzer, Einkaufszentren sowie die von unzähligen Autos gefüllten Straßen der Hauptstadt bilden einen drastischen Gegensatz zum wenig entwickelten Hinterland."
"Dass Panama zu den Schwellenländern zählt, ist in den ländlichen Regionen, in denen ich tätig war, nicht zu spüren gewesen."
Steine mit einer glatten Seite eigneten sich besonders für den äußeren sichtbaren Teil der Mauer.
"Steine mit einer glatten Seite eigneten sich besonders für den äußeren sichtbaren Teil der Mauer."
Schulgebüude Anbau; Haus mit Dach und Veranda
"Fertig: Durch den Anbau können alle Kinder in Ciruelar Arriba wohnortnah beschult werden."
Schülerinnen im Klassenraum malen eine Weltkarte an die Wand.
"Den Schulraum haben wir mit einer großen Weltkarte gestaltet, da in den meisten Schulbüchern keine abgebildet ist und wir häufig gefragt wurden, wo Deutschland denn liege."

Einblick in das Leben indigener Familien

Geschlafen habe ich im Haus einer der Familien. Es war mich für sehr spannend zu erfahren, mit welchen Pflichten, Aufgaben und Spielen sich die Kinder dort von morgens früh bis spät abends beschäftigen. Es war schön zu sehen, dass man auch mit wenig zufrieden sein kann, wie es besonders die Kinder demonstrieren. Sie bauen ihr Spielzeug aus dem, was sie finden. Mit einem Ball, welcher aus Bändern, Steinen und Pflanzenfasern gebastelt wurde, wurde wochenlang gespielt und immer wieder neue Spiele erfunden.

Aufgefallen ist mir der hohe Stellenwert der Familie. Der enge Zusammenhalt und das aktive Miteinander sind täglich präsent. Die Älteren werden von ihren Kindern gepflegt und leben mit ihnen zusammen. Meistens bleiben die Großeltern mit ihren Enkeln daheim und kümmern sich zum Beispiel um die Zubereitung des Essens.

Die Feldarbeit spannt die indigene Bevölkerung sehr stark ein. Es gibt Monate, in denen die Ernte des Vorjahres kaum mehr zum Leben reicht und gleichzeitig die Arbeit auf dem Feld hart ist. Ein Großteil der Erwachsenen hat nur einen Grundschulabschluss, viele können weder lesen noch schreiben.

Der Schulbesuch: ein Problem für viele Familien

Mit den Eltern konnte ich viele Gespräche führen, bei denen die Bedeutung der schulischen Bildung im Vordergrund stand. Nicht alle Kinder können eine weiterführende Schule besuchen, denn sie werden von ihren Eltern im Haushalt oder auf dem Feld gebraucht. Durch die hohe Geburtenrate stehen viele Familien auch vor einer finanziellen Herausforderung: Die Schulmaterialien sind verhältnismäßig teuer und so müssen für schulische Anschaffungen oft Kleinkredite aufgenommen werden. Oft flüchten die jungen Erwachsenen aus den heimischen Bergdörfern, um in den Städten mehr Geld zu verdienen. Die Zukunft der seit Generationen weitervererbten Landstücke steht in Frage. Wer wird sich im Alter um die Eltern und den Landbesitz kümmern? Haben die Kinder einmal in größeren Städten gelebt, so kommen nur wenige von ihnen wieder zurück.

Ein Dank an die Dorfgemeinden

Alle Menschen, denen ich begegnet bin, waren sehr offen und haben über ihre persönliche Lebenssituation berichtet. Finanzielle Probleme waren ein wiederkehrendes Thema, ebenso wie die Ungleichheit zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen und der unterschiedliche Bildungsstand. Während Großstädte wie Panama City, von den jährlich circa drei Milliarden US- Dollar hohen Einnahmen des Panamakanals profitieren und entsprechende Infrastrukturen besitzen, spiegelt sich diese Entwicklung in den ländlichen Teilen nicht wider. Hier ist die Produktion von Nahrung ein täglicher Überlebenskampf und Bildung nicht selbstverständlich. Oft musste ich mir vergegenwärtigen, dass eine Verbesserung nur in kleinen Schritten erreicht werden kann. Mein Dank geht an die Dorfgemeinden, die mir ihre Lebensweise näher und Herzlichkeit entgegen gebracht haben. Ich werde diese Zeit niemals vergessen!