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Togo – einfach ein “unterentwickeltes“ Land?

Portrait Robin F.

Ein Bericht über die Macht von Sprache und Bildern

In seiner Rückschau auf den Freiwilligendienst in Togo beschäftigt sich Robin F. intensiv mit der Frage der Entstehung von Vorurteilen und Klischees. Er möchte aufzeigen, dass Vorurteile über sogenannte „Entwicklungsländer“ allgegenwärtig und Ausdruck einer Machtposition sind. Er erzählt von seinen eigenen Vorurteilen und versucht dem deutschen Bild von „Afrika“ neue Facetten zu verleihen.

Togo ist ein sehr armes Land, es liegt auf Platz 159 (von 178 Ländern) des Human Development Index. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen liegt bei 59 Jahren. 38 Jahre lang herrschte der Diktator Eyadéma Gnassingbé über das Land, jetzt regiert sein Sohn Faure. Die Hauptstadt Lomé ist Drehkreuz für Kinderhandel. Die Infrastruktur ist ungenügend. Es gibt zu wenig Schulen und Lehrkräfte, das Straßensystem ist mangelhaft.

Falls Du all dies jetzt erstmals hört, kannst Du es auch gleich wieder vergessen. Ich könnte diese einseitige, negative Beschreibung fortsetzen, allerdings möchte ich dies nicht tun. Mein Ziel ist es, für Klischees zu sensibilisieren.

Die Gefahr von einzelnen Geschichten

Die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie versucht in ihrem Vortrag „The Danger of a single story“ ein Bewusstsein für die Gefahren zu schaffen, die von einer einzelnen Geschichte ausgehen. Sie stellt fest, dass eine einzelne Geschichte schnell Auslöser von Vorurteilen, Klischees oder Stereotypen sein kann, da sie immer nur einen winzigen, unvollständigen Ausschnitt aus einem viel komplexeren Zusammenhang zeigt.

Zum ersten Mal habe ich diesen Vortrag bei dem Vorbereitungsseminar der Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen-Anhalt, meiner Entsendeorganisation gehört. Während meines Freiwilligendienstes in Togo, aber vor allem auch nach meiner Rückkehr nach Deutschland, wurde mir klar, wie wichtig es ist, ein Bewusstsein für „single stories“ zu entwickeln. Dieser Bericht soll zum einen ein persönliches Fazit über meinen Freiwilligendienst ziehen, aber vor allem soll er zeigen, dass Vorurteile gegenüber den Ländern des globalen Südens omnipräsent sind. Ich verwende bewusst den Begriff „Länder des globalen Südens“, da der Begriff „Entwicklungsländer“ für mich eine abwertende Konnotation beinhaltet.

Meine eigene „Brille“

Jeder sieht die Welt durch seine eigene subjektive „Brille“. Ich habe sehr persönliche Eindrücke gewonnen und diese Eindrücke können nicht einfach verallgemeinert werden. Meine „Brille“ ist örtlich sehr beschränkt. Ich habe in einem Kinderhaus in der togoischen Hauptstadt Lomé gearbeitet und gelebt und mein Umfeld war begrenzt. Meine Erfahrungen in Lomé können nicht auf das gesamte Land übertragen werden. Doch nun genug der Vorrede.

Ein neues Umfeld

Das Einleben an meinem neuen Lebensort war für mich eine der wertvollsten Erfahrungen meines Freiwilligendienstes. Anfangs war es für mich eine große Herausforderung, ein stabiles Umfeld aufzubauen und Freunde zu finden. Besonders die Hausmütter Maman Sophie und Fati und die 23 Kinder im Heim haben mir geholfen, den mir unbekannten kulturellen Raum zu verstehen und mich einzugliedern. Dabei gab es Hoch- und Tiefphasen und natürlich auch Vorurteile. So glaubte ich beispielsweise, dass die Togoer und Togoerinnen kein gutes Französisch sprechen können und viel „Nachholbedarf“ besteht. Alleine das Wort „Nachholbedarf“ zeigt schon, dass ich eine unfaire Perspektive hatte: Nach dem Muster, in Europa ist alles besser, habe ich gefolgert, dass das Französisch in Togo schlechter sei.

Viele Togoer sind Sprachtalente

Robin und Sophie
Robin mit Sophie im Heim, sie spricht fünf Sprachen

Die französische Sprache ist ein koloniales Rudiment und die togoische Bevölkerung wurde bisher noch nie gefragt, ob sie diese Sprache wirklich behalten möchte. Lokale Muttersprachen wie Ewe, Mina, Kabiyé, Kotokoli und Moba sind die meistgesprochenen Sprachen in dem kulturell und sprachlich sehr heterogenen Land. Nach und nach konnte ich feststellen, dass viele Menschen in Togo wahre Sprachtalente sind.

Die Kinder im Heim, in dem ich gearbeitet habe, können alle mindestens drei Sprachen sprechen, Maman Sophie sogar fünf! Viele Togoer und Togoerinnen sind also mehrsprachig und es entstehen spannende Sprach-Mixe.

Ich habe zum Beispiel das Wort „dron“ gelernt und dachte, dass es ein französisches Wort sei. Diese Annahme war falsch, denn „dron“ heißt „Schrank“ auf Ewe und nicht auf Französisch. Es werden also Wörter aus anderen lokalen Sprachen in das Französische integriert Die Sprache in Togo ist sehr flexibel und mindestens so komplex wie das europäische Französisch. Mein Vorurteil konnte ich demnach widerlegen.

Eine Frage, die mich besonders nach meiner Rückkehr beschäftigt, ist: Warum sind diese und andere Vorurteile dennoch so verbreitet?

Das unfaire Bild von Armut und Krisen

Chimamanda Adichie bemerkt in ihrem Vortrag, dass „single stories“ das Ergebnis der Machtposition des Westens sind. Seit der Kolonialzeit sind es die westlichen Staaten, die aus einer Machtposition heraus kommunizieren und immer wieder die gleiche Geschichte eines armen und primitiven Afrikas erzählen und damit diese einzelne Geschichte zu der Geschichte Afrikas machen.

In den deutschen Medien wird nur von Krisen und Kriegen und nicht von Erfolgen berichtet. Die Berichterstattung konzentriert sich auf das Negative, die Defizite. Die negativen Stereotypen sind oftmals nicht unbedingt falsch, aber unvollständig. Diese Unvollständigkeit ist das zentrale Problem und führt zu Diskriminierungen.

Ein Beispiel ist der Human Development Index der Vereinten Nationen. Dieser Index versucht anhand von Lebenserwartung, Bildungsniveau und Lebensstandard das Entwicklungsniveau festzustellen. Ökologische, psychologische und spirituelle Faktoren werden nicht berücksichtigt. Es wird im Grunde nur die wirtschaftliche Situation bewertet, die aber meiner Meinung nach nichts über die Zufriedenheit der Menschen aussagt. Togo wird als Land mit „niedriger menschlicher Entwicklung“ klassifiziert, das ist entwürdigend und ignorant.

Afrika – ein vielfältiger Kontinent

Die Brauerei Brasserie de Lomé
Die Brauerei Brasserie de Lomé hat ein großes Sortiment mit 10 verschiedenen Bieren und 14 verschiedenen Soft Drinks und ist über die Landesgrenzen hinaus bekannt.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus meinem Aufenthalt in Lomé ist die Tatsache, dass es nicht EIN Afrika gibt, sondern dass Afrika ein enorm großer und höchst vielfältiger Kontinent ist. Stereotypen und „single stories“ sind weit verbreitet. Um sie aufzulösen, hilft ein faires und vor allem möglichst vollständiges Berichten. Um meine einseitige Beschreibung in der Einleitung zu vervollständigen, möchte ich von positiven Geschichten berichten, die mir begegnet sind.

Wer berichtet denn in Deutschland von der lebendigen Demokratie in Ghana? Ich war am Abend der Bekanntgabe des Wahlsiegs von John Mahama im benachbarten Ho (Ghana) und war überrascht von der großen Feier, die sich auf den Straßen abspielte. Die junge ghanaische Demokratie steht vor Herausforderungen, aber sie hat sich konsolidiert. Die Menschen verfolgen die Politik mit großem Interesse. An Taxihaltestellen, auf Märkten oder an anderen öffentlichen Plätzen hört man lebendige Debatten über das politische Geschehen. Tageszeitungen gewinnen immer mehr Leser und Leserinnen, im Fernsehen gibt es interessante Diskussionen über politische, sozioökonomische und kulturelle Fragen.

Wer berichtet vom Tiefwasserhafen in Lomé? Es ist der einzige Hafen in Westafrika, an dem die ganz großen Schiffe anlegen können. Dieser enorm wichtige Handelspunkt für Güter, die bis nach Burkina Faso, Mali und Niger transportiert werden, ist ein wichtiger Arbeitgeber in Lomé und zeigt, dass Togo ein wichtiger Akteur auf regionaler und globaler Ebene ist.

Und wer berichtet vom leckeren Fufu? Dieses Gericht ist typisch für westafrikanische Länder. Es gibt es in verschiedenen Variationen auf Basis von Yams, Maniok, Kochbananen oder anderen Zutaten. Ich habe hier noch kein togoisches Kochbuch gefunden. Falls jemand eines kennt, dann lasse er es mich wissen!

Andere Geschichten erzählen

Ich glaube, dass der entwicklungspolitische Freiwilligendienst weltwärts dabei hilfreich sein kann, andere Geschichten zu verbreiten. Manchmal wird kritisiert, dass Freiwillige viel mehr aus den Gastländern „nehmen“ als sie „geben“. Am Ende ist das vielleicht ein Gewinn für alle. Denn durch die vielen Rückkehrer und Rückkehrerinnen, die eine neue Perspektive gewonnen haben, kann sich das Bild von den Ländern des globalen Südens verändern und die ungleichen Machtverhältnisse sich verschieben.

Freiwillige können die Welt verändern. Am wichtigsten ist dabei unser Beitrag zu einem Wandel in Deutschland. Als Rückkehrer und Rückkehrerinnen haben wir die Verantwortung, verschiedene Brillen aufzusetzen und andere Geschichten zu erzählen!