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Plataforma nacional: Wissen vernetzen – Umwelt schützen

Portrait von Martina

Dominikanische Entwicklungsorganisationen bauen eine Wissensplattform auf

Nach der Prognose von Experten gehört die Dominikanische Republik zu den am stärksten von den Folgen des Klimawandels betroffen Ländern. Im globalen Klima-Risiko-Index rangiert das Land unter den zehn Ländern, die in der vergangenen Dekade am meisten von extremen Wetterereignissen heimgesucht wurden. Umso wichtiger ist es, dass die dominikanischen Organisationen ihr Wissen vernetzen, um gemeinsam Klima- und Umweltschutz voranzutreiben und die Armut zu bekämpfen. Martina Brandt unterstützt als Freiwillige bei der NRO Plan Yaque die Plataforma nacional, die genau diese Aufgabe hat.

„Welch eine Hitze!“

Anfang des Jahres war es hier in den Bergen sehr ungemütlich, so gut wie jeden Tag gab es Regen und Schmuddelwetter. „Qué frío!“ (Wie kalt!), war der erste Satz, den man hörte, egal wen man traf. Menschen in Handschuhen, Schal und Mütze, gehörten zum normalen Bild. Im Februar und März war es wechsel- und frühlingshaft und seit Anfang April herrscht im gesamten Land eine unglaubliche Hitze! Die Temperaturen klettern auf über 36°C im Schatten, unten im Tal und in den Großstädten sind es knapp 40°C. Die Begrüßung der meisten Dominikaner und Dominikanerinnen lautet nun „Qué calor!“ (Wie heiß!).

Brände vernichten Wälder und hüllen Städte in Smog

Martina bestimmt die Wasserqualität des Flusses. Foto: Martina Brandt

Inzwischen ist klar, dass diese nun seit Wochen anhaltende Hitze sehr ungewöhnlich für die Jahreszeit ist. Sie macht nicht nur den Menschen zu schaffen, sondern auch der wunderschönen Natur und der Landwirtschaft: Die Erde ist staubtrocken und wo einst Flüsse waren, gibt es nur noch ausgetrocknete Flussbetten. Pflanzen trocknen aus und für die Bauern ist es eine Katastrophe, dass sie ihre Felder nicht mehr ausreichend bewässern können.

Immer öfter riecht die Luft rauchig. Die Menschen in den Dörfern verbrennen Müll am Straßenrand oder brandroden Flächen für den Ackerbau. Vor allem bei Trockenheit geraten die Feuer sehr schnell außer Kontrolle. Um Constanza breiten sich Waldbrände aus, denn hier gibt es viele Kiefern, die besonders gut brennen. Innerhalb von Tagen war die Stadt von Smog umhüllt. Bei der Arbeit, zu Hause und in den Nachrichten sprechen alle nur noch über das eine Thema. Die untergehende Sonne als roter Feuerball hinter dem dichten Rauch ist zwar ein kleines Spektakel, aber den meisten hier ist bewusst, dass die Lage ernst ist. „Vier Jahre arbeite ich nun beim Umweltministerium, aber so eine Katastrophe habe ich noch nicht erlebt.“, erzählt meine Gastmutter.

Ein Umweltbewusstsein entwickelt sich

Brände sind nur ein Problem, mit dem das Land zu kämpfen hat. Die Abholzung der Regenwälder hat die Wasserversorgung in Gefahr gebracht. Dies bedroht nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch die Wasser- und Stromversorgung der Bevölkerung. Die Turbinen bei den Wassertalsperren müssen bei Trockenheit abgeschaltet werden, Stromausfälle sind häufig.

Diese Situation hat viele Menschen wach gerüttelt, gemeinsam kämpfen sie für eine gesunde Umwelt. Damit dies besser gelingt, haben sich 14 dominikanische Entwicklungsorganisationen zusammengeschlossen, um ein gemeinsames Wissensnetzwerk aufzubauen. Plan Yaque, eine Organisationen, die sich dem nachhaltigen Management des Wassereinzugsgebietes des Rio Yaque verschrieben hat, gehört dazu. Hier engagiere ich mich als Freiwillige.

Eine digitale Plattform entsteht

Umweltvereine vernetzen sich bei einem Workshop. Foto: Ecoselva

Meine Priorität ist das Projekt Plataforma Nacional, also die digitale Vernetzung der Entwicklungsorganisationen auf nationaler Ebene, ein Projekt, das von meiner Entsendeorganisation Ecoselva initiiert wurde. Dafür hat Microsoft uns Office 365 – eine Plattform für Kommunikation und Zusammenarbeit in der Cloud - kostenlos zur Verfügung gestellt. Das deutsche IT-Unternehmen Synalis hat die Anforderungen von Ecoselva auf dieser Plattform umgesetzt und Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Umgang damit geschult, ebenfalls kostenlos.

Ich habe mich in die Erstellung von Wikis auf Office 365 eingearbeitet und schon mal einen ersten Entwurf für einen Artikel (ähnlich denen bei Wikipedia) mit verschiedenen Links zu Unterthemen über Plan Yaque erstellt. Mit einer anderen Freiwilligen habe ich über die Plattform und die App Skype for Business an einem Leitfaden zur Erstellung von Wikis gearbeitet. Diesen Leitfaden haben wir Ende Februar bei der zweiten zweitägigen Konferenz zur Plataforma Nacional in einem Workshop vorgestellt, hier waren alle teilnehmenden Partnerorganisationen sowie Microsoft und Ecoselva vertreten.

Gemeinsames Arbeiten in der Cloud

Im nächsten Schritt galt es allen Mitgliedern meiner Organisation Zugang zur Online-Plattform zu verschaffen und die interne Kommunikation weg von privaten E-Mail-Konten, hin zu den neuen geschäftlichen Konten zu verlagern. Der Vorteil an Office 365 ist, dass alles online an einem Ort ist und dass von jedem Computer aus auf alle Dokumente zugegriffen werden kann. Die Auto-Synchronisation hilft bei wiederbestehender Internetverbindung alle Veränderungen zu aktualisieren, die offline notwendig waren. Über Apps kann zwischen Dokumenten, die online in der Cloud oder im internen Bereich der Organisation (SharePoint) sind, verwaltet werden. Zusätzlich besteht die Möglichkeit direkt über den internen oder öffentlichen Bereich zu kommunizieren, um beispielsweise gemeinsam an Dokumenten zu arbeiten, sich in Online-Arbeitsgruppen zu organisieren, und vieles mehr.

Gesammeltes Wissen digital archivieren

Gemeinsam definieren die NRO wichtige Umweltthemen. Foto: Ecoselva

Seit kurzem bin ich auch Administratorin, so kann ich direkt vor Ort Probleme beheben oder Änderungen vornehmen. Zurzeit sind wir alle noch in der Einarbeitungsphase. Schon bald sollen aber die ersten Helfer zum Scannen kommen, um die ganzen dicken Ordner und Projektberichte zu digitalisieren. Der erste Schritt ist die sorgfältige Archivierung aller Daten, Karten, Fotos, Flyer, Berichte, Videos und Leitfäden, die sich in den letzten 15 Jahren angesammelt haben.

Das Ziel meiner Arbeit bei Plan Yaque ist nicht nur die Digitalisierung aller physischen Dokumente, sondern auch die Erstellung eines Wissensnetzes. Jede Person hat im Laufe des Berufslebens Erfahrungen gesammelt und sich Wissen angeeignet. Das heißt, jeder ist eine Art Experte oder eine Expertin auf seinem bzw. ihrem Gebiet. Wenn alle ihre Erfahrungen und ihr Wissen zusammenfassend auf ihrem Profil präsentieren, findet ein Informationssuchender hier zum Beispiel einen Experten oder eine Expertin zum Thema Wasserqualität und kann die Person über die Plattform kontaktieren.

Meine Gastfamilie und ich: ein eingespieltes Team

Martina hat sich gut eingelebt. Foto: Martina Brandt

Bei meiner Gastfamilie fühle ich mich richtig wohl. Wir sind inzwischen ein eingespieltes Team. Lourdes, meine Gastmutter lässt mir viele Freiheiten, im Gegenzug übernehme ich ein paar Aufgaben im Haushalt. Da ich Probleme mit der Verträglichkeit von einigen Nahrungsmitteln hatte, haben wir uns geeinigt, dass ich mehr für mich selbst koche. Ich darf mich an allem im Kühlschrank bedienen, die Auswahl ist allerdings oft mager. Außerdem wasche ich meine Wäsche selbst in einer „Umrühr-Waschmaschine“. Für diejenigen, die so etwas nicht kennen: Zuerst wasche ich die Wäsche ganz normal in kaltem Wasser und Waschpulver. Die Scheibe am Boden der Maschine sorgt dafür, dass die Wäsche im Wasser gerührt wird. Nach 15 Minuten spüle und wringe ich alles per Hand aus und werfe es zum Schleudern in den rotierenden Korbs. Je nach Wäschemenge brauche ich sechs bis acht Waschgänge, das dauert dann schon mal 3 Stunden. Zum Trocknen hänge ich alles auf Drahtleinen im Innenhof auf.

Natürlich lief nicht immer alles reibungslos zwischen Lourdes und mir, es hat eine Weile und ein paar Konflikte gedauert, bis wir uns richtig kennen gelernt haben. Mit der Zeit habe ich auch gemerkt, dass sie mich einfach nicht kränken möchte und deshalb Dingen zustimmt, die ihr eigentlich nicht so recht sind. Bei den meisten Dominikanern und Dominikanerinnen, muss ich vorsichtig sein, wie und was ich sage. Das fällt mir nicht leicht, denn ich weiß nicht, ob „durch die Blume“ wirklich ankommt, was ich eigentlich sagen möchte. Anfang des Jahres habe ich mich also für eine Aussprache mit Lourdes zusammengesetzt. Ich wollte ihre ehrliche Meinung, um Kommunikationsprobleme zu vermeiden und notfalls Kompromisse mit ihr ausmachen zu können. Seitdem sind wir viel lockerer miteinander.

Gelassenheit lernen

Ich freue mich sehr, dass wir voneinander lernen. Ich lerne von Lourdes zum Beispiel Gelassenheit. Es kommt eben nicht immer so, wie man es geplant hat. Aber ich muss zugeben, in einer schnelllebigen Welt bin auch ich mit meinen Gedanken oft einen Schritt weiter, anstatt mal inne zu halten. Oder vielleicht, den Moment zu leben. Inzwischen fällt es mir leichter; das Leben hier „zwingt“ mich ein bisschen dazu. Anfangs war ich noch voller Tatendrang und wollte schnell Ergebnisse, doch Geduld ist hier der Schlüssel zum Erfolg.

Ich bin sehr gespannt, was mir die Dominikanische Republik noch so bieten wird, was ich noch entdecken und über mich lernen werde. „Auf Reisen kann man sich selbst anders erleben. Denn wenn wir nicht in unserer gewohnten Umgebung sind, fühlen wir oft andere Gefühle und denken andere Gedanken“ (Ralf Senftleben, Zeit zu leben). Diese neuen Gefühle, Gedanken und Eindrücke haben größeren Einfluss auf mich als gedacht und sind sehr inspirierend. Für meine Zukunft und die Welt von morgen ist das nur von Vorteil.