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Durchs Studium die Welt verstehen

Portrait Lars S.

Lars' Erfahrungen in Tansania gaben den Ausschlag für seine Studienwahl

Lars Springfeld hat sein weltwärts-Jahr mit dem Internationalen Bund VAP Kassel an einer English School in Moshi, Tansania verbracht. Während seines Freiwilligendienstes hat er viel über globale Ungleichheit, das Bild von Afrika in der Welt und kulturelle Unterschiede nachgedacht. Deswegen studiert Lars nun Geographische Entwicklungsforschung Afrikas in Bayreuth.

Viele junge Menschen haben vor ihrem Freiwilligendienst noch keinen konkreten Plan für die Zeit danach. So ging es auch mir kurz nach meinem Abitur und vor meinem weltwärts-Jahr in Tansania. „Sich erst einmal auf alles einlassen“ – so lautete meine Devise. Rückblickend war das sicherlich genau die richtige Einstellung, denn Menschen mit anderen Meinungen, Werten und Weltanschauungen zu begegnen, setzt voraus, diese nicht durch die Brille der eigenen Kultur zu betrachten. Das gilt nicht nur für die von uns häufig als „fremd“ und „anders“ wahrgenommenen Menschen in vielen Ländern Afrikas. Dieser Perspektivenwechsel ist wahrscheinlich eine der wertvollsten Erfahrungen meines Freiwilligendienstes.

„Sich erst einmal auf alles einlassen“

Foto: © Lars Springfeld

Wie wichtig es ist, diese Brille der eigenen Kultur abzusetzen, erfuhr ich insbesondere bei meiner Arbeit als Freiwilliger in Tansania. Dort unterstützte ich die Englischlehrer in ihrem Unterricht an der St. Anne English Medium School in Moshi, einem Partnerprojekt des Internationalen Bund VAP Kassel. Nach meiner Ankunft war ich dort erst einmal mit einem völlig anderen Schulsystem als in Deutschland konfrontiert. Den Unterricht empfand ich als sehr autoritär, einige Lehrer erschienen mir kaum ausreichend qualifiziert und Stockschläge waren eine ganz selbstverständliche Art der Bestrafung von Schülern. Nun ist es natürlich sehr einfach, diese Aspekte als Zeichen der „Unterentwicklung“ Tansanias zu betrachten und die ihre Schüler schlagenden Lehrerkollegen zu verurteilen. Oder man kann ihnen unvoreingenommen begegnen und ihr Handeln kritisch hinterfragen, ohne sie dabei gleich in eine bestimmte Schublade zu stecken. Gerade zu Beginn meines Freiwilligendienstes war dieser zweite Weg eine sehr große Herausforderung für mich. Doch bald fragten mich viele Kollegen, wie denn Schule und Erziehung in Deutschland eigentlich funktionierten, wenn man Kinder dort nicht schlagen dürfe. Mit der Zeit konnte ich somit sehr produktive Gespräche über das Thema führen. Das ist sicherlich eine weitere Sache, die ich durch meinen Freiwilligendienst gelernt habe: Wir können nichts zum Positiven verändern, wenn wir anderen Menschen mit einer arroganten Einstellung erklären wollen, wie die Dinge richtig gemacht werden.

Meine Motivation fürs Studium: Die Welt verstehen

Lars mit Schülern bei einem Ausflug zum Lake Manyara Nationalpark © Lars Springfeld

Etwa zur Halbzeit meines Auslandsjahres stellte sich mir dann aber doch die Frage nach dem späteren Studium. Meine neue Brille, mit der ich jetzt in vielerlei Hinsicht verändert auf die Welt blickte, machte mir diese Entscheidung nicht einfacher. Eigentlich ließ sich meine Motivation für ein Studium in nur drei Worten zusammenfassen: Die Welt verstehen. Aber „die Welt“ kann man ja schließlich nicht studieren. Konkret interessierten mich – natürlich auch bedingt durch die Erfahrungen meines Freiwilligendienstes – vor allem Fragen der globalen Ungleichheit, der Entwicklungszusammenarbeit und hier insbesondere der Kontinent Afrika. Gleichzeitig stand ich dem Thema Entwicklung und unserem Afrika-Bild aber auch sehr kritisch gegenüber. Was ist überhaupt „Entwicklung“ und wer setzt die Normen, nach denen ein Großteil der Länder der Erde als „unterentwickelt“ bezeichnet wird? Wieso wird Afrika meist in zwei getrennten Teilen betrachtet und warum wird für Afrika südlich der Sahara in vielen Medien und sogar Schulbüchern oft der rassistische Begriff „Schwarzafrika“ verwendet?

Zufällig traf ich zu diesem Zeitpunkt eine ehemalige Freiwillige, die mir – gerade auf einer Reise durch Tansania – von ihrem Studium der Geographischen Entwicklungsforschung Afrikas in Bayreuth erzählte. Ihre Erzählungen machten mich neugierig, und nach ein wenig Recherche hatte ich genau den richtigen Studiengang für mich gefunden.

Geographische Perspektiven auf Entwicklung

Auch wenn Geographische Entwicklungsforschung erst einmal nach einem sehr spezialisierten Studiengang klingt, bieten sich darin genauso viele unterschiedliche und spannende Perspektiven auf die Welt wie in der Geographie selbst, die wohl so breit gefächert ist wie kaum ein anderes Studienfach. Das liegt vor allem an ihrer Position an der Schnittstelle zwischen Natur- und Kulturwissenschaften und ihrer Interdisziplinarität. Geographinnen und Geographen betrachten die Welt in verschiedensten Perspektiven und Maßstabsebenen. Kaum ein Aspekt unseres Weltgeschehens lässt sich nicht über eine geographische Fragestellung erfassen, auch und gerade in Bezug auf den Globalen Süden:

  • Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Klimawandel und Flüchtlingsbewegungen?
  • Welche Herausforderungen, aber auch Chancen für die Zukunft, ergeben sich aus aktuellen demographischen Veränderungen in Afrika?
  • Wie lassen sich unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklungspfade verschiedener afrikanischer Staaten erklären?
  • Inwiefern besteht ein Zusammenhang zwischen natürlichen Rohstoffen und bewaffneten Konflikten?

An den Fragen lässt sich erkennen, dass geographische Entwicklungsforschung nicht nur theoretisch und im wissenschaftlichen Elfenbeinturm stattfindet, sondern immer auch am Menschen und an konkreten Problemen orientiert ist. Neben eher theoretischen, kritischen Ansätzen, wie z.B. Postcolonial- und Post-Development Studies, bietet das Studium ebenso Anknüpfungspunkte an praktische Anwendungsbereiche, wie z.B. Entwicklungspolitik und Krisen- und Konfliktmanagement.

Der Studiengang wird nur an der Universität Bayreuth angeboten und hat zurzeit etwa 15-20 Studierende pro Jahr. Falls ihr in eurem weltwärts-Jahr ähnliche Erfahrungen gemacht habt und ich euer Interesse wecken konnte, findet ihr auf der Website des Studiengangs weitere Informationen zur inhaltlichen Ausrichtung, dem Bewerbungsverfahren und den Chancen im späteren Berufsleben.