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Ein Jahr in Shishya

Portrait von Karoline R.

Als Freiwillige ihrer Entsendeorganisation KulturLife in Indien

Karoline R. war 11 Monate als Freiwillige ihrer Entsendeorganisation KulturLife in Indien. Dort unterstützte sie ein Projekt der Shishya Society in der Kleinstadt Selaqui im nordindischen Bundesstaat Uttarakhand. Im folgenden Bericht erzählt sie über das Projekt und ihre persönlichen Erfahrungen und Entwicklungen.

Das Projekt

Unterkünfte in Shishya
Unterkünfte in Shishya

Shishya wurde vor mehr als 26 Jahren von Frieda und Ken McRae, einem amerikanisch-kanadischen Ehepaar, gegründet. Die Shishya Society ist ein vielseitiges Projekt, das in drei Bereiche unterteilt werden kann.

Die Shishya Community bezeichnet eine Wohngemeinschaft auf einem "Campus", die etwa 50 Jungen in zwei großen Familien ein Zuhause gibt. Die Jungen im Alter von 4-25 Jahren leben mit Hauseltern zusammen, in zwei verschiedenen Wohnhäusern, dem "small boys house" und dem "big boys house". Materielle Armut, Krankheit der Eltern oder der Tod eines oder beider Elternteile sind Gründe, warum die Kinder nicht bei ihren Familien wohnen. In der Shishya Community werden sie Teil einer großen Familie, in der sie Gemeinschaft und Nähe erfahren und in der der christliche Glaube sowie Werte wie Familiensinn, Respekt, Nächstenliebe, Verantwortung und eine hohe Arbeitsmoral vorgelebt werden.

Weiter gibt es auf dem "Shishya Campus" eine Farm mit zu bestellenden Feldern, einer Molkerei, einer Werkstatt, einer großen Küche, einem Swimmingpool, einem Cricketfeld, Häusern für Freiwillige und die Familie McRae. Durch viele selbst angebaute und produzierte Nahrungsmittel sowie einen Grundwasserbrunnen ist Shishya wie ein unabhängiges kleines Dorf. Die Gebäude und die Farm werden durch die Jungen und Mitarbeiter instand gehalten und betrieben.

Das große Gebäude der Shishya School ist auf dem gleichen "Campus" wie die Shishya Community. Sie ist die Schule der Jungen der Gemeinschaft sowie von etwa 600 Kindern aus Selaquis Umgebung. Einheiten, die Kreativität und Selbstverwirklichung fördern, spielen für Frieda McRae im Schulalltag eine große Rolle, womit sich die Shishya School von sonst viel verbreiteten Schulkonzepten unterscheidet.

Meine Aufgaben

Die Schule auf dem Shishya-Campus

Mein Arbeitsalltag als weltwärts-Freiwillige bei Shishya war geprägt durch meine Funktion als "Karo Ma'am" in der Familie der 16 "small boys" im Alter von 4 bis 13. Die Aufgabe meiner Mitfreiwilligen und mir war es, die "small boys" bei ihren Hausaufgaben und beim Lernen zu unterstützen. Außerdem haben wir die Hauseltern an den Wochentagen unterstützt und an jedem zweiten Wochenende vertreten.

Darüber hinaus habe ich verschiedener Tätigkeiten in der Schule ausprobiert und nach etwa vier Monaten eine Lehraufgabe übernommen: Den Englischunterricht für Anchal, einen 14-jährigen Jungen, der kurz zuvor in die Shishya-Community gekommenen war. Mit minimalen Englisch- Vorkenntnissen musste er sich an einen Campus und an eine Schule gewöhnen, in der im Alltag neben Hindi auch viel Englisch gesprochen wird. Die Aufgabe, als unausgebildete deutsche Freiwillige seinen Englischunterricht zu übernehmen führte dazu, dass ich an mir selbst zweifelte, am Sinn des Unterrichts und an jeglichem positiven Effekt für Anchal.

Andererseits wusste ich, dass ich ganz gut in Englisch bin und gute Grammatikkenntnisse habe. Dazu interessiere ich mich sehr für Vorgehensweisen, mit denen Sprachen gelernt werden. Also wollte ich mich der Herausforderung stellen. Es gibt kein konkretes, empfohlenes Programm dafür, wie Hindi-Muttersprachler am besten Englisch lernen. Wo fängt man also an? Bei den Buchstaben? Bei den Lauten?

Unterricht in der Shishya Society
Unterricht in der Shishya Society

Die Vorbereitung und die Motivation für Anchals Unterricht, der zunächst wenig Erfolge zeigte, forderte sehr viel Disziplin und positives Denken meinerseits. Dazu kamen Anchals Frustrationen, Trauer und Ärger in der fremden Umgebung. Nach acht Monaten als Anchals Lehrerin zeichneten sich endlich Fortschritte ab: er konnte zweisilbige Wörter lesen, leichte Sätze bilden, allmählich sein Vokabular vergrößern und mir sogar Geschichten aus seinem Alltag auf Englisch erzählen. Diese Dinge löschten meine Zweifel an dem Unterricht und meinen Methoden nicht aus, bestärkten aber die Hoffnung, dass sie ein Fundament für Anchals zukünftigen Englischunterricht sein würden.

Die Vormittage meines Arbeitsalltags waren somit hauptsächlich mit der Vorbereitung und Nachbereitung des Englischunterrichts und anderen kleinen Aufgaben von Frieda McRae, der Schulleiterin, gefüllt. Nach der Schule gingen meine Mitfreiwilligen und ich zum Mittagessen ins "small boys house", um hinterher wieder gemeinsam mit den Jungs ihre Hausaufgaben zu machen. Dafür haben wir die Jungs in Kleingruppen aufgeteilt und durften Klassenräume der Shishya School nutzen, um für eine Stunde möglichst konzentriert mit ihnen zu lernen. Nach der sogenannten "study time" gab es eine "work time" für die Jungs und Freizeit für die Freiwilligen bis zum Abendessen. Nach dem sogenannten "dinner" aus Chapati (ein Fladenbrot) und Gemüse gab es oft noch eine zweite "study time".

Spiel und Spaß mit den small boys
Spiel und Spaß mit den "small boys"

An Wochenenden, an denen die Hauseltern Kiran Uncle und Ruth Auntie frei hatten, haben wir Freiwilligen die "small boys" schichtweise die ganzen Tage über begleitet. Diese Wochenenden haben uns die Möglichkeit gegeben, mehr Verantwortung zu übernehmen und die Tage selbst zu gestalten. Im Gegensatz zur "study time", in der ausschließlich gelernt werden sollte, boten die Wochenenden mehr Zeit, um bei spielerischen, kreativen und sportlichen Einheiten persönliche Beziehungen zu den Jungs auf- und auszubauen.

So sehr ich die Tagesabläufe und die Zeit, die ich mit den Kindern gestalten durfte, genossen habe, so haben sie mich auch gefordert. Eine andauernde Verantwortung zu haben, Beispiel zu sein und der Versuch, der hohen Arbeits- und Lebensmoral der Projektleitung und der Hauseltern zu entsprechen, war eine Herausforderung. Genauso wie das Ziel, die richtige Mischung aus Konsequenz und Strenge zu finden und dazu noch Person zu sein, mit der Spiel und Spaß möglich ist. Ein ausgeglichenes Verhältnis von Nähe und Distanz zum Projekt, zu den Shishya-Bewohnern und vor allem zu den Jungs zu haben, war immer ein kritischer Punkt für mich.

Außerhalb Shishyas

Während meiner Zeit in Shishya rückte die Tatsache, dass ich eigentlich in Indien war, ein wenig in den Hintergrund. Vielleicht auch, weil ich mich weder außerhalb noch innerhalb Shishyas jemals wirklich negativ mit indischer Kultur und Lebensweise konfrontiert gefühlt habe. Die Freizeit, die wir an Wochenenden oder in den Schulferien hatten, haben meine Mitfreiwilligen und ich oft für Ausflüge und Reisen genutzt, die ein großartiger Ausgleich zum Alltag in Shishya waren.

Gedanken zur Freiwilligenarbeit in Shishya

Als Freiwillige in Shishya fügt man sich in ein Projekt ein, das seit Jahrzehnten besteht. Am Anfang habe ich Vorgänge, Glauben, Meinungen und Methoden sehr oft mit den mir vertrauten verglichen. Oft dachte ich, wie schön es wäre, das Vertraute nicht in Frage stellen zu müssen, sich weiterhin auf dem deutschen Lorbeerblatt ausruhen zu können. Aber Shishya funktioniert - auch ohne die Freiwilligen -, weil es Menschen wie Frieda, Ken, ihre Kinder, Kiran Uncle und Ruth Auntie gibt, deren Glauben nicht zu schwächen ist und die der Vision, mit Shishya Schicksale zu verändern, ihr Leben widmen.

Auszug aus meinem Tagebuch

"Wer will ich sein in diesem Projekt? Wer bin ich, als Jahres-Freiwillige, neben Personen, die die ganze Kindheit der Jungen prägen werden? Ich bin eine Helferin, die den Hauseltern zuarbeitet, versucht, sie in ihrer Elternrolle zu unterstützen und dadurch das Familiengefühl der "small boys" zu stärken. Ich schraube meinen Wunsch nach Bestätigung und nach Lob zurück. Ich versuche, bescheiden zu sein und es nicht "mein Jahr" werden sondern "ein weiteres Jahr in Shishya" sein zu lassen, das ich mitgestalten und miterleben darf."

Zurück in Deutschland

Ein großes Problem meiner Rückkehr ist, dass sich mein indischer Alltag und meine Freunde aus dem "weltwärts"-Jahr nur schwer mit meinem deutschen Leben verbinden lassen. So dankbar ich über meine positiven Erfahrungen, die ich mitnehmen kann und meine Verbindung zu Nordindien bin, so traurig macht mich die Entfernung, die zwischen Indien, Shishya und mir liegt. Die Arbeit mit Kindern und als Lehrerin in dem 'weltwärts-Jahr' hat mich in dem Willen bestärkt, Lehrerin zu werden. Über das Englisch- und Französisch-Studium hinaus sollen Entwicklungspolitik und Kulturaustausch eine Rolle spielen.