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"Zwischen Villen und Wellblechhütten"

Rückblick auf den Freiwilligendienst in einem Land der Kontraste

Auch wenn Julian R. sich langsam wieder in Deutschland einlebt, wirken die manchmal widersprüchlichen Erfahrungen, die er in Südafrika gemacht hat, nach. Dort hat Julian ein Jahr lang an einer Dorfschule im ländlichen Norden gearbeitet. Der 19-Jährige ist überzeugt: Dieses vielfältige Land wird immer ein wesentlicher Teil seines Lebens bleiben.

Angekommen?

Manchmal bekomme ich einen Schock, wenn ich morgens aufwache und verwundert feststelle, dass ich auf einer soliden Matratze und einem stabilen Bett geschlafen habe. Dass mich keine Kinderstimmen vor der Tür, sondern Geräusche meines Handys aus dem Schlaf geweckt haben. Mir fällt die Stille in meinem Zimmer auf und ich schaue mich vergeblich nach Malin, meiner Mitbewohnerin um. Es sind Momente von kurzer Dauer, denn bald realisiere ich: Ich bin in Deutschland, bin wieder daheim.

Alles vorbei?

Die letzte Zeit in Letlhakane ist erschreckend schnell vergangen. Hier machte ich einen Freiwilligendienst an der Botlhale Intermediate School, wo Kinder der 1. bis 9. Klasse unterrichtet werden. Untergebracht in einer ehemaligen Abstellkammer der Schule, gehörten Schlangen ebenso wie das tägliche Wasserholen zu meinem Alltag. Gemeinsam mit Malin, einer weiteren Freiwilligen aus Deutschland, habe ich die Kinder bei den Hausaufgaben betreut, ein Nachmittagsprogramm sowie Computerunterricht angeboten und die Lehrkräfte beim Unterricht unterstützt. Außerdem gab es ein Fußballteam, das ich mit zwei anderen Jungs aus dem Dorf geleitet habe, und die Vorschulklasse, die Malin zusammen mit einer Erzieherin betreut hat.

Auch nach dem Unterricht blieben viele Kinder noch an der Schule, um mit uns zu spielen oder Hausaufgaben zu machen. Die Arbeit hat mir immer unglaublich viel Spaß gemacht. Meine Entscheidung, nach dem Abitur hinaus in die weite Welt zu gehen, habe ich nie bereut.

Bildergalerie

Foto einer Schulklasse
An der Botlhale Intermediate School werden Kinder bis zur 9. Klasse unterrichtet. Foto: Julian Rodemann
Julian mit einem Kind
Die Arbeit mit den Kindern hat Julian immer sehr viel Spaß gemacht. Foto: Julian Rodemann
Bild der Fußballmannschaft
Nach dem Unterricht hat Julian mit den Kindern Fußball gespielt. Foto: Julian Rodemann
Julian holt mit einer Schubkarre Wasser in Kanistern
Wasser in Kanistern zu holen, ist Teil des Alltags in Letlhakane. Foto: Julian Rodemann

Arm und Reich liegen nah beieinander

Wenn ich heute in meinem Zimmer in Gniebel sitze und an Südafrika denke, dann kommt mir zuerst die N1 im Norden Johannesburgs in den Sinn. Fährt man auf diesem Abschnitt der Autobahn, sieht man rechts Rauch aufsteigen. Hier wird auf dem Feuer gekocht, weil es keinen Strom gibt. In den aus Wellblech zusammen geflickten Hütten des Townships Alexandra leben mehr als 300.000 Menschen auf vier Quadratkilometern zwischen Staub und Müll. Das ist die eine Seite Südafrikas.

Auf der linken Seite erblickt man Zäune, Mauern und Stacheldraht: Die Sicherheitsvorkehrungen der Oberschicht, die abgeschottet von der armen Mehrheit, wie in einer anderen Welt lebt. Diese Welt westlich der N1 heißt Sandton, eine der reichsten Gegenden des Landes. Man sagt, dass es in der Kinderbibliothek im Rathaus von Sandton mehr Bücher gibt als in allen Schulen Alexandras zusammen.

Die riesigen sozialen Gegensätze fielen mir als Erstes auf. Sie lösten Befremden und Unverständnis aus. Ich fühlte mich nicht wohl, bin ich doch selbst Teil der „ersten“ und reichen Welt. Aber im vor Flüchtlingsströmen abgesicherten Deutschland ist die „dritte“ Welt weit weg, sie beginnt südlich des Mittelmeers und wir meinen, uns nicht mit ihr befassen zu müssen. Im Land am Kap der guten Hoffnung aber findet man sie vor der eigenen Haustür, sie ist Teil des Alltags.

Viele Völker- eine Nation

Wenn ich an Südafrika denke, fällt mir aber auch die kulturelle Vielfalt ein. Die Regenbogennation hat elf offizielle Amtssprachen. 13 verschiedene ethnische Gruppen nennen Südafrika ihre Heimat. Auch wenn sich in letzten Jahren einiges getan hat, prägen Rassismus und Vorurteile immer noch das Denken vieler Menschen. Die Apartheid mit der Rassentrennung und Unterdrückung der schwarzen Mehrheit durch die weiße Minderheit lastet als schwere Bürde auf der jungen Demokratie. Auch wenn der Wohlstand noch ungleich verteilt ist, verbessert sich die Lebenssituation der Menschen allmählich. Unter den schwarzen Südafrikanern und Südafrikanerinnen konnte sich eine neue Elite herausbilden, die ein sehr hohes Maß an Wohlstand genießt. Auch eine neue Mittelschicht beginnt sich langsam zu entwickeln.

Stadt und Land – ein Kontrast

Zwischen einem internationalen Handelszentrum wie Johannesburg und einem abgelegenen Dorf wie Letlhakane liegen Welten. Wer eine der herausgeputzten WM-Städte an der touristisch längst erschlossenen Küstenregion besucht, erhält ein komplett anderes Bild von Südafrika als ein Besucher im ländlichen Norden.

Im Großraum Johannesburg werden zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts des Kontinents erwirtschaftet. Jährlich strömen tausende Wanderarbeiter aus den nördlichen Nachbarländern nach Südafrika: in das Land, in dem nach ihrer Meinung Milch und Honig fließt. Südafrika hat zweifellos eine Art Vorreiterrolle auf dem Kontinent inne.

Ich selbst habe in Letlhakane vor allem die ländliche, arme Seite erlebt. Von Anfang an wurden wir Freiwilligen von den Menschen dort, den Batswana, herzlich aufgenommen. Sie haben mir ihre Welt, ihren Alltag gezeigt und von ihnen habe ich mehr über das Leben gelernt, als in zwölf Jahren Schule zuvor. Sie haben mir gezeigt, wie man Hühner und Ziegen schlachtet, wie man Spuren liest und von Hand wäscht. Ohne ihre Hilfe wäre ich in diesem rauen Land verloren gewesen.