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Fußball-WM: „Ich sehe Vorteile für die Gastgeber“

Portrait Jakob

Freiwillige berichten aus Brasilien

Zehntausende, die in den Stadien ihre Mannschaft feiern, bunte Fahnen schwenken, enthusiastisch ihre Hymne mitsingen oder nach Siegen auf den Straßen feiern. Auch das ist die Fußball-WM in Brasilien. Nur schöne Bilder für ein paar Augenblicke? Oder können die Menschen in Brasilien auch langfristig von der „Copa“ profitieren? Lest die Meinung von Jakob T. dazu.

Seit in den Medien zum Confederations Cup 2013 Bilder von teilweise heftigen Straßenschlachten kursierten zweifelte ich wie viele Europäer an der Sicherheit der Fußball-Weltmeisterschaft. Nun erlebe ich in erster Linie ein sicheres Fußballfest. Wenn auch mit bitterem Beigeschmack.

„Die WM ist kein Desaster“

Ich heiße Jakob und bin seit einem halben Jahr als Freiwilliger in Brasilien. Ich wohne im Großraum von Porto Alegre und arbeite in einem Schulkinderhort und einem Kinderheim der katholischen Kirche und habe viel Kontakt zu den Jugendlichen und Familien.

Für mich als enthusiastischer Fußballfan ist die WM eines meiner Lieblingsgesprächsthemen und ich verfolge intensiv die Geschehnisse drum herum. Seit der Vergabe der WM nach Brasilien 2007 liefen viele Dinge in eine falsche Richtung. Die Regierung investierte sehr viele Steuergelder in die Sanierung bzw. Errichtung der 12 WM-Stadien, statt in die Sektoren Medizin und Bildung, wo das Geld wirklich dringend nötig wäre. Und es wurden zu Gunsten dieser Spielstätten ganze Favelas besetzt oder entfernt sowie ihre Bewohner umgesiedelt. An diesen Tatsachen gibt es nichts schönzureden. Jedoch ist die WM kein totales Desaster. Erstens ist Brasilien für mich immer noch das Land des Fußballs, der Gastfreundschaft und des Feierns. Und zweitens sehe ich auf lange Sicht einige Vorteile aus der „Copa“ für die Gastgeber.

Was verbinden die meisten von uns schon mehr mit Brasilien? Samba, Strand und Sonnenschein, Caipirinha, Rio de Janeiro und Regenwald. Dank der Berichterstattung in den Medien im Vorfeld der WM und auch jetzt während des Turniers bekommen viele Europäer eine weniger von Klischees geprägte Sicht auf das Land. Es werden die vorhandenen Missstände offengelegt (die ja nicht erst durch die WM entstanden sind). Und ein Sportevent vom Ausmaß einer Fußball-WM wird hinterfragt.

„Nicht nur sinnlose Stadien“

Man sollte den Kostenaufwand der Regierung auch ein wenig differenzieren. Es wurden ja nicht nur sinnlos Stadien in die Gegend gepflanzt. Der Fußball ist die mit Abstand wichtigste Kultur und Sportart in Brasilien. Neue und renovierte Stadien in den Fußballhochburgen sind eine wichtige Entwicklung des Freizeitangebots. Die Leute definieren sich über den Fußball auf eine Art, wie es sie wohl nur in Brasilien gibt. In Porto Alegre, wo ich lebe, gibt es beispielsweise den Traditionsclubs Internacional. Er hat nun ein renoviertes Stadion, das auch nach der WM gut besucht sein wird. Die vielen Fans hier sind sehr stolz darauf. Zudem hat es brasilienweit bleibende Investitionen in die Infrastruktur gegeben.

Ich sehe die WM auch als einen Faktor für Brasilien, um mit der globalen Entwicklung Schritt zu halten. Es entstehen viele Arbeitsplätze im Bau- und Tourismusgewerbe. Die Welt ist zu Besuch, die englische Sprache, die in den Schulen bisher kaum unterrichtet wird, gewinnt durch die WM und bald durch Olympia 2016 an Bedeutung.

„Die WM fördert die Demokratie“

Durch die WM wird auch die Entwicklung der vergleichsweise jungen Demokratie in Brasilien gefördert. Die Probleme der Armut, der Bildung und des Gesundheitssystems rücken nun bei den Leuten aus allen Gesellschaftsschichten und in den Medien wieder mehr in den Mittelpunkt. Die hohen Ausgaben für die Sportstätten aus Steuergeld hat die Empörung natürlich verstärkt. Ich kenne viele Jugendliche, die mit ihren friedlichen Mitteln für ein besseres Brasilien kämpfen und bei denen die „Copa“ auf diese Art das politische Bewusstsein verstärkt. Das könnte sich bei den Wahlen im Oktober zeigen, bei denen jeder volljährige Brasilianer wählen gehen muss.

All diese Argumente machen Menschenrechtsverletzungen in den Favelas und fehlende Investitionen in notwendige Einrichtungen nicht unbedeutender. Doch man kann daran nichts mehr ändern und deshalb ist die Frage, wie man jetzt mit der „Copa“ umgeht. Ich kann mich im Moment am Fußball erfreuen, hoffe, leide und feiere, unterstütze die Brasilianer und noch mehr unsere Deutschen und werde zum Achtelfinale unserer Nationalelf im Stadion sein. Für mich als junger Deutscher ist diese WM aber auch ein Aufruf, in meinem zukünftigen Leben in einem der reichsten Länder der Welt einen kleinen Teil dazu beizutragen, dass die Welt gerechter wird und sich die Lebensumstände der Menschen verbessern.