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Auf der Straße mit Boliviens Schuhputzern

Portrait von Ellen D.

Begeisterung in den Augen der Kinder – eine große Freude

Ellen Drutschmann ist weltwärts-Freiwillige bei Vamos Juntos in La Paz und unterstützt dort Menschen, die ihre Arbeit als besonders erniedrigend empfinden. Lest hier, wie Ellen ihren Aufenthalt in Bolivien erlebt.

Ich bin als weltwärts-Freiwillige für vamos juntos tätig, eine Hilfsorganisation, die die Schuhputzer in La Paz, Bolivien sozial unterstützt. Die gesellschaftliche Position der Schuhputzer entspricht sozusagen ihrer Arbeitsposition – zu Füßen der Menschen, für die sie arbeiten. Bei den Schuhputzern, die – um nicht erkannt zu werden – während ihrer Arbeit ihr Gesicht hinter einer Maske verbergen, geht die soziale Diskriminierung sehr oft mit einem nur geringen Selbstbewusstsein einher.

Zumeist unterstützen wir Freiwilligen – neben mir sind dies noch drei andere weltwärts-Freiwillige und zwei bolivianische Volontärinnen – auf der Straße vor allem ältere Schuhputzer. Der Großteil von ihnen ist zwar zwischen 25 und 55 Jahren, es gibt aber auch eine Gruppe von Senioren bis zu 88 Jahren, die noch aktiv als Schuhputzer arbeiten, weil sie gezwungen sind, sich so ihren Lebensunterhalt zu sichern. Die Zahl an Kindern und Jugendlichen ist relativ gering, weil vamos juntos es durch seine soziale Arbeit in den letzten Jahren erreicht hat, die wirtschaftliche Situation vieler Familien soweit zu verbessern, dass die Kinder zumindest während der Schulzeit nicht zum Lebensunterhalt der Familie beitragen müssen und regelmäßig die Schule besuchen können.

Kein Bankkonto zum Sparen

Normalerweise beginnt mein Tag im Büro von vamos juntos um 8.30 Uhr. Von hier aus ziehe ich los, um die mir zugeteilten Schuhputzer an ihrem Arbeitsplatz aufzusuchen. Ich erkundige mich nach ihrem Wohlbefinden und berichte ihnen von Aktivitäten und Kursen, die vamos juntos anbietet. Da viele der Schuhputzer kein eigenes Bankkonto besitzen, bieten wir ihnen z.B. die Möglichkeit, mit einem Teil ihrer Tageseinnahmen bei vamos juntos Sicherheitsrücklagen anzusparen. Oft bin ich aber auch einfach nur Zuhörer und zeige Interesse an ihrer Situation. Inzwischen bin ich für viele von ihnen eine wichtige Vertrauensperson geworden.

Neben der täglichen Straßenarbeit gibt es auch immer wieder Fälle, die eine besondere Betreuung erfordern, wie Pablo, ein älterer Schuhputzer aus Villa Fatima. Er wurde auf Grund einer Krebsdiagnose vor zwei Monaten operiert und konnte deshalb längere Zeit nicht putzen. Um ihm dennoch den Lebensunterhalt zu ermöglichen, haben wir ihn zusätzlich zur finanziellen Hilfe bei seinen Arzt- und Medikamentenrechnungen mit Lebensmitteln unterstützt. Diese Lebensmittel habe ich mit ihm regelmäßig zusammen gekauft; so konnte ich auch seine Wohnsituation kennen lernen. Durch diese Kontakte bekommen wir Freiwilligen sehr viel Einblick in den bolivianischen Lebensalltag.

Ich habe auch in unserem Büro immer etwas zu tun. Ich schreibe über jeden Fall, den ich bearbeitet habe, einen kurzen Bericht, um zu garantieren, dass keine Informationen verloren gehen und damit wir für ähnliche Situationen Präzedenzfälle griffbereit haben.

Weil viele vor allem der älteren Schuhputzer Behördengänge und Arztbesuche nicht mehr alleine bewältigen können, begleite ich sie. Da ist z.B. Mario. Er leidet an Rheuma; erschwerend kommt nun noch hinzu, dass er langsam das Gehör verliert. Hörgeräte kosten pro Stück etwa 500,00 US Dollar, das sind leider Summen, die auch vamos juntos für eine einzelne Person nicht aufbringen kann. So bitten wir öffentliche und private Organisationen hier in La Paz um Unterstützung.

Begeisterung in den Augen der Kinder – eine große Freude

Ellen D. mit einem der Schuhputzer in La Paz
Ellen D. mit einem der Schuhputzer in La Paz

In der Regel endet mein Tag um 17.30 Uhr. Dann habe ich oft Gelegenheit, die bolivianische Kultur kennenzulernen, zum einen weil ich viel Zeit mit den Leuten aus meinem Team verbringe, aber auch, weil wir von Schuhputzern zu verschiedenen Familienfesten wie Hochzeiten oder Taufen eingeladen werden. So lerne ich nicht nur etwas über Bolivien, sondern kann auch etwas über die deutsche Kultur und Geschichte erzählen.

Es gibt in Bolivien sehr viele Feste, nicht nur die kirchlichen Feiertage, die wir in Deutschland kennen, sondern auch die verschiedenen Berufsgruppen werden berücksichtigt, die Kinder, Schülerinnen und Schüler, ebenso Hunde, bestimmte Krankheiten oder Nahrungsmittel. Dann feiern wir mit den Schuhputzern und ihren Familien, um zum einen bei Spiel und Spaß ein Gemeinschaftsgefühl untereinander aufzubauen, und zum anderen bestimmte Themen in Seminaren oder Gruppen zu bearbeiten und zu diskutieren.

Am 12. April, dem Kindertag, war das ganze Team von vamos juntos verkleidet und begrüßte die Kinder als Engel, bolivianische Folkloretänzerin, Sonnenblume, Clown, Sherif und bolivianischer Bauer. Wir prämierten die besten Schülerinnen und Schüler des letzten Jahrgangs. Sie hatten sich im Vorfeld etwas Besonderes für die Schule aussuchen dürfen, z. B. einen neuen Rucksack, einen Taschenrechner oder einen Trainingsanzug. Aber auch für die anderen gab es eine Verlosung von Kinoeintrittskarten und Sporttaschen. Großes Highlight war in diesem Jahr aber ein Kinobesuch; für viele Kinder war es das erste Mal, dass sie sich einen Film im Kino ansehen konnten. Die Begeisterung in den Augen der Kinder hat mir große Freude bereitet.

Anstrengungen sind sinnvoll und lohnenswert

Solche Erfahrungen machen die häufigen anstrengenden Tage wieder wett, sinnvoll und lohnenswert. Jetzt geht meine Zeit bald zu Ende und die neuen Freiwilligen kommen. Wir werden noch die Möglichkeit haben, sie in unsere Aufgaben einzuführen. Das ist uns sehr wichtig, so wissen wir auch, dass unser Engagement weitergeführt wird.

Als ich mich damals auf der Einsatzplatzbörse bei www.weltwaerts.de über die einzelnen Organisationen informiert habe, ist mir vamos juntos sofort ins Auge gefallen. "Aufsuchende soziale Straßenarbeit", dass hörte sich doch mal nach was anderem an. Straßenarbeit war genau das, was ich mir gewünscht hatte. Bei vamos juntos habe ich den täglichen Kontakt zu den Menschen, ich bin viel unterwegs, und die Aufgaben sind sehr abwechslungsreich. Als weltwärts-Freiwillige bei vamos juntos fühlen wir uns als vollwertige Mitglieder des Teams in La Paz. Hier wird es nie langweilig – es gibt immer viel zu tun und wir können sehen, wie das eigene Engagement Früchte trägt. Dies gefällt mir sehr, auch jetzt noch nach elf Monaten. Nach dem Abitur für ein Jahr nach Bolivien zu kommen und bei vamos juntos meinen Freiwilligendienst zu machen, war eine der besten Entscheidungen meines bisherigen Lebens.

Wenn ich noch einmal vor dieser Entscheidung stünde: ich würde mich sofort wieder bei vamos juntos für weltwärts bewerben!