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Callescuela: Erziehung auf der Straße

Förderung von arbeitenden Kindern in Paraguay

Seit mehr als 30 Jahren setzt sich der kleine Verein Callescuela in Paraguays Hauptstadt Asunción für Kinder und Jugendliche ein, die mit ihrer Arbeit zum Familieneinkommen beitragen müssen. "Educando en la calle", also Erziehung auf der Straße, ist das Motto der Organisation, die genau dort tätig ist, wo die Kinder arbeiten: am Busbahnhof, auf dem Großmarkt und in den Armenvierteln. Weltwärts hat die Organisation besucht.

Am Busbahnhof von Asunción

Der Busbahnhof von Asunción ist hektisch, laut und heiß; das Thermometer hat die 40-Grad-Marke überschritten. Die Abgase der über 1.000 täglich ein- und ausfahrenden Busse vermischen sich mit dem Geruch des Essens, das von ambulanten Händlern angeboten wird. Schätzungsweise 25.000 Reisende werden jeden Tag durch den Busbahnhof geschleust. Dieser Ort also ist Arbeitsplatz einer Gruppe von 18 Kindern und Jugendlichen zwischen zehn und 18 Jahren.

Ein langer Arbeitstag

Ihr Tag beginnt früh. Zwischen sechs Uhr morgens und zwölf Uhr Mittag arbeiten die Jungen als Schuhputzer oder lustrabotas, wie man in Paraguay sagt. Einige von ihnen wohnen nahe des Busbahnhofs, andere haben bereits einen Arbeitsweg von zwei Stunden hinter sich. Am Nachmittag besuchen die Jungen die Schule. In den Pausen steht ihnen ein Raum im Busbahnhof zur Verfügung, in dem Callescuela sich um die Kinder kümmert und sie bei den Hausaufgaben unterstützt.

Außerdem hilft Callescuela den Schuhputzern dabei, sich selbst zu organisieren. Gemeinsam legen sie Arbeitszeiten und Preise fest, organisieren Freizeitaktivitäten und treten gemeinsam mit anderen Gruppen von Kinderarbeitern und –arbeiterinnen auf nationaler Ebene für ihre Rechte ein. Das ist sehr wichtig, denn ihre Tätigkeit ist im Land nicht hoch angesehen, viele Menschen halten die Kinder sogar für Kriminelle. "Viele Leute haben Angst vor uns, erzählen die Jungen, aber für uns ist die Arbeit einfach eine Notwendigkeit. Wenn wir nicht arbeiten, können wir nicht die Schule besuchen". Ihren Verdienst, etwa sechs Euro am Tag abzüglich der Kosten für Bus und Essen, geben sie zu Hause ab.

Bildergalerie

Die Freiwilligen unterstützen Callescuela bei der Betreuung der Kinder.
Die Freiwilligen unterstützen Callescuela bei der Betreuung der Kinder. Foto: Daniela Heblik
Nilsa engagiert sich für ihr Stadtviertel.
Nilsa engagiert sich für ihr Stadtviertel. Foto: Daniela Heblik
Eine Gruppe von Müttern hat sich zusammengeschlossen, um die Entwicklung in ihrem  Viertel voranzutreiben.
Eine Gruppe von Müttern hat sich zusammengeschlossen, um die Entwicklung in ihrem Viertel voranzutreiben. Foto: Daniela Heblik
Zwischen Arbeit und Schule treffen sich die Schuhputzer, um ihre  Hausaufgaben zu machen.
Zwischen Arbeit und Schule treffen sich die Schuhputzer, um ihre Hausaufgaben zu machen. Foto: Daniela Heblik
Purita hat es geschafft. Nach Abschluss des Studiums arbeitet sie für Callescuela als Erzieherin.
Purita hat es geschafft. Nach Abschluss des Studiums arbeitet sie für Callescuela als Erzieherin. Foto: Daniela Heblik

Das Einkommen der Kinder ermöglicht den Schulbesuch

Es ist in Paraguay normal, dass bereits Kinder auf der Straße arbeiten und so ihre Familien finanziell unterstützen. Viele Familien könnten den Schulbesuch nicht finanzieren, wenn die Kinder nicht zum Einkommen beitragen würden. Arbeit ist für die Kinder also wichtig, um der Armut zu entkommen und sich Perspektiven zu eröffnen. Erlaubt ist die Arbeit für Kinder ab 14 Jahren. Weil Callescuela die Kinder betreut und den Schulbesuch gewährleistet, dürfen diese bereits ab einem Alter von zehn Jahren arbeiten gehen.

Die Landflucht drängt Familien in die Armut

In dem südamerikanischen Staat werden seit Jahrzehnten Kleinbauern und Indigene von Sicherheitskräften oder paramilitärischen Gruppen eingeschüchtert oder mit Gewalt von ihrem Land vertrieben. Sie weichen Großkonzernen, die in riesigen Monokulturen Soja für den Export produzieren. Die Menschen fliehen in die Städte.

Die Stadtverwaltungen sind mit dem stetigen Zustrom überfordert, es entstehen Armenviertel ohne ausreichende Infrastruktur. Schätzungsweise 2,4 Millionen der 6,5 Millionen Einwohner und Einwohnerinnen des Landes leben aufgrund des Landkonflikts in Armut und müssen ihren Lebensunterhalt mit weniger als zwei Dollar täglich bestreiten.

Die Menschen helfen sich selbst

In genau diesen Armenvierteln der Hauptstadt Asunción arbeitet seit 30 Jahren der gemeinnützige Verein Callescuela und setzt sich für über 200 benachteiligte Kinder und Jugendliche ein. Der Schwerpunkt liegt in der Förderung von Kinderarbeitern und -arbeiterinnen.

Callescuela setzt sich für die Rechte der Kinder ein, stärkt ihr Selbstbewusstsein und fördert ihre Bildung. Alle Kinder können die Hilfe der Organisation in Anspruch nehmen, vorausgesetzt sie besuchen eine Schule.

Das Konzept scheint aufzugehen. Purita, eine lebensfrohe und sehr selbstbewusste junge Frau, ist bei ihrer Großmutter in einem der Armenviertel aufgewachsenen. Mit Hilfe von Callescuela haben sie und andere Kinder sich organisiert, um sich gegen Misshandlungen und Missbrauch durch Ältere zu wehren. Heute hat Purita einen Abschluss in Psychologie und Sozialarbeit und arbeitet für Callescuela als Erzieherin. Wer hier arbeitet, tut dies aus Überzeugung. "Wenn ich ein paar Kindern mit meiner Arbeit helfen kann, so ist das für mich Belohnung", meint Purita. Stolz zeigt sie die verschiedenen Wirkungsbereiche der Organisation.

Obst verkaufen statt lernen

Im Großmarkt bietet Callescuela eine Suppenküche für Kinder an. Ihre Mütter arbeiten vor den Toren des Marktes als ambulante Marktfrauen. Sie kaufen Maiskolben, die sie geschält weiterverkaufen oder Obst, das in kleineren Mengen an den Hauptverkehrsstraßen angeboten wird. Die Kinder müssen dabei helfen. Trotzdem reicht der Verdienst gerade für das Lebensnotwendige. Mais und Obst werden auf Kredit eingekauft, erzählt Purita. Die Zinsen für den Kredit betragen zwischen 30 und 50 Prozent und fressen einen Großteil des Verdienstes wieder auf. In der Suppenküche erhalten die Kinder mittags eine warme Mahlzeit. Außerdem können sie hier ihre Aufgaben erledigen. Wenn die Mütter zu viel Druck auf die Kinder ausüben, damit diese beim Verkauf helfen statt zu lernen, unterstützen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Callescuela die Kinder und sprechen mit den Müttern.

Mütter schließen sich zusammen

In Via Elisa hat sich eine Gruppe von Müttern zusammengeschlossen, um gemeinsam mit Callescuela die Entwicklung in ihrem Viertel voran zu treiben. Die Mütter haben sich unter einem Baum versammelt, die Nachbarn eingeladen und angefangen, sich zu organisieren. Sie sind von Haus zu Haus gegangen, um das Geld zu sammeln, das für den Bau eines kleinen Gemeindezentrums notwendig war. Hier werden kleine Kinder betreut und Schulkinder bei den Hausaufgaben unterstützt. Jedes Kind erhält ein Essen. Die Erzieher und Erzieherinnen werden von Callescuela gestellt.

Nilsa ist eine der Mütter, die sich engagiert. "Wir haben sehr viel gelernt, zum Beispiel über die Rechte von Kindern, Jugendlichen und Müttern", erzählt sie. Dabei wird die Guampa mit dem Tereré herumgereicht, also ein Trinkgefäß mit dem traditionellen, kaltem Mate-Tee. "Wir haben gelernt bei der Gemeindeverwaltung und bei Hilfsorganisationen an die Türen zu klopfen. Heute sind wir bekannt als eine Gruppe, die Lösungen bietet."

Mach mit bei Callescuela!

Seit fünf Jahren unterstützt weltwärts das Projekt. Vier Freiwillige leisten ihren Dienst in den verschiedenen Vierteln, in denen Callescuela arbeitet. Sie betreuen die Kinder, helfen ihnen bei den Hausaufgaben, geben Mahlzeiten aus und machen Ausflüge mit ihnen. Zu Beginn ihres Dienstes können sie die Arbeit in den verschiedenen Vierteln kennenlernen, bevor sie sich für einen Bereich entscheiden.

"Als ich ankam, hatte ich noch keine Erfahrung in der Arbeit mit Kindern", erzählt Wiebke. "Ich habe einfach beobachtet, wie die Erzieherinnen und Erzieher mit den Kindern umgehen. Durch die Routine habe ich mich hier eingefunden. Und die Besuche bei den Familien haben mir geholfen, die Situation der Menschen hier zu verstehen. Die Leute sind sehr offen". Trotzdem ist der Freiwilligendienst nicht ganz einfach. Denn die meisten Menschen in Paraguay sprechen eine schwer verständliche Mischung aus Spanisch und der indigenen Sprache Guarani. Deshalb hat sich Lisa vorgenommen Guarani zu lernen. Sie hilft den Schuhputzern im Busbahnhof bei den Hausaufgaben.

Auch Anna und Sonja sind begeistert. Den viel beschworenen Kulturschock haben sie selbst nicht erlebt. "Wir sind angekommen und fanden sofort alles ganz normal", erzählen sie. "Callescuela ist einfach eine tolle Organisation, die den Kindern eine Identität gibt und Selbstwertgefühl vermittelt. Arbeitende Kinder sind ja nicht automatisch verwahrloste Straßenkinder oder Drogenabhängige".

Du möchtest einen Freiwilligendienst bei Callescuela machen? Drei Organisationen bieten den Freiwilligendienst bei Callesucuela an.